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Landraub auf Türkisch

Die Künstlerin Julia Lazarus porträtiert den Widerstand im Norden Istanbuls

PlayBauarbeiten für die dritte Bosporus-Brücke
Landraub auf Türkisch | Video verfügbar bis 21.07.2020 | Bild: dpa Picture-Alliance / Onur Coban

Tarabya – so heißt ein historischer Stadtteil in Istanbul und so heißt auch die deutsche Kulturakademie, in der seit 2011 Stipendiaten für mehrere Monate am Bosporus leben und arbeiten können. In diesem Sommer ist die Berliner Künstlerin und Filmemacherin Julia Lazarus in Tarabya zu Gast. Für ihren aktuellen Dokumentarfilm folgt sie einer Gruppe türkischer Aktivisten in die Wälder nördlich von Istanbul, an die Küste des Schwarzen Meers, um ihren Kampf gegen die gigantischen Infrastrukturmaßnahmen zu porträtieren. ttt hat sie begleitet.

Bauwut in und um Istanbul

Istanbul ist seit Jahren eine Megabaustelle. Mit rund 15 Millionen Einwohnern gehört die Metropolenregion zu den 25 größten Städten der Welt. Immer weiter frisst sich die City in das bisher unbebaute Umland. An den Stadträndern entstehen riesige Wohnblocks und Malls. Der aktuelle Masterplan für den Großraum Istanbul sieht vor, große Teile der Bevölkerung aus den innerstädtischen Bezirken in neu gebaute Trabantenstädte mit eigenen Freizeitangeboten und Einkaufszentren umzusiedeln.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan aber hat weitere Pläne. Bis zum 100. Gründungsjubiläum der Republik im Jahr 2023 sollen zahlreiche Mammutprojekte fertiggestellt sein. Der neue Mega-Flughafen ist bereits eröffnet. 7.000 Hektar Wald- und Grünfläche im Norden von Istanbul sind ihm schon zum Opfer gefallen. Dutzende Bauarbeiter haben ihr Leben verloren.

Julia Lazarus bei den Dreharbeiten
Bei den Dreharbeiten | Bild: WDR

Seit drei Jahren filmt Julia Lazarus, wie der Flughafen die Natur verdrängt. Nun werden in Kooperation mit internationalen Investoren weitere bislang entlegene Gebiete an den städtischen Verkehr angeschlossen und die wenigen verbliebenen ländlichen Regionen am Schwarzen Meer gewinnorientiert entwickelt. "Der Prozess, der hier stattfindet, ist auf mehrere Jahre angelegt", sagt Julia Lazarus, "sodass eigentlich das ganze Gebiet irgendwann zur Stadt dazu gehören wird. Man wird hier keine Felder und keine Wasserbüffel und keine Kühe, Bauern mehr haben, sondern das wird alles Stadt sein."

Landraub

Auch die Rodung und Bebauung des Waldes gehen weiter – mit unabsehbaren Folgen für das Klima und die Trinkwasserversorgung der gesamten Region. Durch das Waldgebiet führt der neue Autobahnring, der die dritte Bosporus-Brücke mit dem Flughafen an der Schwarzmeer-Küste verbinden soll. Das nächste Großprojekt, ein Kanal zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer, ist ebenfalls in Planung. Istanbul ist im Begriff, seine Küsten, Gebirge und Wälder an die grenzenlose Gier von Staat, Industrie und Immobilienwirtschaft zu verlieren.

Ziviler Widerstand

Julia Lazarus beschäftigt sich in ihrem Film mit den Bedingungen und Folgen des Landraubs. Sie begleitet die türkische Aktivistengruppe "Кuzey Ormanları Savunması" ("Schützt die Nordwälder"), die seit einigen Jahren zivilen Widerstand gegen die Zerstörung des Lebensraums leistet. "Wenn Sie fragen, ob wir politischen Druck bekommen: Ja, den bekommen wir", empört sich die Aktivistin Ayse Yikici. "Eigentlich verteidigen wir unsere Zukunft. Das ist ja auch nichts, was nur uns gehört. Wir verteidigen ein Teil der Erde, des Universums. Wir erleben Druck. Aber das bringt uns nicht vom Weg ab."

Julia Lazarus

Julia Lazarus
Julia Lazarus | Bild: WDR

Julia Lazarus studierte in Berlin an der Hochschule der Künste und am California Institute of the Arts in Los Angeles. Ihre Filme und Videos wurden auf zahlreichen internationalen Filmfestivals und in Ausstellungen gezeigt. 2014/15 kuratierte sie zwei Ausstellungen zu "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss in Wien und Berlin. 2016 gehörte sie zum Kuratorenteam der Ausstellung "Undisciplinary Learning. Remapping the aesthetics of resistance". In den vergangenen Jahren hatte sie verschiedene Lehraufträge an der UdK Berlin, der TU Berlin und der Merz Akademie Stuttgart. Außerdem engagiert sie sich in kulturpolitischen Netzwerken wie "Haben und Brauchen" und in der "Koalition der Freien Szene Berlin".

Autor des TV-Beitrags: Oliver Mayer-Rüth

Stand: 22.07.2019 10:33 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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