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Kampf gegen Bleischmelzen

Die kenianische Umweltaktivistin Phyllis Omido

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Kampf gegen Bleischmelzen | Video verfügbar bis 22.09.2020 | Bild: WDR

Als Phyllis Omido vor zehn Jahren ihren neuen Job in einer Recyclinganlage für Altbatterien in einem Vorort von Mombasa antritt, stürzt sie sich mit Eifer in die Arbeit. Doch schon wenige Wochen später erkrankt ihr zweijähriger Sohn lebensgefährlich. Das Kind leidet an einer schweren Bleivergiftung. Phyllis Omido recherchiert und findet heraus, dass sich seit der Eröffnung der Fabrik die Krankheitsfälle in der Umgebung häufen. Sie kündigt und beginnt ihren Kampf: gegen die Fabrik, gegen internationale Unternehmen, gegen den kenianischen Staat und für die Entschädigung der Opfer. Wie sie wurde, was sie ist, erzählt sie in ihrem jetzt im Europa Verlag erschienenen Buch "Mit der Wut einer Mutter". ttt hat Phyllis Omido in Mombasa getroffen.

Vergiftete Arbeit

Owino Uhuru ist ein Armenviertel in der Nähe der kenianischen Metropole Mombasa. Es gibt wenig Arbeit hier, und als 2007 indische Geschäftsleute ausgerechnet an diesem Ort eine Recyclinganlage bauen, sind die Menschen froh. Auch die studierte Betriebswirtin Phyllis Omido. Sie findet Arbeit in der Verwaltung und kann sogar ihren kleinen Sohn King mitbringen. Dass ein merkwürdig fauliger Geruch über dem Ort liegt, fällt ihr auf, beunruhigt sie zunächst aber nicht. Ebenso wenig wie der Zweck der Anlage: Hier werden im großen Stil alte Autobatterien ausgeschlachtet, um Blei zu gewinnen und weiterzuverkaufen. Erst als King schwer krank wird, beginnt sie nachzuforschen. Sie erfährt, dass der Bleigehalt in seinem Blut um das 37-Fache über dem zulässigen Wert liegt. Das Kind ist hochgradig vergiftet – genauso wie viele andere Menschen aus Owino Uhuru. Der jungen Mutter wird klar: "Der einzige Ort, an dem die Vergiftung möglich war, das war mein Arbeitsplatz, dort, wo reines Blei für den Export produziert wurde."

Tödliches Geschäft

Protestmarsch gegen die Bleischmelze
Protestmarsch gegen die Bleischmelze | Bild: WDR

Bleirecycling ist in Afrika ein weit verbreitetes Geschäft. Die Gesundheits- und Umweltbedingungen sind desaströs. Oft arbeiten die Menschen mit einfachster Technik und ohne Arbeitsschutz. Bleistaub landet auf Haut, Kleidung und im Grundwasser. Die Krankheitsraten sind dramatisch hoch. Betroffen sind nicht nur die Arbeiter, sondern auch ihre Familien. Viele sterben an den Folgen der Vergiftung.

Das zum Teil aus europäischen Batterien recycelte Blei landet wieder auf dem Weltmarkt. Vor allem in den Industrieländern steigt die Nachfrage stetig. Ein Großteil des Rohstoffes wird in die EU exportiert. Auch Deutschland importiert Blei aus Afrika, oft über Umwege und Zwischenhändler.

Start der Kampagne

Ihre alarmierenden Entdeckungen lassen Phyllis Omido keine Ruhe. Sie informiert die Dorfbewohner und ruft zum Widerstand auf. Viele wollen zunächst nichts davon wissen. Sie verdrängen die Gefahr, weil sie arm sind und den Job in der Fabrik brauchen. Doch als die Zahl der Fehlgeburten zunimmt, die ersten Kranken sterben und fast alle Männer unter Erektionsproblemen leiden, lassen sich die Menschen überzeugen und schließen sich ihrer Kampagne an.

Erste Erfolge

Phyllis Omido und ihre Mitstreiter
Phyllis Omido und ihre Mitstreiter | Bild: WDR

Sehr viel schwieriger ist es, die Behörden und Politiker zum Handeln zu bewegen. Phyllis Omido lässt weitere Bluttests durchführen und sammelt Beweise. Aber keiner der Verantwortlichen reagiert. Erst als die Medien ihre Geschichte aufgreifen, haben sie und ihre Unterstützer erste Erfolge. 2014 wird die Fabrik geschlossen. Für Phyllis Omido aber geht der Kampf weiter.

Mit ihrer Organisation "Center for Justice, Governance and Environmental Action" hilft sie auch anderen Opfern von Umweltverschmutzung. Gegen die Betreiber der Fabrik und die kenianische Regierung hat sie im Namen der Opfer eine Sammelklage eingereicht. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern fordert sie eine Entschädigung von umgerechnet zwölf Millionen Euro und eine Sanierung des verseuchten Gebietes. Im kommenden Frühjahr soll der Gerichtshof in Mombasa das Urteil sprechen.

Ehrung für Phyllis Omido

Viele sehen in Phyllis Omido die "Erin Brockovich Afrikas". Wie die amerikanische Umweltaktivistin, deren Geschichte mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde, hat sie den Kampf gegen Industrie und korrupte Politiker aufgenommen und sich von ihren übergroßen Gegnern nicht einschüchtern lassen. Für ihre Arbeit hat die 41-Jährige eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, darunter 2015 den renommierten Goldman Environmental Prize.

Phyllis Omido und ihr Sohn King
Phyllis Omido und ihr Sohn King | Bild: WDR

Für ihr Engagement hat sie aber auch einen hohen Preis gezahlt. "Ich bin direkt bedroht worden. Man hat mir aufgelauert und mich ein paar Mal verhaftet. Sogar meinen Sohn wollte man kidnappen." Jetzt lebt sie an einem geheimen Ort in Mombasa, zusammen mit King und zwölf Hunden. Dem heute 13-Jährigen geht es gut. "Er braucht aber immer noch Unterstützung und Hilfe beim Lernen. Denn leider hat eine Bleivergiftung auch negative Folgen für den IQ eines Kindes."

Der Kampf geht weiter

Phyllis Omido weiß, dass es noch viel zu tun gibt. Bis heute trinken die Menschen in Owino Uhuru vergiftetes Wasser. Fünf Jahre nach der Schließung der Fabrik ist die Region noch immer verseucht. "Nicht jeder kann es sich leisten, sauberes Wasser zu kaufen. Wir müssen ihnen eine Alternative anbieten. Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir den Prozess gewinnen." Sie kämpft für Gerechtigkeit und für besseren Umweltschutz – in Afrika und weltweit. Denn, so sagt sie, "global gesehen, macht uns die Umwelt alle gleich".

Buchtipp

Phyllis Omido, Andrea C. Hoffmann: Die Wut einer Mutter.
Die Geschichte der afrikanischen Erin Brockovich
Europa Verlag 2019 München, Preis: 18 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland
Producerin: Monika Dzionk

Stand: 23.09.2019 09:27 Uhr

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