SENDETERMIN So, 22.09.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Deutschstunde" im Kino

Christian Schwochows Filmadaption eines Weltbestsellers

PlayFilmszene "Deutschstunde" mit Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) und Sohn Siggi (Levi Eisenblätter)
"Deutschstunde" im Kino | Video verfügbar bis 22.09.2020 | Bild: Network Movie / Wild Bunch Germany 2019 / Georges Pauly

Siegfried Lenz’ 1968 erschienener Roman "Deutschstunde" war einer der großen Welterfolge der deutschen Literatur. Rund zwei Jahrzehnte nach Kriegsende beschrieb der Autor den Konflikt zwischen Pflichtgefühl und individueller Verantwortung während der Nazizeit. Die Neuverfilmung mit Starbesetzung holt den historischen Stoff in die Gegenwart. Eindringlich zeigt er, wie autoritäre Regime das Leben vergiften. ttt hat mit Regisseur Christian Schwochow, Drehbuchautorin Heide Schwochow und Hauptdarsteller Ulrich Noethen gesprochen.

Das Gift des Faschismus

Es ist eine universelle Geschichte: Zwei Freunde werden zu erbitterten Feinden. Zwischen beiden steht ein elfjähriger Junge, der von beiden geliebt werden will. "Es ist letztlich ein sehr politisches Buch", sagt Christian Schwochow, "ein Buch, das über die Zeit hinausreicht und auch heute wieder eine ganz eigene Brisanz bekommt. Der Roman und auch der Film versuchen zu beschreiben, wie Faschismus wirkt – ein Gift, das sich wie eine Krankheit ausbreitet, menschliche Beziehungen angreift und zerstören kann – und wie er sein Gesicht wandelt."

Die Last des Erinnerns

Deutschland Anfang der 50er Jahre: Siggi Jepsen (Tom Gronau), Insasse einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche, soll im Deutschunterricht einen Aufsatz zum Thema "Die Freuden der Pflicht" schreiben. Er gibt ein leeres Blatt ab - nicht, weil er zu wenig, sondern weil er zu viel zu sagen hat. Als er die Aufgabe zur Strafe in einer Einzelzelle nachholen muss, sprudeln die Erinnerungen und er schreibt wie besessen alles auf, was er als Zehn-, Elfjähriger in den Jahren zwischen 1943 und 1945 durchlitt.

"Pflicht ist Pflicht"

Filmszene "Deutschstunde" mit Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) und Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti)
Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) überwacht den Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) | Bild: Network Movie / Wild Bunch Germany 2019 / Georges Pauly

In den 40ern lebt Siggi (Levi Eisenblätter) in Rugbüll, einem kleinen Dorf in Norddeutschland. Sein Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) ist Polizist und Autoritätsperson, Patenonkel Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) Künstler. Seit Jugendzeiten verbindet die beiden eine enge Freundschaft. Doch dann erhält Jepsen aus Berlin den Befehl, Nansen wegen seiner "entarteten" Werke ein Malverbot zu überbringen und die Einhaltung zu überwachen.

Trotz der langjährigen Freundschaft ist Jepsen gewillt, den Befehl ohne Wenn und Aber umzusetzen. Er stiftet Siggi dazu an, den Maler zu bespitzeln. "Du wirst für mich arbeiten und ich mach aus dir etwas Brauchbares", schärft er ihm ein. "Nansen will es richtig machen", sagt Ulrich Noethen. "Er will auch die Erziehung seines Sohnes richtig machen. Da sind gewisse Sachen nötig wie zum Beispiel Schlagen. Aber er will es richtig machen, er liebt ihn ja, er will, dass aus dem Jungen etwas Brauchbares wird. Allein schon in dieser Formulierung entlarvt sich die ganze Perversion dieses Denkens."

Existenzielle Entscheidung

Filmszene "Deutschstunde" mit Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) und Siggi (Levi Eisenblätter)
Väterliche Freundschaft: Maler Nansen und Siggi | Bild: Network Movie / Wild Bunch Germany 2019 / Georges Pauly

Jepsen stürzt seinen Sohn in einen schweren Gewissenskonflikt. Der Druck wird noch größer, als auch Nansen Siggis Hilfe sucht. "Für mich ist es wirklich eine Geschichte des Missbrauchs", sagt Drehbuchautorin Heide Schwochoch. "Alle benutzen dieses Kind, weil sie in existentiellen Situationen sind, und diese existenziellen Situationen haben mit der Diktatur, mit dem autoritären System zu tun. Das macht die Fallhöhe so unheimlich."

Siggi beschließt, seinem Vater nicht zu gehorchen, und versteckt stattdessen eines von Nansens Bildern in einem verlassenen Haus. Dorthin bringt er auch seinen älteren Bruder Klaas (Louis Hofmann), der sich selbst verstümmelt hat, um dem Kriegsdienst zu entgehen. Auf die Hilfe des Vaters können beide nicht zählen. Tatsächlich wird Jepsen seinen Sohn Klaas später den Behörden übergeben. Als der Konflikt zwischen Nansen und Jepsen eskaliert, wird für Siggi die Antwort auf die Frage "Anpassung oder Widerstand?" zu einer existenziellen Entscheidung.

Wiederkehr des Autoritären

Dreharbeiten "Deutschstunde" mit  Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) und Siggi (Levi Eisenblätter)
Regisseur Christian Schwochow (links) und die Hauptdarsteller Levi Eisenblätter und Ulrich Noethen | Bild: Network Movie / Wild Bunch Germany 2019 / Georges Pauly

Buch und Film enden nicht im Jahr 1945. Die Konflikte schwelen weiter. Siggi leidet auch als junger Erwachsener unter den seelischen Verletzungen. Nansen wird zu einem berühmten Künstler. Bei Siegfried Lenz trägt er Züge von Emil Nolde, der sich als Opfer der Nazis inszenierte, selbst aber Antisemit und Rassist war. Wie eng seine Verbindung zum Nationalsozialismus tatsächlich war, hat eine gerade zu Ende gegangene große Ausstellung in Berlin gezeigt.  Die aktuelle Debatte veranlasste im Frühjahr Angela Merkel, zwei Nolde-Bilder abzuhängen.  

Drehbuchautorin Heide Schwochow
Drehbuchautorin Heide Schwochow | Bild: WDR

Und Jens Ole Jepsen? Er kehrt aus der Kriegsgefangenschaft auf seinen alten Polizeiposten zurück. "Diese Unfähigkeit zu lernen, diese Unfähigkeit aus den eigenen Fehlern Konsequenzen zu ziehen – das ist für mich sehr aktuell", sagt Ulrich Noethen. "Bei uns in Deutschland wurde oder wird nach wie vor viel aufgearbeitet. Aber viele sind diesen Weg nicht mitgegangen, waren nicht bereit, ihn zu gehen, oder sind nicht mitgenommen worden." Heide Schwochow ergänzt: "Man hat das Gefühl, dass dieser autoritäre Charakter, der durch Jens Ole Jepsen verkörpert wird, nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges irgendwie in der Verbannung verschwindet, sondern er lebt weiter, er kommt wieder. Und im Moment ist eine Zeit, wo unter dem Deckmantel einer bürgerlichen Bewegung, einer bürgerlichen Alternative dieser autoritäre Charakter wieder sehr stark auftritt in Deutschland und in Europa und in der Welt."

"Deutschstunde" ist auch fünfzig Jahre nach Erscheinen des Buches hochaktuell. "Es gibt wieder so eine Sehnsucht nach ganz starken Regeln", sagt Christian Schwochow, "das geht so weit, dass man wieder darüber spricht, welche Kunst gezeigt wird, welche Theaterstücke gespielt werden dürfen. Es geht darum, was ist sozusagen Deutsch und was ist nicht Deutsch. Und da beteiligen wir uns mit dem Film an der Debatte und versuchen auch, uns in den Weg zu stellen."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 22.09.2019 18:34 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 22.09.19 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste