SENDETERMIN So, 24.06.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Italienporträt als Familienepos

Francesca Melandris Roman "Alle, außer mir"

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Francesca Melandris Roman "Alle, außer mir" | Video verfügbar bis 24.06.2019 | Bild: WDR

Zehn Jahre lang hat Francesca Melandri, preisgekrönte Stimme der italienischen Gegenwartsliteratur, an ihrem neuen Roman bearbeitet. "Alle, außer mir" erzählt eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ist gleichzeitig ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Virtuos schlägt die Autorin einen Bogen von den rassistischen Verbrechen während der italienischen Kolonialzeit in Afrika bis zu den Migrantenschicksalen der Gegenwart. In Zeiten, da Europa an der Flüchtlingsfrage zu scheitern droht und Italiens neue Regierung den radikalen Populismus zum Programm erhebt, ist Francesca Melandris Roman das Buch der Stunde. ttt hat die Schriftstellerin in Rom getroffen.

Schatten der Vergangenheit

Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff Aquarius
Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff Aquarius | Bild: imago/ZUMA-Press / Danilo Balducci

Ilaria Profeti lebt in Rom, ist 40 Jahre alt und arbeitet als Lehrerin. Sie glaubt, ihren Vater Attilio gut zu kennen. Die beiden haben sich immer verstanden. Doch dann taucht eines Tages ein junger Schwarzer vor ihrer Wohnungstür auf und behauptet, Attilio sei sein Großvater und Ilaria seine Tante. Völlig unmöglich, denkt sie im ersten Moment. Und spürt doch, dass sie diese Geschichte nicht einfach abtun kann.

Es ist der Anfang einer langen Reise in die Vergangenheit, die weit zurückführt in die koloniale Geschichte Italiens. Von ihrem 95-jährigen dementen Vater kann Ilaria keine Auskunft erwarten. Sie geht andere Wege. Und erfährt, dass Attilio in den 30er-Jahren mit dabei war, als das faschistische Königreich Italien das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien – das heutige Äthiopien – völkerrechtswidrig eroberte und besetzte.

Verdrängte Geschichte

Mit seiner Kriegserklärung gegen Abessinien am 2. Oktober 1935 setzte Mussolini die italienische Kolonialisierung Afrikas fort, die Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte. Zu den besetzten Gebieten auf dem afrikanischen Kontinent gehörten damals auch Eritrea und ein großer Teil des heutigen Somalias sowie Libyen. Mit den Eroberungen waren schreckliche Gräueltaten verbunden. Allein in Äthiopien fielen zwischen 1935 und 1941, dem Ende der Besatzung, 350.000 bis 700.000 Menschen der italienischen Herrschaft zum Opfer.

Spuren bis in die Gegenwart

Obwohl sich Italien nach dem Zweiten Weltkrieg dazu verpflichtet hatte, Kriegsverbrecher nach Maßgabe der Nürnberger Prozesse vor Gericht stellen zu lassen, wurden die meisten entweder gar nicht angeklagt oder nach einem Urteil rasch begnadigt. Wie Rodolfo Graziani, Anführer des Feldzuges gegen Äthiopien, der heute von der italienischen Rechten als Held verehrt wird.

Matteo Salvini
Matteo Salvini, Italiens neuer Innenminister | Bild: imago/ZUMA Press / Andrea Ronchini

In ihrem Roman verknüpft Francesca Melandri die bewegende Familiengeschichte der Profetis mit der Geschichte Italiens: von der verdrängten und beschwiegenen Kolonialzeit über den Faschismus und die Korruptokratie Berlusconis, der eine enge Freundschaft zu dem früheren libyschen Machthaber Gaddafi pflegte, bis zur unmittelbaren Gegenwart. Erst vor wenigen Tagen hat der neue Innenminister Matteo Salvini das Rettungsschiff Aquarius mit 629 Flüchtlingen abgewiesen.

"Es ist ein Roman über die Mechanismen der Verdrängung, ob kollektiv oder individuell, und darüber, was nach der Verdrängung geschieht", sagt Francesca Melandri. Sie ist überzeugt davon, dass der Rassismus von heute seine Wurzeln in der Kolonialherrschaft hat. Aus der dunklen Vergangenheit führt ein direkter Weg zur Verachtung jener, die die Europäer einst beraubt, denen sie ihr Land, ihre Ressourcen und ihre Würde genommen haben.

Die Hoffnung, dass die afrikanischen Migranten mit ihren individuellen Schicksalen unsere Bereitschaft zur Erinnerung mobilisieren würden, hat sich bisher nicht erfüllt. Ganz zu schweigen von der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Francesca Melandris Roman stellt naheliegende Verbindungen her und lässt die aktuelle Flüchtlingsdebatte in einem anderen Licht erscheinen.

Buchtipp

Francesca Melandri: Alle, außer mir.
Wagenbach Verlag 2018, Preis: 26 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Stand: 24.06.2018 17:19 Uhr

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