SENDETERMIN So, 21.07.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

Extrem nah und unglaublich intensiv

Der Fotograf Martin Parr im NRW-Forum Düsseldorf

PlayVor der Ruinenstätte Chichén Itzá in Mexiko, 2002
Der Fotograf Martin Parr im NRW-Forum Düsseldorf | Bild: Martin Parr /Magnum Photos

Kaum jemand hält uns Menschen so schamlos und dabei gleichzeitig humor- und liebevoll den Spiegel vor wie der britische Fotograf Martin Parr. Ob Ober- oder Unterschicht, beim Tanzen, Sonnenbaden und Smalltalken – Martin Parr hat einen unbestechlichen Blick für das Lächerliche, Skurrile, Komische des Alltags. Manchmal erschließt sich dem Betrachter erst beim zweiten Hinschauen die Raffinesse der Komposition: wenn er im banalen Aufbau eines Supermarktregals das Groteske entdeckt oder in einem Stehimbiss die Geschmacksverirrungen seiner Landsleute zeigt.

Kritiker haben ihm vorgeworfen, seine Bilder seien denunzierend. Er selbst bekennt, dass ihn das Nebensächliche mehr interessiert als das, was die meisten seiner Kollegen für die Hauptsache halten. "Wenn die Leute beim Betrachten meiner Bilder gleichzeitig weinen und lachen, dann ist das genau die Reaktion, die die Bilder auch bei mir hervorrufen", sagt er. "Die Dinge sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Ich bin immer daran interessiert, beide Extreme darzustellen."

Das NRW-Forum Düsseldorf widmet ihm jetzt eine große Ausstellung. Mit über 400 Werken ist sie die bisher umfassendste Retrospektive des britischen Magnum-Fotografen. Neben Arbeiten aus berühmten Serien wie "The Last Resort", "Think of England", "Luxury", "Life’s a Beach" und "Common Sense" umfasst sie erstmals auch frühe Fotografien seiner Debüt-Serie "Bad Weather". 

Bestandsaufnahme des Alltags

Für seine Fotos geht Martin Parr an die Lieblingsorte der Menschen: an den Strand oder zu berühmten Sehenswürdigkeiten und Ausflugszielen. Zu Beginn seiner Karriere in den 1970er Jahren fotografierte er die nähere Umgebung seiner Heimat in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Anfang der 1980er Jahre verwendete er zunehmend Farbe, änderte seinen Stil und wechselte von einer 35mm-Kleinbildkamera zur neuen Plaubel 6x7-Mittelformatkamera. In seinem 1982 begonnenen und 1986 erstmals als Buch veröffentlichten Projekt "The Last Resort" dokumentierte er das Leben im schon damals heruntergekommenen Badeort New Brighton. Die Serie machte ihn international bekannt und gilt heute als Meilenstein der Fotografie.

Intime Einblicke im öffentlichen Raum

Martin Parr: Kleingärtner
Am Strand von Knokke, Belgien, 2001 | Bild: Martin Parr /Magnum Photos

Menschen am Strand haben Martin Parr schon in seiner Studienzeit interessiert. Es sind die aberwitzigen und absurden Seiten des Alltags, die ihn faszinieren: fleischige sonnenverbrannte Touristen in Asphaltwüsten, Kinder, die neben Müllbergen spielen, dösende Fischer zur Mittagszeit, schwitzende Menschen beim obligatorischen Picknick. "Der Strand", so Parr, "ist einer jener raren öffentlichen Räume, an denen man quer durch die Kulturen alle Absurditäten und landestypischen Spleens findet."

Humorvoll und unbestechlich

Martin Parr: Kleingärtner
Martin Parr: Kleingärtner | Bild: Martin Parr

Mit seiner sozialkritischen Dokumentarfotografie legt Martin Parr den Finger in die Wunden unserer Zeit. Unbestechlich zeigt er die Auswirkungen des Massentourismus, die Absurditäten des Konsumwahns und die Folgen der Entfremdung – jedoch immer ohne den Gestus der Anklage, stattdessen mit viel Humor und Hingabe zum Detail. Eigens für die Ausstellung im NRW-Forum entstand die Serie "Kleingärtner", die Martin Parr in Düsseldorf und Umgebung fotografierte. Es ist eine liebevolle Annäherung an die Gartenidylle, in der das Unscheinbare und Übersehene ganz groß wird.

Der Mensch in seiner Umgebung

Martin Parr wurde 1952 in Epsom, einer Kleinstadt südlich von London geboren. Bereits sein Großvater war ein leidenschaftlicher Fotograf, der Vater ein begeisterter Vogelbeobachter. Der Sohn merkte schnell, dass ihn weniger die Vögel als die Vogelbeobachter interessierten. Damit hatte er sein eigenes Thema gefunden: den Menschen in seiner Umgebung.

Von 1970 bis 1973 studierte er Fotografie in Manchester. Anschließend machte er sich mit Sozialreportagen einen Namen. 1994 wurde er Vollmitglied der renommierten Pariser Photoagentur Magnum. Der Aufnahme war eine hitzige Debatte über seinen provokanten Stil vorausgegangen.

Seine schrillen, von manchen als zynisch empfundenen Gesellschaftspanoramen sind in über 50 Fotobüchern dokumentiert. Mittlerweile sind seine Aufnahmen in allen wichtigen Museen und Sammlungen vertreten, unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art, im Londoner Arts Council of Great Britain, in der Pariser Bibliothèque Nationale, im Museum Folkwang Essen und im Sprengel-Museum in Hannover. Die Retrospektive im NRW-Forum Düsseldorf ist bis zum 10. November 2019 zu sehen.

Buchtipp

Martin Parr: Only Human.
Phaidon Berlin (2019), Preis: 49,95 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Katja Lüber

Stand: 22.07.2019 10:29 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 21.07.19 | 23:35 Uhr
Das Erste

Sprungmarken zur Textstelle

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste