SENDETERMIN So, 21.10.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Inszenierung aus dem Hausarrest

Der Fall Kirill Serebrennikow

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Kirill Serebrennikow: Inszenierung aus dem Hausarrest | Video verfügbar bis 22.10.2019 | Bild: imago/ITAR-TASS

Ob Film, Oper, Theater, Ballett – Kirill Serebrennikow ist einer der profiliertesten und streitbarsten russischen Regisseure. Der Leiter des renommierten Moskauer Gogol-Theaters wird auch im Ausland für seine Arbeit gefeiert. An der Stuttgarter Oper war im vergangenen Herbst eine unvollendete Inszenierung von "Hänsel und Gretel" zu sehen. Unvollendet, weil der Putin-kritische Künstler vor der Premiere verhaftet wurde.

Nach fast 14 Monaten Hausarrest beginnt am 25. Oktober in Moskau der Prozess gegen ihn. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Fördergelder in Millionenhöhe unterschlagen zu haben. Er soll Subventionen für Stücke bekommen haben, die nie realisiert worden seien. Kirill Serebrennikow weist die Anschuldigungen zurück. Sein Anwalt betont, es gebe keine Beweise.

Bereits nach der ersten Anhörung war klar, dass sich das Gericht auf ein langes Verfahren einstellt. Serebrennikows Hausarrest wurde bis mindestens 4. April 2019 verlängert.

Filmszene aus "Leto"
"Leto": Leningard Anfang der 1980er | Bild: Hype Film Kinovista 2018

Obwohl er nur über seinen Anwalt Kontakt zur Außenwelt hat, arbeitet er weiter. Für die Zürcher Oper inszenierte er in den letzten Wochen Mozarts "Così fan tutte". Premiere ist am 4. November. Am 8. November startet in Deutschland sein Film "Leto", eine Feier der Underground-Rockszene im Leningrad der frühen 80er Jahre. ttt berichtet über die Hintergründe des "Falls Kirill Serebrennikow".

Verhaftung in Sankt Petersburg

Für die russische Kulturszene war es ein Schock: Am 22. August 2017 wurde Kirill Serebrennikow während der Dreharbeiten zu "Leto" festgenommen. Seither ist er fast vollkommen isoliert – ohne Internet und Telefon und mit nur sehr beschränktem Besuchsrecht.

Kirill Serebrennikow, offen schwul lebend und als Nonkonformist bekannt, ist kein kämpferischer Kreml-Gegner. Ein Freigeist und Provokateur ist er schon. Viele Jahre hatte er unter Präsident Medwedew die Freiheit, experimentelles Theater zu machen. So lange, bis sich in Moskau der Wind drehte und Vladimir Putin die Rückkehr zu konservativen Werten ausrief.

Willkür und Einschüchterung

Marina Davydova
Marina Davydova | Bild: WDR

Das jetzt gegen ihn eröffnete Gerichtsverfahren ist der bisher spektakulärste Künstler-Prozess seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Theaterkritikerin Marina Davydova sagt, was viele denken: "Diese Machtdemonstration macht deutlich: Wir haben zwar keine offizielle Zensur, aber alles ist heuchlerisch. Zu Sowjetzeiten wusste man mehr oder minder genau, wo die Grenzen sind. Heute dagegen ist alles willkürlich. Jeder Künstler ist sich selbst und seinem eigenen Mut überlassen."

 Così fan tutte

Opernintendant Andreas Homoki
Opernintendant Andreas Homoki | Bild: WDR

Vor fast zwei Jahren hat Andreas Homoki, Intendant der Zürcher Oper, Kirill Serebrennikow für die Inszenierung der Mozart-Oper "Così fan tutte" verpflichtet. Trotz des Hausarrests hält er an dem Engagement fest. Es ist ein starkes Statement: "dass wir glauben, dass diese Anklage letztlich vorgeschoben ist für etwas anderes, weil er unbequem ist, und dass wir damit zeigen, wir werden nicht daran mitwirken, seine Kunst kaputt zu machen. Denn das ist ja so: Man versucht, den Künstler mundtot zu machen."

Proben ohne Regisseur

Evgeny Kulagin
Co-Regisseur Evgeny Kulagin | Bild: WDR

In den vergangenen Wochen haben seine Mitarbeiter, vor allem sein enger Vertrauter Evgeny Kulagin, Serebrennikows Konzept umgesetzt. Die Kommunikation läuft über Serebrennikows Anwalt Dimitri Kharitonov. Er leitet Video-Aufzeichnungen der Proben weiter und gibt das Feedback des Regisseurs zurück. Auch das Bühnenbild und die Kostüme werden nach seinen Vorgaben realisiert.

Das Opernhaus hält am 4. November als Premierentermin fest. "Das ist die wichtigste Botschaft an Kirill, dass das, was er geschaffen hat, lebendig ist, sich entwickelt, und es lebt durch seine Kraft, seine Gedanken, seinen Willen," sagt Evgeny Kulagin. "Wir warten auf ihn, und zwar nicht tatenlos, wir arbeiten, und darin liegt unsere Überlegenheit, und wir sind durch seine Kraft verbunden."

"Leto" – das Lebensgefühl einer Jugend

Filmszene aus "Leto"
Mike (Roma Zver) und Viktor (Teo Yoo) im Leningrader Rockclub | Bild: Hype Film Kinovista 2018

In Deutschland ist ab dem 8. November Serebrennikows jüngster Film "Leto" (zu Deutsch "Sommer") in den Kinos zu sehen. Bei der Premiere in Cannes bekam er in Abwesenheit des Regisseurs den Preis für den besten Soundtrack. Der Film erzählt von einer Ära des Aufbruchs, von der Leidenschaft für die Musik und der Liebe zur Freiheit. Im Mittelpunkt steht Viktor Zoi, Idol der russischen Rockmusik. Gemeinsam mit Mike, der mit seiner Band Zoopark die Jugend begeistert, und dessen Frau Natascha bringt er erst die Leningrader, dann die sowjetische Musikszene zum Rocken.

Auch "Leto" musste Serebrennikow im Hausarrest fertigstellen. Anfang Juni eröffnete der Film die russischen Filmfestspiele in Sotschi. Die staatliche Nachrichtenagentur verbreitete sogar eine positive Kritik. Über das Schicksal des Regisseurs wurde allerdings nicht berichtet.

Konservative Revolution

Während "Leto" den Aufbruch in die Freiheit feiert, steht der "Fall Serebrennikow" für den reaktionären Roll-Back im Russland der Gegenwart: die Beschränkung des Freiraums für Kunst und Kultur. "Es gibt diesen Hass gegenüber allen modernistischen Trends", so Marina Davydova. "Es ist eine Art totale konservative Revolution, die plötzlich im ganzen Land passiert – in allen Bereichen: in der Bildung, in der Kultur, in der Innen- und Außenpolitik."

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Stand: 22.10.2018 09:57 Uhr

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