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Und Gott schuf den Krieg

Der französische Kriegsfotograf Noël Quidu

PlayKriegsfoto von Noël Quidu: Ein schwerverwundeter Kindersoldat in Liberia, 2003
Und Gott schuf den Krieg | Video verfügbar bis 22.09.2020 | Bild: Noel Quidu/Edition Lammerhuber

Der Zorn treibt ihn an. Der französische Kriegs- und Reportagefotograf Noël Quidu hat aus fast allen Konflikt- und Krisengebieten berichtet. Mit seinen Fotos will er die Welt wachrütteln und an das Gewissen der Politik appellieren.Sie dokumentieren, was Krieg ist, in wessen Namen er geführt wird und was er mit den Menschen macht. Dreimal wurde Noël Quidu mit dem World Press Award, dem "Oscar der Pressefotografie", ausgezeichnet. Jetzt ist sein Bildband "… Und Gott schuf den Krieg" in der Edition Lammerhuber erschienen. ttt hat ihn in Paris getroffen.  

Zeugnis ablegen

Täter und Opfer, töten und getötet werden – im Krieg liegt beides nah beieinander. Wie nah, das zeigen die Fotos von Noël Quidu. Seit drei Jahrzehnten – vom Fall des Eisernen Vorhangs bis heute – hält er den Wahnsinn des Krieges mit der Kamera fest. Er war in Nahost, in Afrika und auf dem Balkan, in Tschetschenien, Syrien, Indonesien, im Irak und in der Ukraine. Seine Aufnahmen sollen Zeugnis ablegen. "Krieg ist nicht schön. Ich weigere mich, zu schöne Fotos zu machen", sagt er, "meine Mission ist es, den Horror des Krieges anzuprangern."

Hass, Gewalt und Angst

Der Fotograf Noël Quidu
Der Fotograf Noël Quidu | Bild: WDR

Jedes seiner Fotos erzählt eine Geschichte: von Kindersoldaten, die selbst zu Zielscheiben werden, von Frauen und Männern, die eine Welle aus Hass, Gewalt und Angst in den Abgrund reißt. "Kindersoldaten gab es immer und überall, auch in Europa. Die russischen Soldaten beim Sturm auf Berlin 1945 waren Kindersoldaten. Sie waren noch sehr jung. Ich habe Kindersoldaten in Afrika gesehen, aber auch in Tschetschenien. Es ist leider sehr einfach, Jungs zum Kämpfen zu bringen, ihnen eine Waffe zu geben und zu sagen: Du bist jetzt ein Mann. Es ist ein diabolischer Mechanismus: Man gibt ihnen Drogen. Drogen und Krieg, das ist nichts Neues. Man verwendet unterschiedliche Substanzen. Aber es ist immer das Gleiche."

"Im Namen Gottes"

Kriegsfoto von Noël Quidu: Monrovia 2003
Monrovia 2003 | Bild: Noel Quidu/Edition Lammerhuber

Noël Quidus Fotoband "… Und Gott schuf den Krieg" versammelt Aufnahmen aus drei Jahrzehnten, in denen er überall dem Teufel begegnet ist." Immer wieder aber hat er erlebt, dass Gott als Vorwand für grauenhafte Massaker diente. "Bestimmte Religionen rechtfertigen den Krieg. Die Christen ihre Kreuzzüge, um das Grab Jesu zurückzuerobern, oder heute der Jihad", sagt er. "Man kann Krieg im Namen Gottes führen – ebenso wie im Namen des Profits oder des Öls."

Auch heute noch reist der 62-Jährige dorthin, wo der Krieg am schlimmsten wütet. "Gräueltaten gibt es überall, egal welches Volk, welche Religion, welche Hautfarbe. Es gibt etwas Unmenschliches im Menschen. Das ist das Problem. Irgendetwas lässt die Explosion des Hasses, der Rache ausbrechen. Es ist sehr schwer, das zu stoppen."

Hoffnung auf Frieden

Und doch hat Noël Quidu eine Hoffnung. Es ist die Hoffnung darauf, durch die Abbildung des Krieges Frieden zu stiften. "Wir Franzosen und Deutsche, wir Europäer, leben im Frieden. Wir haben den Alptraum des Zweiten Weltkriegs total vergessen. Und dieser Krieg war der schlimmste überhaupt. Wir haben vergessen, dass Krieg auch bei uns möglich ist. Wir sind versöhnt. Wir leben sozusagen in einem Zustand der Unschuld. Aber wenn man diese Fotos sieht, erinnert man sich wieder an die Alpträume von früher."

Buchtipp

Noël Quidu, Cyril Drouhet: … Und Gott schuf den Krieg.
Edition Lammerhuber 2019, Preis: 59,90 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 23.09.2019 09:28 Uhr

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