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"Acht Tage Revolution" – Buch des belarusischen Autors Artur Klinau

Buch des belarusischen Autors Artur Klinau

PlayProteste in Belarus
"Acht Tage Revolution" – Buch des belarusischen Autors Artur Klinau | Video verfügbar bis 21.11.2022 | Bild: Tagesschau

Seit Wochen erlebt Europa an seiner östlichen Außengrenze ein Flüchtlingsdrama von biblischer Dramatik. Migrant:Innen aus dem Nahen Osten sind von Belarus’ Machthaber Lukaschenko in eine Frontlinie zwischen belarusischer und polnischer Grenzpolizei getrieben worden. Sie dürfen nicht vor und nicht zurück. Seinen Anfang hat dieses Drama im Sommer 2020. Der belarusische Schriftsteller Artur Klinau beschreibt in seinem Buch "Acht Tage Revolution" jene Tage nach dem 9. August 2020, als in seiner Heimat "Wahlen" abgehalten wurden, und der Endlosherrscher Lukaschenko sich zum Sieger mit 80 Prozent erklären ließ. Diesmal gingen nicht ein paar Tausend Demonstranten auf die Straße, sondern ein ganzes Volk im ganzen Land. Das gab es in 26 Jahren Diktatur noch nie.

Lukaschenko ließ auf wehrlose Demonstranten mit Blendgranaten und Tränengas schießen und vor allem: Er ließ sie zu Tausenden in den Gefängnissen foltern. Das alles beschreibt der 56-jährige Klinau in seinem Buch minutiös. Und er erzählt von seiner Tochter, die so alt ist wie Lukaschenkos Diktatur. Heute steht der belarusische Machthaber mit dem Rücken an der Wand. Seine letzte "Idee": Flüchtlinge aus dem Nahen Osten an die EU-Außengrenze treiben.

Mit Lukaschenko reden?

Wasserwerfereinsatz an der polnisch-belarusischen Grenze
Wasserwerfereinsatz an der polnisch-belarusischen Grenze | Bild: Tagesschau

Sind das Nachkriegsbilder oder Vorkriegsbilder? Sieht es so aus, wenn etwas Schlimmes bald zu Ende geht, oder wenn etwas viel Schlimmeres beginnt? Was, wenn einer dieser polnischen Soldaten die Nerven verliert und auf belarusischer Seite jemanden erschießt? Oder umgekehrt? Soll man mit Lukaschenko noch reden? Kann man mit ihm noch reden? Angela Merkel hat es Anfang dieser Woche versucht. Das wird im Staatsfernsehen von Belarus natürlich wie ein Triumph präsentiert: An Lukaschenko kommt keiner vorbei.

Swetlana Alexijewitsch
Swetlana Alexijewitsch  | Bild: picture alliance/dpa/dpa Pool / Christoph Soeder

Die belarusische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch äußert sich zum ersten Mal im deutschen Fernsehen seit den mutmaßlich gefälschten Wahlen in Belarus vorigen August: "Ich würde sagen, dass ich an ihrer Stelle das Gleiche gemacht hätte. Wenn man die weinenden Kinder an der belarusisch-polnischen Grenze sieht, aus Afghanistan und Iran, die dort an den Feuern sitzen und frieren, dann würde ich auch tun, was mein Herz mir befiehlt und nicht auf politische Distanz achten. Lukaschenko ist einerseits kein legitimer Präsident von Belarus, und deswegen darf man eigentlich nicht mit ihm reden, aber in seinen Händen liegt das Schicksal von diesen Menschen, den Frauen und Kindern. Es war eine furchtbare Wahl, vor der Merkel stand." 

Wie das Warten an einem trägen Fluss

Artur Klinaus Buch beginnt mit einem starken literarischen Bild. Er erzählt von sich als jemandem, der schon sein halbes Leben lang an einem trägen Fluss sitzt und wartet, dass die Leiche seines Feindes in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Lackschuhen vorbeischwimmen möge. "Aber", so erzählt Klinau, "die Jahre gehen ins Land, das Wasser fließt, und die Leiche des Feindes will einfach nicht kommen."

Autor Artur Klinau
Autor Artur Klinau | Bild: rbb

Artur Klinau ist 56 Jahre alt. Er schaut diesem trägen Dahinfließen schon sein halbes Leben lang zu. Er wartet schon fast sein halbes Leben lang auf Veränderungen in seinem Land. Vorigen August waren sie plötzlich da, die Veränderungen. Sie begannen mit friedlichen und ausgelassenen Demonstrationen. Aber dann folgten Verhaftungen, Schläge, Folter, Gefängnisstrafen.

Chronist des Schreckens

Artur Klinau fasste in jenen Tagen einen Plan: Er wollte ein Journal schreiben. Chronist der Revolution sein. Aber plötzlich wurde alles anders: Am 8. August 2020, am Vorabend der Wahl, war seine 26-jährige Tochter plötzlich verschwunden. Sie hatte sich als Wahlbeobachterin engagiert. Es folgten Tage der Angst.

"Natürlich hat die Verhaftung meiner Tochter für mich persönlich alles noch viel dramatischer gemacht", schildert Klinau die Situation, "plötzlich drangen die Ereignisse in mein Privatleben ein. Auf einmal war ich nicht mehr nur literarischer Beobachter." Klinau und seine Frau begannen, die Stadt nach ihrer Tochter abzusuchen. Polizeistationen, Gerichtsgebäude, Gefängnisse. Nichts. Noch blieb Klinau einigermaßen ruhig, denn er ahnte nicht, was bald passieren würde. Klinau suchte nach seiner Tochter und begann den zunehmenden Schrecken, der sich im Land ausbreitete, zu dokumentieren. Die Berichte von den Gefolterten.

Außer Kontrolle geraten

Swetlana Tichanowskaja zu Besuch in Berlin
Swetlana Tichanowskaja zu Besuch in Berlin | Bild: rbb

Swetlana Tichanowskaja, die belarusische Oppositionsführerin, ist zu Besuch in Berlin. Sie musste mit ihren Kindern fliehen. Ebenso wie eine halbe Million Menschen aus Belarus, die das kleine Land verlassen haben. Lukaschenko indes steht mit dem Rücken an der Wand: Sein Volk hasst ihn mehrheitlich, der Westen sanktioniert ihn massiv und seinen Schein-Freund im Kreml muss er um Geld anbetteln. Putin hält Lukaschenko für das, was er ist: Außer Kontrolle geraten.

Niemand weiß im Moment, wie die Migrationskrise gelöst werden könnte. Im "ttt"-Interview erklärt Tichanowskaja, das Volk von Belarus muss trotz alledem seine Freiheit selbst erkämpfen: "Es ergibt keinen Sinn, irgendjemand anderen verantwortlich zu machen für das, was in Belarus geschieht, als Lukaschenko und sein Regime. Er ist der einzig Verantwortliche für das, was im Land passiert – auch für die Migrationskrise. Zu Veränderungen in Belarus kann es nur kommen durch Verhandlungen zwischen dem Regime und dem Volk."

Revolution mit Minus davor

Im Buch erzählt Artur Klinau von einem Generationenkonflikt zwischen ihm und seiner Tochter, der typisch ist für Belarus. Soll man weiter auf Veränderungen warten, auf kleinste Fortschritte? Soll man warten, bis Lukaschenko irgendwann im Amt stirbt? Klinaus Tochter wurde geboren, als Lukaschenko Präsident wurde. Sie hat die Schnauze voll von Lukaschenko. Aber auch von der für sie unerträglichen Geduld ihres Vaters, auf bessere Zeiten zu warten.

"Wir erleben jetzt", erklärt Klinau, "wie eine vorerst gescheiterte Revolution die Konterrevolution nach sich zieht. Sozusagen Revolution mit einem Minus davor. Das ist jetzt eine harte und schwere Periode." Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist sich sicher: "Es ist heute gefährlich in unserem Land. Deswegen bleiben die Leute zu Hause. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass sie auf einmal wieder Freunde oder Anhänger von Lukaschenko geworden sind. Es ist einfach lebensgefährlich, heute auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren."

Leben in einer anderen Welt

Nach drei quälenden Tagen fand Klinau seine Tochter schließlich in einem Bezirksgefängnis im Osten von Minsk. Marta, so heißt sie, war nicht gefoltert worden, weil sie schon am 8. August verhaftet wurde – der zentrale Befehl zum Foltern kam erst am 10. August. Marta wurde zu zwei Wochen Haft verurteilt, nach acht Tagen kam sie frei. Sie hat sofort das Land verlassen, lebt heute in Kiew.

"Die Anhänger der Revolution, also die Aktivisten, die Skeptiker, und die Anhänger des Regimes", meint Artur Klinau, "alle leben jetzt in einer anderen Welt, in einem anderen Land." Er hat ein düsteres Buch geschrieben. Es ist schwer zu ertragen, wenn er von den Folterungen seiner Landsleute berichtet. Dieses Buch wird ihn und alle, die es lesen, wohl erst wieder loslassen, wenn Belarus ein anderes Land geworden ist – frei und unabhängig.

Autor des TV-Beitrags: Arkadij Silberstein

Stand: 22.11.2021 11:49 Uhr

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