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Moralischer Fortschritt

Der Philosoph Markus Gabriel weist einen Weg aus dunklen Zeiten

PlayDer Philosoph Markus Gabriel
Moralischer Fortschritt | Video verfügbar bis 26.07.2021 | Bild: WDR

Er ist für viele der Philosoph der Stunde: Markus Gabriel, Professor an der Universität Bonn, Bestsellerautor und meinungsstarker Gesprächspartner. Er mischt sich ein, nimmt Stellung, setzt auf Moral und fordert mehr Aufklärung. Richtiges Handeln ist für ihn eine Frage des Denkens, egal ob es um Corona, Rassismus oder Klimaschutz geht. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben mit dem Titel "Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten", das am 3. August bei Suhrkamp erscheint. ttt hat ihn in Bonn getroffen und mit ihm über die universalen Werte für das 21. Jahrhundert gesprochen.

Den Blick freiräumen

"Dunkle Zeiten bestehen darin, dass wir das, was wir tun, beziehungsweise unterlassen sollen, das, was moralisch von uns verlangt wird, nicht sehen, weil es Kräfte wie Propaganda, Ideologie, Manipulation, Lüge, Fake News, Donald Trump und so weiter gibt, die uns die Tatsachen, den Blick darauf, was wir tun sollen, verstellen", sagt Markus Gabriel. "Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, den Blick freizuräumen."

Markus Gabriel ist Denker mit Leidenschaft. 1980 in Remagen geboren, hat er früh Karriere gemacht. Als er 2009 auf den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Uni Bonn berufen wurde, war er der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Einige seiner Bücher haben auf Anhieb den Sprung in die Bestsellerlisten geschafft, unter anderem der Band "Warum es die Welt nicht gibt", eine provokante und ziemlich unterhaltsame Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte.  

"Es gibt eine moralische Realität"

Nun also geht es ihm um die Moral. Angesichts der Krise der Demokratie, des Rassismus, der Umweltzerstörung und des immer weiter um sich greifenden Populismus widersetzt er sich der Leugnung verbindlicher Werte.

Fridays for Future-Demonstration in Berlin
Kontroverses Thema Klimaschutz | Bild: ddp images/Omer Messinger

Für ihn steht fest: Es gibt eine universale Moral, Grundwerte, die für alle gelten und an denen wir unser Tun und Handeln ausrichten müssen, um ein gutes Leben zu führen. Sie sind nicht verhandelbar, auch dann nicht, wenn es unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen gibt. "Menschen beurteilen das Gute, das Neutrale und das Böse auf andere Weise", sagt er. "Der Gedanke des Universalismus lautet, dass wenn zwei sich in moralischen Fragen streiten, einer recht haben muss. Es gibt eine Realität, eine moralische Realität, die darüber richtet, wer richtig liegt und wer falsch."

Wie auch in der Mathematik die Gleichung "zwei plus zwei gleich vier" überall gilt, so seien auch Werturteile nicht beliebig. "Der werterelativistische oder sogar wertenihilistische Diskurs suggeriert, dass es in Ungarn weniger schlimm ist, Flüchtlinge zu misshandeln als in Deutschland – als ob sozusagen das menschliche Denken auf der anderen Rheinseite schon ein ganz anderes wäre." Das aber sei falsch, denn "in Ungarn ist es genauso moralisch verwerflich, Flüchtlinge zu misshandeln wie z.B. in Deutschland."

Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse

Mit seinem neuen Buch macht Gabriel Mut, auch wenn es manchmal den Anschein hat, als seien die dunklen Zeiten nur schwer zu erhellen. "Moralischer Fortschritt und moralischer Rückschritt kämpfen immer gegeneinander. Das ist das uralte Theorem eines Kampfes des Guten und des Bösen. Aber das kann man auch ganz säkular und nüchtern beschreiben."

Ihm selbst hat die globale Solidarität zu Beginn der Coronakrise Mut gemacht. "Das war das moralisch Richtige aus den richtigen Gründen. Das bröckelt jetzt etwas. Aber wir werden es nicht vergessen." Was wir jetzt brauchen, ist die rationale Einsicht in die Grundlagen des Handelns. Denn der Kampf zwischen Gut und Böse ist vor allem ein Denkproblem.

Denken, so Gabriel, hilft auch, die vielen Paradoxien in unserem Alltag aufzulösen. Zum Beispiel beim Klima- und Tierschutz: Wir wollen die Welt retten, fliegen aber nach Mallorca. Wir wollen glückliche Hühner, kaufen aber billiges Fleisch. "Die Aufgabe der Philosophie ist es, den gordischen Knoten der Widersprüche zu zerschlagen und ein universelles Bild zu zeichnen."

In diesem universellen Bild formuliert Gabriel die Nachhaltigkeit als oberste Maxime des Handelns. Nachhaltigkeit als primäres Ziel durchzusetzen – durch Aufklärung, durch Institutionen, auch durch Gesetze –, das ist für ihn Teil des moralischen Fortschritts. "Ich bin tatsächlich optimistisch, dass der Kampf letztlich von den Guten gewonnen wird, weil die Tatsachen siegen. Optimist zu sein in diesen moralischen Fragen, heißt eben nicht 'alles wird schön', sondern es bedeutet nur, dass es möglich ist und sogar sehr wahrscheinlich, dass die Menschheit sich in Richtung des moralisch Guten dauerhaft entwickelt." Man wünscht sich sehr, dass er recht hat.

Buchtipp

Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten.
Ullstein Verlag 2020, Preis: 22 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 27.07.2020 10:07 Uhr

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