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Leben und Sterben an der mexikanischen Grenze

Francisco Cantús Reportage "No Man’s Land" über Flucht und Migration

PlayZaun an der amerikanisch-mexikanischen Grenze
Leben und Sterben an der mexikanischen Grenze | Video verfügbar bis 23.07.2019 | Bild: Getty Images/AFP / Joe Raedle

Sie war eines von Trumps größten Wahlversprechen: die Mauer entlang der über 3000 Kilometer langen US-amerikanischen Grenze zu Mexiko. Noch steht sie nicht. Aber das Grenzregime wurde weiter verschärft.

Die unerlaubte Einwanderung aus Mexiko ist seit Jahren ein heißes und höchst umstrittenes Thema in den USA. Bereits 1994 initiierte Bill Clinton die "Operation Gatekeeper", um mit gezielten Maßnahmen Migranten zu stoppen – auch um den Preis, sie in lebensgefährliche Regionen abzudrängen. Tausende starben auf ihrem Weg durch die Wüste.  

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden die Kontrollmechanismen weiter ausgebaut: mit Zäunen, Wachen, Kameras und Drohnen. Noch bevor Trump von der Mauer zu phantasieren begann, haben seine Vorgänger enorme Energie darauf verwandt, unerwünschte Einwanderer fernzuhalten.  

Was das tatsächlich für die Menschen bedeutet und wie das Leben an der mexikanischen Grenze aussieht, das beschreibt Francisco Cantú in seiner Reportage "No Man's Land". Für das Buch erhielt er 2017 den renommierten Whiting Award. Die deutsche Übersetzung erscheint am 23. Juli im Hanser Verlag. ttt hat den Autor in Arizona getroffen.

Beobachtungen im Niemandsland

U.S. Border Patrol an der Grenze
US Border Patrol an der Grenze | Bild: AP Photo / Russell Contreras

Francisco Cantú ist als Enkel mexikanischer Einwanderer in Arizona aufgewachsen. 2008 wurde er Mitglied der United States Border Patrol, der amerikanischen Grenzpolizei. Er war damals 23 Jahre alt, hatte in Washington Politik studiert und wollte mit eigenen Augen sehen, was an der Grenze zwischen Mexiko und den USA geschieht.  

Schnell machte er Karriere und wurde als Spurensucher in den unwegsamen Gebieten eingesetzt. Doch die Arbeit brachte ihn fast um den Verstand. Einerseits rettete er Verdurstenden das Leben, andererseits deportierte er illegale Einwanderer und war Zeuge, wie Familien auseinandergerissen werden.

Schonungslose Schilderung

Im Mittelpunkt seines Buches steht das Schicksal der Menschen, die sich unter widrigsten Umständen auf den Weg in die USA machen. Tausende sterben in der Gluthitze der Wüste. Unzählige fallen Menschenhändlern und Drogenbossen zum Opfer. Hundertausende werden von den Wachen aufgegriffen und in Deportationszentren gebracht, wo sie Willkür und Gewalt ausgesetzt sind.

Die Gnadenlosigkeit des Einwanderungssystems

Francisco Cantú
Der Autor Francisco Cantú | Bild: WDR

Francisco Cantú gibt aber auch Einblick in die Motive seiner Kollegen, reflektiert sein eigenes Verhalten, ohne sich selbst zu schonen. Und immer wieder macht er hinter den sehr persönlichen Geschichten das große Ganze begreifbar: ein menschenverachtendes Einwanderungssystem, das mit seiner Brutalität die Gesellschaft durchdringt. Vier Jahre nach dem Eintritt in die United States Border Patrol quittierte Francisco Cantú 2012 den Dienst. Er begann zu schreiben, um "all das zu verarbeiten, was ich gesehen habe".

Suche nach Erlösung

Seine Vergangenheit als Grenzer holt ihn noch einmal ein, als er als Barista in einem Café in Tucson den Mexikaner José kennenlernt. Seit über 30 Jahren lebt der dreifache Vater ohne Papiere in den USA. Noch einmal kehrt er nach Mexiko zurück, um seine sterbende Mutter zu sehen. Auf dem Rückweg wird er aufgegriffen und abgeschoben. Francisco Cantú beschließt, ihm und seiner Familie helfen. Doch schmerzhaft wird ihm klar, wie wenig er gegen das System, für das er einst selbst arbeitete, ausrichten kann. "In dem Moment fragte ich mich, ob es mir wirklich nur darum ging, ob ich Buße tun wollte für all die Menschen, die ich zurückgeschickt hatte, ob es der Versuch einer Wiedergutmachung war. Wenn ich Erlösung suchte, dachte ich, wie könnte Erlösung aussehen?"

Eine eindeutige Antwort gibt Francisco Cantú nicht. Den Menschen aber, die hinter der Migrationsdebatte stehen, gibt er eine Stimme und ein Gesicht.

Buchtipp

Francisco Cantú: No Man's Land.
Leben an der mexikanischen Grenze.
Hanser 2018, Preis: 22 Euro

Autoren des TV-Beitrags: Joachim Gaertner/Oliver Richardt

Stand: 23.07.2018 09:31 Uhr

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