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Eine Optimistin schlägt Alarm

Madeleine Albrights aktuelles Buch "Faschismus"

PlayMadeleine Albright in Berlin
Eine Optimistin schlägt Alarm | Video verfügbar bis 22.07.2019 | Bild: WDR

Der Titel ihres neuen Buches ist kurz und prägnant. "Faschismus. Eine Warnung" heißt es. Dass er aufschreckt und elektrisiert, ist ganz im Sinne der Autorin. Madeleine Albright, die Grande Dame der amerikanischen Außenpolitik, will ihre Leser aufrütteln. "Wenn das Buch alarmiert, ist es gut so."

Albright erzählt Weltgeschichte, die sie selbst erlebt und gestaltet hat. Sie schlägt einen historischen Bogen vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und kommt zu dem Schluss: Es gibt eine neue faschistische Gefahr. "Wir sollten uns des Angriffs auf die demokratischen Werte bewusst sein", schreibt sie. "Die Versuchung ist stark, die Augen zu verschließen und darauf zu hoffen, dass das Schlimmste einfach vorübergeht. Aber die Geschichte lehrt uns, wenn unsere Freiheit weiterbestehen soll, muss sie verteidigt werden, und wenn Lügen unterbunden werden sollen, muss man sie entlarven."

ttt hat Madeleine Albright anlässlich der Verleihung des Freedom Awards zu einem exklusiven TV-Interview in Berlin getroffen.

Eigene Erfahrungen mit dem Faschismus

Sie hatte kaum laufen gelernt, als die Faschisten das erste Mal in ihr Leben eingriffen. Madeleine Albright, 1937 als Tochter eines tschechischen Diplomaten in Prag geboren, floh zehn Tage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im März 1939 mit ihren Eltern nach London.

Nach dem Krieg kehrte die Familie noch einmal in die tschechoslowakische Republik zurück – aber nur für kurze Zeit. 1948, nach dem kommunistischen Staatsstreich, emigrierte sie in die USA.

Dass sie einer jüdischen Familie entstammt und ein Großteil ihrer Verwandten dem Holocaust zum Opfer fiel, sollte Madeleine Albright erst viele Jahre später erfahren. "Ich habe selbst erlebt, was es heißt, wenn sich die USA in der Welt engagieren. Und ich weiß auch, was es heißt, wenn sie es nicht tun."  

Diplomatische Karriere

Madeleine Albright als Außenministerin (2001)
Madeleine Albright als Außenministerin (2001) | Bild: AP / Stephen J. Carrera

Nach dem Studium der Politik-, Rechts- und Staatswissenschaften begann sie ihre außergewöhnliche Karriere als politische Beraterin und Diplomatin, die sie bis an die Spitze des amerikanischen Außenministeriums führte. Von 1997 bis 2001 gehörte sie als erste Frau im Amt des "Secretary of State" dem Kabinett von Bill Clinton an.

"Wie eine Schlingpflanze"

Die 81-Jährige könnte längst im Ruhestand sein. Doch noch immer beschäftigen sie die großen weltpolitischen Fragen. Vor allem beunruhigt sie das Wiedererstarken radikaler, autoritärer und nationalpopulistischer Kräfte in Europa und den USA. "Wie eine Schlingpflanze" schleiche sich der Faschismus in den gesellschaftspolitischen Diskurs. Er nähere sich Schritt für Schritt, rühre an die Wurzeln der liberalen Demokratie, ohne bemerkt zu werden.

Den letzten Anstoß zu ihrem aktuellen Buch gab der Mann, der gerade dabei ist, die alte Weltordnung zu zerschlagen: Donald Trump, 45. Präsident der USA. Sie wolle ihn nicht als Faschisten bezeichnen, betont sie. "Er ist keiner, aber er ist der am wenigsten demokratische Präsident, den wir in der amerikanischen Geschichte hatten." In ihren Augen ist Trump ein Symptom für das, was derzeit passiert. Für hoch gefährlich hält sie seine Versuche, die US-Gesellschaft zu spalten. Anstatt Kompromisse zu suchen und das Gemeinsame zu finden, zerstöre er die Möglichkeit zum Ausgleich.

Optimistin, die sich Sorgen macht

Kollegen: Madeleine Albright und Joschka Fischer (1999)
Kollegen: Madeleine Albright und Joschka Fischer (1999) | Bild: dpa Picture-Alliance / Gero Breloer

Genau darin, in der Spaltung der Gesellschaft, sieht Madeleine Albright die Parallele zum Faschismus. Es ist ein Angriff auf die Demokratie, der langsam daherkommt: indem er demokratische Institutionen untergräbt, die freie Presse als Volksfeind diffamiert und in den Einwanderern Fremde sieht, die das Gemeinwohl gefährden.

 Doch trotz alarmierenden Zeichen ist Madeleine Albright überzeugt von der Widerstandskraft der modernen Demokratie. "Ich bin nicht verzweifelt", sagt sie, "ich bin eine Optimistin, die sich Sorgen macht." Mit Nachdruck plädiert sie dafür, unsere in die Jahre gekommenen westlichen Institutionen rundum zu erneuern und zu stärken. "Das ist unsere wichtigste Aufgabe!"

Buchtipp

Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung.
DuMont Buchverlag 2018, Preis: 24 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Stand: 22.07.2018 17:20 Uhr

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