SENDETERMIN So, 26.08.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Stolz und Scham

Der Film "draußen" über das Leben Obdachloser

PlayElvis lebt in Köln
Stolz und Scham | Video verfügbar bis 26.08.2019 | Bild: Thekla Ehling

Wie lebt es sich ohne Dach überm Kopf? Das wollten die beiden jungen Regisseurinnen Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht wissen. Ein Jahr lang haben sie Matze, Elvis, Peter und Sergio, vier Obdachlose aus Köln, begleitet. Der Jüngste ist 30, der Älteste 70 Jahre alt. Ihr Dokumentarfilm "draußen", eine WDR-Koproduktion, kommt am 30. August in die Kinos. ttt hat die beiden Filmemacherinnen und ihre Protagonisten in Köln getroffen.

Perspektivwechsel

Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht erzählen nicht nur vier unterschiedliche Lebensgeschichten. Sie brechen auch mit gängigen Klischees. Ihr Trick: Sie lassen persönliche Gegenstände sprechen, die für ihre Besitzer besonders wichtig sind – eine Sammlung mit Elvis-Presley-CDs, ein Feuerzeug, ein Log-Buch und ein Espressokocher, aber auch ein Fixer-Besteck. Der Film öffnet ein Tor in eine Welt, die uns sonst verschlossen bleibt, und regt zum Umdenken an.

Überlebenskünstler

Tama Tobias-Macht (l.) und Johanna Sunder-Plassmann
Tama Tobias-Macht (l.) und Johanna Sunder-Plassmann | Bild: WDR

Obdachlose gelten als Gescheiterte, werden oft "Penner" genannt, die man lieber übersieht, als ihnen ins Gesicht zu schauen. Genau das aber wollten die beiden Regisseurinnen: sich mit den Persönlichkeiten auseinandersetzen, mehr über ihre Biografien erfahren, von ihnen lernen, wie Überleben unter schwierigen Umständen geht. Während ihrer Recherchen haben sie sich viele Stunden an den Anlaufstellen für Obdachlose aufgehalten. Was sie dort gehört und erlebt haben, hat sie tief beeindruckt und sie darin bestärkt, für die Dreharbeiten ein besonderes Konzept zu entwickeln.

Gegenstände erzählen Geschichten

"Wir baten unsere Protagonisten, ihre Welt für uns zu öffnen und uns einen Blick in ihre Plastiktüten, Taschen, Einkaufswagen zu gewähren, so, als würden wir ein fremdes Haus betreten. Sie führten uns mit ihren Erzählungen in ihre innere Welt und in eine Welt, die sie zurückgelassen haben."

Da ist zum Beispiel die Uhr, die Matze von seinem Großvater bekam und zu einem Kompass umgebaut hat, weil er den im Wald mehr braucht als einen Zeitmesser. Oder das Schwarz-Weiß-Foto, das Peter an ein anderes, längst vergangenes Leben erinnert und das er bis heute aufbewahrt hat. Es zeigt ihn als Karnevalsprinzen in den 70er-Jahren. 

Parallelwelt

Schlafplatz
Schlafplatz in besonderem Licht | Bild: Thekla Ehling

Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht sind aber noch einen Schritt weitergegangen. Sie wollten nicht nur im Blick zurück die Schicksale von Matze, Elvis, Peter und Sergio anschaulich machen, sondern sie auch für den Augenblick aus dem Verborgenen holen und in einem anderen Licht dastehen lassen. Deshalb haben sie für die Dauer einer Nacht ihre Schlafplätze verwandelt und neue Räume geschaffen. "Dort, wo unsere Helden Schutz suchen, an ihrem Lagerplatz, entstanden individuelle Kompositionen, wie Bühnenkulissen oder Vitrinen eines Museums." Es sind künstlerische Installationen, die den vier Männern ihre Würde zurückgeben und sie als individuelle Persönlichkeiten ernst nehmen.

"Wir hoffen, dass unser Film den Blick schärft für die Lebensweisheit, Begabung und Kreativität, die wir in unserer Gesellschaft missachten und ungenutzt lassen. Wir wollen mit 'draußen' einen Perspektivwechsel ermöglichen: aus Scham soll Stolz werden."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 27.08.2018 09:35 Uhr

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So, 26.08.18 | 23:05 Uhr
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Produktion

Westdeutscher Rundfunk
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