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"Scheize – Liebe – Sehnsucht"

Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson in Stuttgart

PlayRagnar Kjartansson; Me and My Mother, 2010
Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson | Video verfügbar bis 21.07.2020 | Bild: Courtesy der Künstler, Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík

Ragnar Kjartansson ist ein Grenzgänger – tief melancholisch und nordisch verspielt. In seinen Performances lässt er bildende Kunst, Literatur, Musik und Schauspielerei miteinander verschmelzen. Vielen seiner Werke liegen historische Ereignisse zugrunde, denen er mit Humor und pointierter Zuspitzung ihre Ernsthaftigkeit nimmt.

Jetzt widmet ihm das Kunstmuseum Stuttgart eine Überblicksschau mit Videos, Gemälden, Zeichnungen, Plastiken und einer Live-Performance. Die Ausstellung ist bis zum 20. Oktober 2019 zu sehen und trägt den vielsagenden Titel "Scheize – Liebe – Sehnsucht". Es sind, so der Künstler, seine drei Lieblingsworte im Deutschen.

Theater, Kunst, Musik

Ragnar Kjartansson wurde 1976 in Reykjavík in eine Künstlerfamilie geboren. Seine Eltern sind berühmte Schauspieler. Der Großvater Ragnar, nach dem er benannt wurde, war Bildhauer und Keramikkünstler, seine Patentante eine bekannte Sängerin. Schon als Kind stand er gern auf der Bühne. Doch trotz seiner Liebe zum Theater entschloss er sich, bildende Kunst zu studieren. Neben der Malerei begeisterte er sich für Musik und gründete verschiedene Bands.

Mutter und Sohn

Noch während des Studiums entstand im Jahr 2000 sein erstes Performance-Video "Me And My Mother". Zu sehen ist, wie er neben seiner Mutter vor einer Bücherwand steht und die Mutter ihn wieder und wieder bespuckt. Für den Betrachter ist das Video Slapstick und Provokation in einem. Es rührt an existenzielle Empfindungen – von inniger Liebe bis zu Abwehr und Ekel. Aus dieser Aktion hat Ragnar Kjartansson ein Langzeitprojekt gemacht. Im Abstand von fünf Jahren wiederholen Mutter und Sohn die Spuck-Performance. Daraus ist eine berührende Serie geworden, in der neben den beiden Protagonisten auch das Altern eine zentrale Rolle spielt.

Der Dandy mit der Zigarre

Die Performance mit ihren schier unerschöpflichen Möglichkeiten ist das Herzstück von Kjartanssons Kunst. Kollegen wie Marina Abramović, Bruce Nauman und Carolee Schneemann zählt er zu seinen Vorbildern. Dabei sind seine Werke völlig eigenständig. Sie experimentieren mit der Zeit. Endlosschleifen und Wiederholungen, Variationen und Verfremdungen lassen die Grenze zwischen Vergänglichkeit und Dauer verschwimmen.

Ragnar Kjartansson; Scenes From Western Culture, Dinner, 2015
Ragnar Kjartansson; Scenes From Western Culture, Dinner, 2015  | Bild: Courtesy der Künstler, Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík

Immer wieder nimmt Kjartanssons Bezug auf Künstlerstereotype und Motive aus der uns vertrauten Lebenswelt. In der Öffentlichkeit wird er gern als Zigarre rauchender Dandy präsentiert. Dabei ist auch das nur ein Aspekt seines Spiels mit Rollenzuschreibung und Identität. Die Videoarbeit "Scenes from Western Culture" stellt idyllische Szenen des Alltags nach – vom Schwimmen im Pool bis zum Dinner zu zweit –, Szenen, deren Banalität allmählich zu kippen beginnt.

Melancholie und Humor

2009 war er auf der Biennale in Venedig mit "The End" zu sehen, einer Performance in einem stilvoll heruntergekommenen Atelier, in dem er sechs Monate lang mit immer demselben Freund Bier trinkt und ihn dabei malt. Der ganz große Durchbruch gelang ihm 2012 mit "The Visitors", einer melancholisch-musikalischen Filmcollage, die bis heute vor allem jüngere Besucher in ihren Bann zieht. Im Jahr darauf ließ er Amerikas Indie-Rock-Band "The National" im New Yorker MoMA sechs Stunden lang ihr Lied "Sorrow" spielen – und machte daraus den Film "A Lot of Sorrow".

In den letzten Jahren sind Kjartanssons Arbeiten politischer geworden. Die Bilderserie "Architecture and Morality" setzt sich mit dem Konflikt um den israelischen Siedlungsbau auseinander. 2016 war in der Berliner Volksbühne seine Installation "Krieg" zu sehen, in der ein preußischer Soldat eine Stunde lang zu symphonischen Klängen schluchzend und schreiend stirbt.

Ragnar Kjartansson: Death is Elsewhere, 2019
Ragnar Kjartansson: Death is Elsewhere, 2019 | Bild: Courtesy der Künstler, Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík

Das Stuttgarter Kunstmuseum zeigt neben Kjartanssons bekannten Werken auch neue Arbeiten, darunter die 77-minütige Videoinstallation "Death is Elsewhere", ein Panorama um Sehnsucht, Liebe und Tod.

Autor des TV-Beitrags: Eric Brinkmann

Stand: 22.07.2019 10:33 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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