SENDETERMIN So., 24.11.19 | 23:05 Uhr

Hongkong in Aufruhr

Die Protestbilder der Künstlerin Zuzanna Czebatul

PlayStraßenszene aus Hongkong
Hongkong in Aufruhr - Zuzanna Czebatuls Protestbilder | Video verfügbar bis 24.11.2020 | Bild: Zuzanna Czebatul

Seit Monaten wird in Hongkong protestiert. Die Menschen gehen für Freiheit und Demokratie auf die Straße. Sie demonstrieren gegen das totalitäre Regime der Volksrepublik China, das Hongkongs Unabhängigkeit beschneiden will. Und sie fordern den Rücktritt der pekingtreuen Regierungschefin Carrie Lam. Provoziert vom brutalen Vorgehen der Polizei, eskaliert die Gewalt. In dieser Woche kam es zu schweren Auseinandersetzungen rund um die Polytechnische Universität, bei denen Brandbomben und Barrikaden eingesetzt wurden. Am 24. November wird in Hongkong gewählt. Die Bezirksratswahlen gelten als Stimmungstest in der halbautonomen Sonderverwaltungszone.

Mit den Augen der Künstlerin

Die Künstlerin Zuzanna Czebatul
Die Künstlerin Zuzanna Czebatul | Bild: WDR

Drei Monate lang war Zuzanna Czebatul, deutsche Künstlerin mit polnischen Wurzeln, in China unterwegs und hat zweimal Hongkong besucht. Erst seit wenigen Tagen ist sie zurück in Berlin, wo sie lebt und arbeitet. Während ihrer Recherchereise hat sie ihre Eindrücke fotografiert. Fasziniert von der kreativen Energie der Demonstranten und ohne den journalistischen Anspruch einer Reporterin, ließ sie sich treiben, folgte ihren Impulsen und beobachtete die Ereignisse mit den Augen der Künstlerin.

Gespenstischer Umbruch

Demonstrationen in Hongkong
Seit fünf Monaten demonstrieren die Menschen | Bild: Zuzanna Czebatul

Bei ihren Besuchen in Hongkong wurde sie Zeugin eines radikalen Umbruchs. Die Atmosphäre in der lebensfrohen, weltoffenen Metropole hat sich gespenstisch verwandelt, sagt sie. Verzweiflung macht sich breit. Die Menschen fürchten, dass sie ihrer Freiheitsrechte beraubt werden und nicht mehr die Möglichkeit haben, ihr Leben so zu führen, wie sie es möchten. "Für mich war es sehr spannend zu sehen, wie sehr sich Politik auf das Menschsein auswirkt und wie diese Protestbewegung organisiert ist als großer kollektiver Körper, der sich dem kollektiven Körper Staat entgegenstellt und der mit solch archaischen Mitteln vorgeht gegen einen Gegner, der eine komplette Ausrüstung im militärischen Ausmaß zur Verfügung hat."

Besonders beeindruckt haben sie die Entschlossenheit und der Wille zur Organisation, der die Demonstranten leitet – das solidarische Vorgehen, die Empathie und das vorausschauende Handeln inmitten des Chaos. "Diese Form von Organisation und Willen, den kannst du nur haben, wenn es einfach um dein Leben geht", sagt sie.

Herrschaft und Macht

Zuzanna Czebatul, 1986 im polnischen Międzyrzecz geboren, ist eigentlich Bildhauerin, macht aber auch Installationen und Grafiken. Sie hat an der Städelschule in Frankfurt, an der Universität der Künste in Berlin sowie in New York an der Cooper Union und dem Hunter Collage studiert. Bekannt ist sie für ihre monumentalen Skulpturen, zum Beispiel riesige Drachenköpfe oder Tore aus Stahl. Für die Eingangshalle der Art Cologne 2018 entwarf sie einen Teppich, mit dem sie den Kunstmarkt und das Spielcasino von Las Vegas aufeinander bezog. "In meiner Arbeit beschäftige ich mich auch mit Macht und hegemonialen Verhältnissen und politischen Systemen, und dadurch war China in erster Linie ein interessanter Ort."

Verantwortung des Westens

Graffiti in Hongkong
Graffiti in Hongkong | Bild: Zuzanna Czebatul

Interessant ist China für Zuzanna Czebatul auch deshalb, weil sie eine klare Verbindung zum Westen sieht: "Wir profitieren ja maßgeblich von der Ausbeutung, der Umweltverschmutzung und der rigorosen Politik der Führung der Kommunistischen Partei und sind demnach auch indirekt mitverantwortlich für die Missstände dort." Das bedeutet auch eine Mitverantwortung für die Unruhen in Hongkong. "Ich würde so weit gehen zu sagen, dass auch Hongkong gerade einfach ein Opfer dieser globalen geopolitischen, wirtschaftlichen Zusammenhänge ist."

So fern die Ausschreitungen in Hongkong sind, so haben sie doch mehr mit uns zu tun, als wir glauben. Aus ihren Beobachtungen zieht Zuzanna Czebatul noch einen anderen Schluss: "Ich habe sofort gespürt, wie sehr ich unsere doch noch relativ stabilen demokratischen Freiheiten wertschätze – dass das bei uns noch so funktioniert und mich aber auch gleichzeitig noch mehr gewahr werden lässt, wie wertvoll sie sind und wie sehr wir uns für ihren Bestand einsetzen müssen."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 25.11.2019 08:54 Uhr

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