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Der pervertierte Traum

Der oscarprämierte Spielfilm "Nomadland" über Arbeitsnomaden in den USA

Frances McDormand
Frances McDormand als Fern | Bild: 20th Century Studios, Photo Courtesy of Searchlight Pictures

Sie sind Außenseiter, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen – Amerikas moderne Nomaden. Auf der Suche nach Arbeit reisen sie mit ihren Vans quer durchs Land. Sie übernachten auf Supermarkt-Parkplätzen, heuern bei der Zuckerrübenernte oder im Amazon-Versandzentrum an und ziehen von einem Tageslohnjob zum nächsten. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind nicht mehr jung und haben durch die Finanzkrise ihre Ersparnisse verloren. Statt in Rente zu gehen, müssen sie weiter schuften. Die Journalistin Jessica Bruder hat sich ihnen ein Jahr lang angeschlossen und ihren Alltag geteilt. Ihr Buch "Nomaden der Arbeit" ist die Grundlage für den Spielfilm "Nomadland", der zahlreiche Preise gewonnen hat, darunter drei Oscars (bester Film, beste Regie, beste Hauptdarstellerin), einen goldenen Löwen und zwei Globes. Am 1. Juli kommt er in die deutschen Kinos. ttt hat mit Jessica Bruder, der Filmregisseurin Chloé Zhao und dem "Nomaden" Bob Wells gesprochen.

Aufbruch und Neuanfang

Chloé Zhao und Frances McDormand
Chloé Zhao und Frances McDormand bei den Dreharbeiten | Bild: 20th Century Studios, Photo Courtesy of Searchlight Pictures

"Das letzte Stückchen Freiheit in Amerika ist ein Parkplatz", schreibt Jessica Bruder. Aus ihrer einfühlsamen Reportage hat Chloé Zhao einen fulminanten Spielfilm gemacht. Er erzählt die Geschichte der 61-jährigen Fern (Frances McDormand), die ihren Ehemann und ihr gesamtes bisheriges Leben verloren hat. Nachdem die Minenstadt, in der sie zu Hause ist, als Folge der Wirtschaftskrise 2008 "abgewickelt" worden ist, müssen die Bewohner ihre Häuser verlassen. Fran macht sie sich mit ihrem Campingbus auf, um sich dem Treck der Saisonarbeiter anzuschließen. Es ist ein Leben außerhalb der Konventionen, in dem sie ihre Unabhängigkeit neu entdeckt. Dabei begegnet sie den echten Nomaden Linda May, Swanki und Bob Wells, die schon Jessica Bruder porträtiert hat. "Dieses Land ist wirklich sehr auf der Idee der Straße aufgebaut", sagt Chloé Zhao. "Das steckt tief in der amerikanischen Kultur: Das Gefühl der dauernden Bewegung, zu schauen, was hinter dem Horizont ist. Es ist die ständige Suche nach Etwas, auch nach dem eigenen Selbst."

Undercover

Jessica Parkers Buch hält sie für "eine Meisterleistung des investigativen Journalismus. Die erste Hälfte wirft ein Schlaglicht auf nomadisches Leben, die andere Hälfte besteht aus einer undercover recherchierten Reportage." Jessica Bruder ließ sich bei Amazon anstellen, um sich selbst einen Eindruck von den Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Viele Leute, die ich auf der Straße getroffen habe, hatten Jobs, bei denen sie jederzeit ohne Grund rausgeworfen werden konnten. Sie fuhren für ein Jobangebot quer durch den Kontinent, wandten die ganze Zeit und das Benzingeld auf, nur um herauszufinden, dass man sie gar nicht haben wollte."

Bob Wells
Bob Wells | Bild: 20th Century Studios, Photo Courtesy of Searchlight Pictures

Bob Wells, der sich im Film selbst spielt, ist mittlerweile ein bekannter Youtuber, der auf seinem Kanal Tipps über das Leben auf der Straße gibt. "Ich bin nicht freiwillig zum Nomaden geworden. Nach meiner Scheidung musste ich in den Van ziehen, um zu überleben. Ich konnte keine zwei Haushalte finanzieren. Anfangs habe ich es gehasst, aber dann habe ich mich in dieses Leben verliebt." Ihm ist die Solidarität unter den Nomaden wichtig.

Der Druck steigt

"Nomadland" ist ein verstörender Film. Er erzählt von Einsamkeit, Verzweiflung, aber auch von Solidarität und Selbstbehauptung. Der amerikanische Traum pervertiert durch die Wirtschaftskrise. Und es könnte schlimmer kommen: "Wir werden sehr viel mehr Leute auf der Straße sehen", so Jessica Bruder. "Uns droht eine Räumungswelle wegen der Pandemie hier in den USA. Leute, die ihre Miete nicht mehr zahlen können, werden rausgeworfen. Viele davon werden zwangsläufig in ihren Autos leben müssen. Und das erhöht wiederum den Druck auf diejenigen, die heute schon draußen leben."

Buchtipp

Jessica Bruder: Nomaden der Arbeit.
Überleben in den USA im 21. Jahrhundert
Blessing 2019, Preis: 22 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 20. Juni ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 20.06.2021 19:23 Uhr

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