SENDETERMIN So, 24.06.18 | 23:35 Uhr

Die erschreckende Normalität des Judenhasses

Sven Felix Kellerhoffs Buch über die Novemberpogrome 1938

Play Guntersblum. Historisches Foto vom "Schandmarsch"
Die erschreckende Normalität des Judenhasses | Video verfügbar bis 24.06.2019 | Bild: Verlag Klett-Cotta

Guntersblum ist ein kleiner Weinort in Rheinhessen, idyllisch gelegen zwischen Mainz und Worms, mit knapp 4.000 Einwohnern und einer über tausendjährigen Geschichte. Als Guntersblum 2008 bundesweit Schlagzeilen machte, war es allerdings nicht wegen des Weines oder seiner tausendjährigen Geschichte. Stattdessen ging es um zwei Fotos aus der Zeit des sogenannten Tausendjährigen Reiches, wie die Nationalsozialisten ihr Schreckensregime propagandistisch nannten. In der "Welt" erschienen damals zum 70. Jahrestag der Novemberpogrome zwei Fotos, auf denen zu sehen war, wie sechs jüdische Einwohner von Guntersblum am 10. November 1938 auf der Hauptstraße des Dorfes von ihren Mitbürgern bei einem "Schandmarsch" gedemütigt wurden.

Die bis dahin unveröffentlichten Fotos lösten nicht nur in Guntersblum Entsetzen und zahlreiche Nachfragen aus. Sie machten erschreckend deutlich, dass nicht nur in Berlin, München und Köln, sondern auch in der deutschen Provinz im November 1938 die Saat des Hasses aufgegangen war. 

Das Gift des Antisemitismus

Sven Felix Kellerhoff in Guntersblum
Sven Felix Kellerhoff in Guntersblum | Bild: WDR

Sven Felix Kellerhoff, Historiker, Journalist und Autor ("'Mein Kampf' – die Karriere eines deutschen Buches") hat die Geschichte hinter den Fotos recherchiert und ein Buch über die Hintergründe geschrieben. Darin erzählt er von den Schicksalen der Betroffenen, beschreibt, wie das Gift des Antisemitismus sich ausbreitete, und zeigt, dass die Vergangenheit den Ort bis heute nicht loslässt. "Ein ganz normales Pogrom. November 1938 in einem deutschen Dorf" ist jetzt bei Klett-Cotta erschienen. ttt hat Sven Felix Kellerhoff in Guntersblum getroffen und mit Zeitzeugen gesprochen.

Die "Normalität" der Verfolgung

Zeitzeuge Hans Jakob Schmitt
Zeitzeuge Hans Jakob Schmitt | Bild: WDR

Was in Guntersblum am 10. November 1938 geschah, war keine Ausnahme. In über Tausend Städten und Orten gab es Angriffe auf Juden. Innerhalb weniger Tage wurden 1.400 Synagogen, unzählige Beträume, Geschäfte und Wohnhäuser verwüstet oder zerstört. Die Schergen der Nazis verschleppten rund 31.000 Juden in die KZs Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen, wo Hunderte der Gewalt zum Opfer fielen.

Wie es dazu kam, dass solche antisemitischen Schändungen im nationalsozialistischen Alltag "normal" waren, veranschaulicht Sven Felix Kellerhoff am Beispiel der Geschichte des kleinen Weindorfes Guntersblum. Er beschreibt, wie die Einwohner die Folgen des Ersten Weltkrieges erlebten, wie sich in den 20er-Jahren die wirtschaftliche Lage verschlechterte und die NSDAP mit ihren Ortsgruppn auch in der Provinz daraus Kapital schlagen konnte. Und er erzählt von den wachsenden Spannungen zwischen Christen und Juden, die von den Guntersblumer Nationalsozialisten geschürt wurden und ab 1933 zu Diskriminierungen und massiven Schikanen führten – oft verbunden mit persönlichen Rachegelüsten.

Schutz in der Anonymität

Damals entschlossen sich viele Juden, die Provinz zu verlassen. Von der Anonymität einer Großstadt erhofften sie sich Schutz und Sicherheit. Wer blieb, sah sich mit dem wachsenden Hass der Nachbarn konfrontiert. Solidarität angesichts der vom Staat verordneten immer schärfer werdenden Verfolgung war von ihnen nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Die Situation eskalierte. Und so sahen die Guntersblumer im November 1938 nicht nur zu, sondern waren aktiv an der öffentlichen Demütigung, an den Plünderungen und Verwüstungen beteiligt. Ein halbes Jahr später lebten von den 51 Mitgliedern, die Anfang 1933 zur jüdischen Gemeinde Guntersblums gehört hatten, nur noch vier im Ort. Die anderen waren emigriert oder innerhalb von Deutschland verzogen.

Späte Aufarbeitung

Stolpersteine in Guntersblum
Stolpersteine erinnern an die verfolgten Juden von Guntersblum | Bild: WDR

Sven Felix Kellerhoff zeigt auch, wie schwer sich die Guntersblumer mit der Aufarbeitung taten. Jahrzehntelang wurde die Judenverfolgung verdrängt. "Doch Vergangenheit vergeht niemals", schreibt er. Auch wenn es viele Jahre dauert, "bis in Form von Bürgerinitiativen, Gedenktafeln und Publikationen die Aufarbeitung greifbar wird". Seit April 2011 erinnern 23 Stolpersteine auch in Guntersblum an NS-Verfolgte.

Buchtipp

Sven Felix Kellerhoff: Ein ganz normales Pogrom.
November 1938 in einem deutschen Dorf
Klett-Cotta Verlag 2018, Preis: 22 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 25.06.2018 08:03 Uhr

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