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Fotos aus einem anderen Südafrika

Zanele Muholi im Gespräch mit ttt

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Fotos aus einem anderen Südafrika | Video verfügbar bis 21.11.2022 | Bild: rbb

Zanele Muholis Weg in die Fotografie begann bei den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994. Zu sehen, wie westliche Journalistinnen und Journalisten Fotos und Aufnahmen der afrikanischen Bevölkerung machten, während es nicht möglich war, selbst diesen wichtigen Schritt in der Geschichte des Landes festzuhalten, hat Muholi dazu gebracht, sich eine Kamera zu kaufen. Muholi ging es darum, die Geschichte Südafrikas und seiner Menschen von ihnen selbst erzählen zu lassen. Eine große Ausstellung im Berliner Gropius Bau Berlin zeigt Muholis Arbeiten von frühen Fotoserien über sexuelle und rassistische Gewalt, Portraits von queeren Teilnehmer:innen von Schönheitswettbewerben bis zu zahlreichen Selbstportraits: Muholi ist es wichtig, auch die Erfahrung vor der Kamera selbst zu machen und abzubilden.

Die Welt ist sichtbar.

Selbstporträt von Zanele Muholi
Selbstporträt von Zanele Muholi | Bild: Zanele Muholi

Selbstporträts von Zanele Muholi, intensiv und mit politischer Botschaft. Ihre persönliche Auseinandersetzung mit schwarzer Identität. "Es sind keine Selfies, es sind richtige Fotografien, mit einer analogen Kamera gemacht", erklärt Zanele Muholi und stellt sich vor: "Man nennt mich Professor Z. Muholi. Ich fühle mich empowered. Ich fühle mich in der Tat gut, da die Menschen jemanden zu sehen bekommen. Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen, sondern um jemand zu werden."

Wir treffen Zanele Muholi in Kapstadt. Eine Ausstellung in einer Galerie, mit der Muholi seit 15 Jahren zusammenarbeitet. Die Arbeiten sind vielfältig, Fotografien, Gemälde, Installationen – immer geht es um ihre persönliche Geschichte und ihren Blick auf die Welt. "Die Welt ist sichtbar", sagt Zanele Muholi, "eine Menge an Pixeln, die ein Bild formen. Um sicherzustellen, dass wir eine gute Darstellung haben, bedeutet, dass wir unsere Geschichte selbst schreiben müssen."

Visueller Aktivismus

Aufgewachsen ist Zanele Muholi in der Nähe von Durban in den siebziger Jahren. Es ist die Zeit der Apartheid. Das politische Sagen haben Weiße. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist Schwarz. Als 1994 die ersten freien Wahlen in Südafrika stattfinden, ist Muholi Anfang Zwanzig, und erinnert sich heute noch gut daran: "Die Welt kam nach Südafrika, um die Wahlen zu dokumentieren. Unsere ersten Wahlen, und viele von uns südafrikanischen Menschen, die wählten, hatten keine Möglichkeit die eigene Geschichte sichtbar zu machen. Verrückt, oder? Das war der Moment, als ich wünschte, unsere ersten Wahlen selbst dokumentieren zu können. Ich hatte kein Equipment, es ging nicht."

Die ersten freien Wahlen in Südafrika 1994
Die ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 | Bild: Tagesschau

Muholi richtet die Kamera auf die Realität jener Community, die wir heute als LGBTQ bezeichnen, und die in Südafrika immer noch wie Aussätzige behandelt werden. Homosexualität gilt für viele als "nicht-afrikanisch". Die erste Fotoserie heißt "Only Half The Picture" – nur die halbe Wahrheit.

"Viele Menschen wurden umgebracht", verdeutlicht Zanele Muholi. "Viele werden jeden Tag verletzt, aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Meine Aufgabe sehe ich als Botschafter Gottes. Über die Anliegen der LGBTI+ Community als Insider zu sprechen, als schwarze Person, welche die Existenz dieser Politik versteht. Beim visuellen Aktivismus geht es um Aktivismus, aber wir nutzen visuelle Medien, um darüber zu sprechen, worüber sonst nicht gesprochen wird."

Hinsehen, Fühlen und Weinen

Zanele Muholi ist non-binär und Teil jener queeren Community Südafrikas. Die Bilder zeigen Menschen aus dem Inneren der Szene. Für Muholi sind die Portraitierten keine Subjekte sein, sondern Teilnehmende. Es geht darum, wahrgenommen zu werden. 2006 entsteht eines der ersten Porträts: Der Sänger Martin, der mit Muholi zur gleichen Kirche geht. Er ist bis heute ein enger Freund, verrät Muholi: "Ich möchte die Menschen, mit denen ich arbeite, die ich fotografiere, als Teilnehmende behandeln, die mich über sich informieren. Ohne diese Teilnehmenden gibt es keine Fotografien, keine Videographen und keine Akademiker, die ihre Anerkennung fordern könnten."

Natasha Ginwala in der Muholi-Ausstellung im Berliner Gropius Bau
Natasha Ginwala in der Muholi-Ausstellung im Berliner Gropius Bau | Bild: rbb

Zanele Muholis Bilder kommen nun nach Deutschland, sind im Gropius Bau in Berlin zu sehen, Natasha Ginwala hat die Ausstallung kuratiert und erklärt: "Wir sprechen über sexuelle Gewalt und sexuelle Rechte. Es geht damit um die Geschichte von uns allen, nicht nur um die Südafrikas. Wir blicken auf Minderheiten, die ihre Bedürfnisse äußern und ihre Liebe ohne Angst zeigen können. Das verbindet mich persönlich stark mit diesen Bildern."

Zuversichtlich fasst Zanele Muholi zusammen: "Für zu lange wurden wir unterdrückt und verzerrt wahrgenommen. Aber jetzt ist unsere Zeit gekommen. Es ist unsere Zeit, da wir schwarz sind. Wir sind smart und wir sind da! Unsere Erfahrungen sind, was Menschen zum Hinsehen, zum Fühlen und zum Weinen bringt."

Autor des TV-Beitrags: Max Burk

Stand: 21.11.2021 20:00 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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