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Protestsommer in Minsk

Der Dokumentarfilm "Courage" über den Widerstand in Belarus

PlayDemonstrantin in Minsk am 30.08.2020
Protestsommer in Minsk - Der Dokumentarfilm "Courage"  | Video verfügbar bis 20.11.2021 | Bild: Living Pictures Production

Es waren Bilder, die um die Welt gingen: In den größten Demonstrationen der letzten 30 Jahre protestierten Hunderttausende in Belarus für mehr Demokratie und gegen den langjährigen Machthaber Aliaksandr Lukaschenka. Auslöser war die Präsidentschaftswahl am 9. August 2020. Schon im Vorfeld hatte Lukaschenka Oppositionelle einschüchtern und Gegenkandidaten festnehmen lassen. Nach der Wahl selbst erklärte er sich mit knapp 80 Prozent der Stimmen zum Sieger – ein manipuliertes Ergebnis, das die Menschen, enttäuscht und wütend über den Betrug, auf die Straßen trieb. Der junge Regisseur Aliaksei Paluyan war bei den Demonstrationen dabei. Daraus entstand sein Dokumentarfilm "Courage", der gerade auf der Berlinale seine Deutschlandpremiere feierte. Am 1. Juli startet er in den deutschen Kinos. ttt hat Aliaksei Paluyan, die Kamerafrau Tanya Haurylchyk sowie die beiden Schauspieler Maryna Yakubovich und Pavel Haradnizky in Berlin getroffen.

Künstler gegen die Diktatur

Regisseur Aliaksei Paluyan
Der Regisseur Aliaksei Paluyan  | Bild: WDR

"Courage – das ist, wenn der Mensch wahnsinnige Angst hat, aber sagt: Ich mache trotzdem weiter!" Aliaksei Paluyan weiß, wovon er spricht. Sein Film ist ein außergewöhnliches Zeitdokument, das den Mut zum Widerstand gegen eine übermächtige Staatsgewalt feiert.  1989 in Belarus geboren, zog er 2012 nach Deutschland und studierte Regie an der Kunsthochschule in Kassel. "Courage" ist sein erster abendfüllender Film.

Erschütternde Innenansicht

Im Mittelpunkt stehen Maryna, Pavel und Denis, drei Schauspieler aus dem "Belarus Free Theatre" in Minsk, das seit 17 Jahren im Untergrund existiert. Aliaksei Paluyan lernte sie kennen, weil er ursprünglich einen Film über das staatskritische Theater machen wollte.

Im Sommer 2020 geraten die drei in den Sog der Protestwelle und engagieren sich im Kampf für den Machtwechsel und die Meinungsfreiheit. Aliaksei Paluyan begleitet sie. Er ist dabei, wie sie im Verborgenen Pläne machen, wie sie zwischen Euphorie und Angst schwanken, wie sie zu Hause am Küchentisch ausloten, was möglich ist und was nicht.

Die Diktatur wankt

Schauspieler Pavel Haradnizky
Der Schauspieler Pavel Haradnizky | Bild: WDR

Mit dabei ist er auch bei den Demonstrationen in der Innenstadt von Minsk. "Was in Belarus passiert ist, sieht aus wie eine spannende Netflix-Serie", sagt Pavel Haradnizky. "Plötzlich wankt eine Dikatur, von der niemand das erwartet hätte. Das sind sehr theatralische, filmische Elemente. Von außen, vom Westen aus betrachtet, mit Popcorn auf der Couch, kann man süchtig werden danach. Aber leider ist das keine Fiktion, sondern das echte Leben."

In Belarus wurden die Protestierenden mit Blendgranaten attackiert, niedergeknüppelt, verhaftet und gefoltert. Eine der eindrucksvollsten Szenen spielt vor dem Minsker Gefängnis Okrestina, vor dem sich Eltern, Familien, Freunde versammeln, die auf Nachricht über ihre inhaftierten Angehörigen warten und morgens um vier weinend die ersten Freigelassenen in den Arm nehmen.

Strategie der Angst

Kamerafrau Tanya Haurylchyk
Die Kamerafrau Tanya Haurylchyk  | Bild: WDR

Auch Aliaksei Paluyan und sein Team sind mit dem Film extrem unter Druck geraten. Es sei ein Wunder, dass das Drehmaterial nicht konfisziert wurde. Pavel und Denis wurden Anfang 2021 verhaftet und flüchteten nach ihrer Freilassung nach Kiew. Maryna ist mittlerweile ebenfalls im Ausland. Nur Kamerafrau Tanya Haurylchyk lebt noch in Minsk. Zur Weltpremiere des Films kam sie nach Berlin. Bei ihrer Rückkehr muss sie mit dem Schlimmsten rechnen. "Ich versuche, nicht viel darüber nachzudenken. Denn es ist zwecklos. In Belarus kannst du für irgendeine Kleinigkeit sieben Jahre Haft bekommen - oder du arbeitest als Journalistin und bringst eine brisante Affäre ans Licht, und nichts passiert. Diese Willkür, dieses Chaos ist Strategie des Regimes. Jeder soll Angst haben. Keiner weiß, was passieren wird."

Alarmstufe Rot

Heute, zehn Monate später, sind die Proteste in Belarus von den Straßen verschwunden.  Es hat den Anschein, als säße Lukaschenka fester im Sattel als zuvor. "Die Situation im Land ist schon seit Monaten Alarmstufe Rot", sagt Aliaksei Paluyan. "Die Repressionen sind so stark, dass die Menschen Angst haben, ihre Gefühle zu zeigen."

Spätestens seit der Entführung und Verhaftung des Bloggers Roman Protassewitsch ist klar, dass Lukenschka zu allen Mitteln greift, um seine Macht zu sichern – auch gegen die Proteste aus Europa. “Die Entführung des Flugzeugs – das ist nichts anderes als der 11. September 2001. Nur dass sich das ein Staat erlaubt hat bzw. eine militärische Junta. Und ich bin mit meiner Prognose in dem Stadium, dass ich denke, es ist nur ein Anfang. Ich glaube, die große Eskalation wird uns noch erwarten. Und das wird schon sehr brutal sein."

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 20. Juni ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 20.06.2021 18:53 Uhr

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