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Stadt unter

Das Hochwasser in Venedig zerstört Kunst und Kultur

PlayDer Markusplatz am 17. November 2019
Das Hochwasser in Venedig zerstört Kunst und Kultur | Video verfügbar bis 24.11.2020 | Bild: ddp images / Sergio Agazzi

Die Venezianer sind Hochwasser gewöhnt. Im Herbst und Winter ist "Acqua alta" ein Dauerproblem. Doch in diesem Jahr trifft es die Lagunenstadt besonders schwer. Am 12. November erreichte der Wasserstand 187 Zentimeter über dem Meeresspiegel. Es war die höchste Flut seit über 50 Jahren. Sie überschwemmte 80 Prozent der Stadt. Der Markusplatz wurde gesperrt, die städtischen Museen blieben geschlossen. Wasser drang in den Markusdom und beschädigte Mosaiken und Säulen. Jede zweite Kirche, unzählige Häuser und Paläste sind betroffen. Luca Zai, der Präsident der Region Venetien, sprach von "apokalyptischen Zerstörungen". Die italienische Regierung rief den Notstand aus.

ttt hat sich vor Ort umgeschaut und mit Experten und Betroffenen gesprochen, unter anderem mit der deutschen Schriftstellerin Petra Reski, die seit 1991 in Venedig lebt.

Endzeitstimmung in Venedig

Pfarrer Roberto Donadoni in der Sakristei seiner Kirche
Pfarrer Roberto Donadoni in der Sakristei seiner Kirche | Bild: WDR

Die Stadt der tausend Brücken, UNESCO-Weltkulturerbe und Touristenmagnet, leidet schon seit langem unter den Versäumnissen von Politik, Stadtverwaltung und Behörden. Nun ist sie in ihrer Existenz bedroht. Bald werde die Stadt den Wassermassen nicht mehr gewachsen sein, klagte Bürgermeister Luigi Brugnaro. Eine Rettung ist nicht in Sicht. Dabei hätte man schon nach dem verheerenden Hochwasser vom November 1966 wissen müssen, wie fragil die Küstenstadt ist. Damals versank Vernedig in Schlamm und Dreck. Zwar gab es eine Reihe von Maßnahmen, um weitere Katastrophen zu verhindern. Effektiv gewirkt haben sie nicht. Und der Klimawandel, so die Experten, hat die Lage dramatisch verschlimmert.

Skandalprojekt Mose

Touristen in Venedig
Touristen in Venedig | Bild: ddp images / Sergio Agazzi

Auch das bisher anspruchsvollste Projekt ist heftig umstritten. Nach 20 Jahren Planung begann die Regierung 2003 mit dem Bau von Mose ("Modulo Sperimentale Elettromeccanico"). Silvio Berlusconi, damals Ministerpräsident Italiens, tat den ersten Spatenstich. An drei Eingängen zur Lagune sollen riesige Tore das Wasser aus der Stadt fernhalten. Vor Ende 2021 wird die Anlage allerdings nicht in Betrieb gehen – sieben Jahre später als ursprünglich geplant. Immer wieder verzögerten Bestechungsaffären, Baustopps und Kostenexplosionen die Fertigstellung des Baus.

"Die Katastrophe ist menschengemacht"

Für Petra Reski ist das Megaprojekt Mose ein Skandal. "Durch die Schleuse wurden die Öffnungen zur Lagune verengt, hinzu kam der Bau einer gigantischen künstlichen Insel und von Stahlbetonmauern. Mit der Folge, dass das Wasser bei Flut schneller in die Lagune hinein- und langsamer abfließt." Mit anderen Worten: Mose erreicht das Gegenteil von dem, was die Venezianer sich erhofft hatten. "Statt weniger gibt es jetzt mehr Hochwasser. Was auch deshalb nicht verwundert, weil das Projekt unter Spezialisten schon vor dem Baustart als veraltet galt." Sie ist überzeugt davon, dass die Katastrophe menschengemacht ist, und sieht die Politiker in der Verantwortung.

Auch Umweltschützer warnen, dass Mose das ohnehin schon gestörte Ökosystem vollends aus dem Gleichgewicht bringt. Es sieht düster aus für die Stadt Venedig, für die Natur, für ihre Bewohner und für die Kunstschätze, die die Stadt zu einem einmaligen Gesamtkunstwerk machen.

Autor des TV-Beitrags: Christof Boy

Stand: 25.11.2019 08:53 Uhr

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