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Leben in der Transitzone

Karim Aïnouz’ Dokumentarfilm "Zentralflughafen THF"

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Karim Aïnouz’ Dokumentarfilm "Zentralflughafen THF" | Video verfügbar bis 05.10.2018 | Bild: Piffl Medien

Er lebt seit einigen Jahren in Berlin, nicht weit entfernt vom Tempelhofer Feld, einem 355 Hektar großen Gelände um den stillgelegten Flughafen Tempelhof. Fasziniert beobachtete der brasilianische Filmemacher und Architekt Karim Aïnouz zwei Welten: Berliner, die auf dem Feld mit Spiel, Spaß und Sport ihre Freizeit genießen, und Flüchtlinge, die in Zelten, Hallen und Hangars auf ein besseres Leben warten.

Ein Jahr lang begleitete er mit der Kamera das Leben in Tempelhof. Sein Dokumentarfilm "Zentralflughafen THF" lief mit großem Erfolg auf der diesjährigen Berlinale. Am 5. Juli kommt er in die Kinos. ttt hat Karim Aïnouz in Rio de Janeiro getroffen.

Geschichte und Geschichten

Der Zentralflughafen THF – so die offizielle Bezeichnung – ist ein geschichtsträchtiger Ort. 1923 eröffnet, bauten ihn die Nazis in den 30er-Jahren zum damals flächengrößten Gebäude der Welt aus. Während des Zweiten Weltkrieges nutzten sie das Gelände als Flugzeugwerk und setzten Tausende von Zwangsarbeitern ein. Nach der Kapitulation war das Areal Stützpunkt der amerikanischen Besatzungsmacht. Vor genau 70 Jahren, am 26. Juni 1948, begann die Berliner Luftbrücke. Fast ein Jahr lang versorgten die Alliierten die Zivilbevölkerung während der sowjetischen Berlin-Blockade mit Lebensmitteln. Im Minutentakt landeten die "Rosinenbomber" in Tempelhof. Der Flughafen wurde zum Symbol für die freie Welt. Bis zu seiner Schließung im Oktober 2008 war er neben Tegel und Schönefeld einer der drei internationalen Airports von Berlin.

Kein Wunder, dass dieser Ort in Karim Aïnouz' Film weit mehr ist als bloße Kulisse. "Es war mir sehr wichtig, ein Gefühl für die Geographie dieses Ortes zu vermitteln", sagt er. "Die Geschichte ist hier sehr präsent. Tempelhof ist ein Abbild Berlins, einer Stadt, die sich ständig neu erfindet – auf sehr radikale Weise."

Zwei Welten

Bei den Dreharbeiten in Tempelhof
Auf der Wiese zwischen den Landebahnen | Bild: Piffl Medien

Im Mai 2010 öffnete das Tempelhofer Feld für die Bürger Berlins und verwandelte sich in einen riesigen Freizeitpark. Auf dem Gelände kann man skaten, joggen, spazieren, grillen oder einfach nur im Gras liegen und chillen. Ab Oktober 2015 wurde ein Teil der Hangars als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Es sollte eine Übergangslösung für wenige Wochen sein. Doch aus dem Provisorium wurden Wochen und Monate. Zeitweise lebten in den Hangars rund 3.000 Menschen, überwiegend aus Syrien, dem Irak und anderen arabischen Ländern.

Leben in der Wartehalle

Bei den Dreharbeiten in Tempelhof
Warten in der Flughafenhalle | Bild: Piffl Medien

Einer von ihnen ist Ibrahim Al Hussein, 1994 in Aleppo geboren. Regisseur Karim Aïnouz hat ihn zur Zentralfigur seines Filmes gemacht. Er begleitet ihn im Alltag: beim Deutschlernen, zu Behördenterminen, im Gespräch mit Freunden, die er seine Familie nennt. Ibrahim erzählt von Heimweh und Hoffnung, von Zukunftsplänen und der Angst vor Abschiebung. Es ist ein Leben im Transit, das sich in einem Schwebezustand eingerichtet hat.

So wie auch das Leben von Qutaiba Nafea, dem zweiten Protagonisten aus Karim Aïnouz' Film. 1978 im Irak geboren, hat der ausgebildete Physiotherapeut in Mossul Medizin studiert, bevor er nach Europa floh. "Als ich den Irak verließ, wollte ich nur raus aus der Hölle", sagt er. "Als ich hier ankam, erwartete ich kein Paradies. Aber im Vergleich zu den Orten, aus denen die meisten von uns kommen, war Tempelhof tatsächlich das Paradies."

Einfühlsames Zeitdokument

In seiner Dokumentation findet Karim Aïnouz, der Brasilianer mit algerischen Wurzeln, Bilder voller Mitgefühl, jenseits von Mitleid und Vorurteilen. Es ist ein Film über Solidarität und Menschlichkeit, der in seiner Unaufgeregtheit einen Kontrapunkt zur aufgeheizten Flüchtlingsdebatte setzt. "Ich wollte auch ein anderes Bild junger arabischer Männer zeigen", sagt Karim Aïnouz, "ein Porträt voller Hoffnung, ganz anders als es in den Medien präsent ist." Eines seiner großen Anliegen ist es, aus Zahlen Menschen zu machen. "Ich wollte von diesen Leuten lernen. Ich glaube, sie haben mich aus meiner Komfortzone gebracht, und ich denke, wenn wir uns mit weniger Angst und mehr Solidarität begegnen würden, wären die Dinge so anders."

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 25.06.2018 07:59 Uhr

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