SENDETERMIN Mo, 23.07.18 | 00:00 Uhr | Das Erste

Europas größte Elektro-Müllhalde in Afrika

Der Dokumentarfilm "Welcome to Sodom"

PlayAlltag im Inferno
Europas größte Elektro-Müllhalde in Afrika | Video verfügbar bis 23.07.2019 | Bild: Camino Filmverleih

Apokalyptische Bilder, die uns den Atem rauben. Sie erinnern an Hollywoods spektakuläre Szenarien vom Weltuntergang – und sind doch völlig real. Agbogbloshie heißt jener Teil der ghanaischen Hauptstadt Accra, in dem eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt liegt. Er gehört zu den verseuchtesten Arealen der Welt. Rund 6.000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier.

Sie nennen ihren Stadtteil "Sodom" nach einer der beiden biblischen Städte, die Gott mit Feuer und Schwefel strafte. Die beiden österreichischen Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes porträtieren in ihrem Film "Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier" die Verlierer der digitalen Revolution, die am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. Am 2. August kommt der Dokumentarfilm in die Kinos. ttt hat die beiden Filmemacher in München getroffen.

Digitaler Friedhof

Handel mit dem Abfall der digitalen Revolution
Handel mit dem Abfall der digitalen Revolution | Bild: Camino Filmverleih

Rund 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Monitore, Smartphones und anderer Elektroschrott gelangen Jahr für Jahr nach Agbogbloshie – aus Europa und aller Welt illegal nach Ghana verschifft. Vor noch nicht allzu langer Zeit war das Gebiet am Stadtrand von Accra Sumpfland. Heute ist es ein digitaler Friedhof von monströsen Ausmaßen, durch den giftige Rinnsale sickern. Blei, Kadmium und Quecksilber haben längst Boden und Wasser kontaminiert.

Für die Menschen, die hier leben, ist der Müll Lebensgrundlage und Bedrohung zugleich. Kinder und Jugendliche zerkleinern den Schrott. Rundherum lodern riesige Feuer. Tiefschwarze Rauchwolken ziehen darüber hinweg. Alte Kabel, Computer und Monitore werden verbrannt, um den Kunststoff zu schmelzen und an die wertvollen Metalle zu gelangen.  

Alltag in Sodom

Florian Weigensamer und Christian Krönes zeichnen in ihrem Film nicht nur das Bild eines extrem unwirtlichen Ortes. Sie geben auch einen sehr persönlichen Einblick in den Alltag seiner Bewohner. 

Da ist der Herr der Feuer, der das Inferno mit dem Einsatz seines ganzen Körpers unter Kontrolle hält. Wir begegnen einem ehemaligen Medizinstudenten, der in seiner Heimat Gambia wegen seiner Homosexualität verfolgt wird und in der Anonymität von Agbogbloshie Schutz sucht. Ein junger Arbeiter hat sich mitten in Sodom ein Tonstudio eingerichtet und nimmt in seiner Freizeit Rap-Songs auf. Ein Mädchen wechselt seine Identität: Als Junge verkleidet, kommt sie an die einträglicheren Jobs auf der Müllhalde.

Sie alle sind in "Sodom" zu Hause. Mit Einfallsreichtum und Improvisationsvermögen haben sie mitten in der Apokalypse eine Strategie zum Überleben entwickelt. Der Verkauf von wiederverwertbarem Material sichert ihre Existenz – um den Preis schwerer gesundheitlicher Schäden. Eine andere Chance haben sie nicht.

Kehrseite der Wegwerfgesellschaft

Christian Krönes und Florian Weigensamer
Christian Krönes (l.) und Florian Weigensamer | Bild: WDR

"Welcome to Sodom" hält uns die toxische Seite unserer kapitalistischen Luxus- und Wegwerfgesellschaft vor Augen. In Agbogbloshie manifestiert sich der Fluch des Konsumwahns, der uns in immer kürzeren Zyklen dazu treibt, das gerade erst erworbene Smartphone durch das noch neuere Modell zu ersetzen.

Auf der Müllhalde in Agbogbloshie endet die digitale Revolution. Hier werden höchstwahrscheinlich auch die Tablets und Laptops landen, die wir erst morgen kaufen.

"Welcome to Sodom" lädt ein in einen Mikrokosmos, der das Verhältnis der westlichen Industriestaaten zum globalen Süden spiegelt. Es ist ein Film, der zum Nachdenken über unser eigenes Verhalten und die Folgen der Globalisierung anregt - drastisch, schockierend und einfühlsam.

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 23.07.2018 09:32 Uhr

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