SENDETERMIN So., 20.06.21 | 23:35 Uhr | Das Erste

Wie mit Kunst Politik gemacht wurde

Ausstellung über die Documenta im Spiegel der Geschichte

PlayJulia Voss
Wie mit Kunst Politik gemacht wurde - Ausstellung über die Documenta | Video verfügbar bis 20.06.2022 | Bild: WDR

Die Documenta war seit ihrer Gründung 1955 immer ein Ort, an dem sich die bundesrepublikanische Geschichte spiegelte und das westdeutsche Selbstverständnis verhandelt wurde. Eine aktuelle Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM) nimmt die vielfachen Wechselwirkungen von Politik und Kunst in den Blick. Dabei zeigt sie auch die dunklen Seiten der Documenta: die Verstrickung der Gründergeneration mit dem Nationalsozialismus und die Ideologisierung der Kunst jenseits ihrer historischen Bezüge. Zu sehen ist die Schau bis zum 9. Januar 2022. ttt hat mit den Kuratorinnen Julia Voss und Alexia Pooth gesprochen

Mythos Neuanfang

Blick in die Ausstellung "documenta. Politik und Kunst"
Blick in die Ausstellung "documenta. Politik und Kunst" | Bild: David von Becker

Sie gilt als die weltweit erfolgreichste deutsche Kunstausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Bedeutung erlangte sie nicht zuletzt durch ihre politische Dimension. Von Anfang an wurde die Kasseler Documenta genutzt, um die Bundesrepublik im Westen – vor allem auch gegenüber den USA – neu zu positionieren. Doch mittlerweile steht fest, dass es direkte Linien zwischen den ersten Machern und der NS-Zeit gibt.

Kontinuitäten

Julia Voss
Julia Voss | Bild: WDR

Fast die Hälfte der an der Vorbereitung der ersten Documenta Beteiligten waren ehemalige Mitglieder der NSDAP, der SA oder SS. Der prominenteste ist Werner Haftmann, künstlerischer Leiter der Documenta I, II und III und später langjähriger Direktor der Berliner Nationalgalerie. Er war als Partisanenjäger in Italien eingesetzt und vermutlich auch an Folterungen beteiligt. Darüber hat er zeitlebens geschwiegen. Erst nach seinem Tod kamen Details über seine Rolle im Nationalsozialismus ans Licht. "Bisher galt er als jemand, dessen Verdienst es ist, die Moderne zu rehabilitieren, die Moderne, die von den Nationalsozialisten verfemt worden ist, zur Lieblingsepoche der Bundesrepublik zu machen", sagt Julia Voss. "Das wurde ihm immer hoch angerechnet. Ich glaube, deswegen gab es auch so wenige Nachfragen, weil man gedacht hat, so eine Person ist eigentlich vollkommen unverdächtig."

Die Moderne als ästhetisches Phänomen

Rudolf Levy, Selbstporträt
Rudolf Levy, Selbstporträt | Bild: Museum Pfalzgalerie Kaiserlautern / Gunther Balzer

Werke jüdischer, kommunistischer oder emigrierter Künstlerinnen und Künstler hatten in Haftmanns Vorstellung der Moderne keinen Platz. Stattdessen verklärte er den Antisemiten Emil Nolde zum Künstler "in der inneren Emigration". Die Berliner Ausstellung stellt Nolde neben den jüdischen Maler Rudolf Levy, der auf dem Transport nach Auschwitz ermordet wurde. Haftmann kannte ihn und strich ihn ganz bewusst von der Vorschlagsliste für die erste Documenta. 66 Jahre später hängen mehrere seiner Bilder im DHM.

Documenta und Kalter Krieg

Alexia Pooth
Alexia Pooth | Bild: WDR

Haftmanns Rolle ist aber nur ein Kapitel in der Ausstellung, die einen Bogen schlägt von der Nachkriegszeit bis Ende der 1990er Jahre. Mit knapp 400 Objekten zeigt sie, wie sich die bundesrepublikanischen Befindlichkeiten und politische Interessen in der Documenta niederschlugen. So war im Kalten Krieg ostdeutsche Kunst als "sozialistische Nicht-Kunst" unerwünscht. "Man muss sich vor Augen halten, dass die Documenta, die ersten zwei Ausgaben, vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen finanziert wurde", erläutert Alexia Pooth. "Es war ganz klar antikommunistisch ausgerichtet. Es war ganz klar ein Ministerium, dass die ganze Zeit Propagandaflyer und -material verteilt hat."

Das änderte sich erst mit Willy Brandts Ostpolitik. 1977 waren die DDR-Künstler Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tübke auf der Documenta vertreten. Ihre Teilnahme führte allerdings zu einem Skandal. Gerhard Richter, Georg Baselitz, A.R.Penck und Markus Lüpertz zogen ihre Werke einen Tag nach der Eröffnung wieder zurück.

In den kommenden Jahrzehnten entwickelte sich die Documenta zu einer international bedeutenden Marke, die mit ihrer Popularität auf dem globalen Kunstmarkt auch ökonomischen Ansprüchen genügte. Der Blick zurück zeigt, wie sehr sie das deutsche Selbstbild geprägt hat. "Die Documenta selbst hätte sich immer, vor allen Dingen in den frühen Ausgaben, als unpolitisch beschrieben", so Julia Voss. "Ich glaube, wir können sehr gut nachweisen, dass die Kunst enorm politisch instrumentalisiert worden ist. Sowohl in der Auseinandersetzung mit dem sogenannten Osten, Kommunismus und Sozialismus als auch in der Erinnerungspolitik mit Blick auf die nationalsozialistische Vergangenheit."

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Die komplette Sendung steht am 20. Juni ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 20.06.2021 19:20 Uhr

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.