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Der alltägliche Rassismus

Zum aktuellen Stand der MeTwo-Debatte

PlayDie Sprachwissenschaftlerin Reyhan Şahin
Der alltägliche Rassismus | Video verfügbar bis 26.08.2019 | Bild: WDR

Es war ein Aufruf zur richtigen Zeit: Im Juli, als die Wogen um den Rassismusvorwurf von Mesut Özil hochschlugen, rief der 24-jährige Ali Can den Hashtag #MeTwo ins Leben. Innerhalb kürzester Zeit teilten Zehntausende Menschen mit Migrationshintergrund auf Twitter ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus – seien es Erlebnisse in der Schule, bei der Jobsuche, auf dem Wohnungsmarkt oder einfach im alltäglichen Umgang. "Ich hätte niemals gedacht, dass sich so viele melden würden, als ich meinen ursprünglichen #MeTwo-Kommentar gepostet hatte", sagt der 24-jährige Ali Can.

Große Resonanz

Auch zahlreiche Prominente und Politiker beteiligen sich an der Debatte. Darunter die Rapperin und Wissenschaftlerin Dr. Reyhan Şahin, bekannt als Lady Bitch Ray: "#MeTwo hat gezeigt, dass wir da sind, dass wir sichtbar sind. Ich habe promoviert, ich habe meinen Post-Doc gemacht, und jetzt will ich habilitieren. Und wenn's noch 'ne höhere Ebene gibt, das mache ich dann auch. Wir sind nicht dumm. Wir haben mehr Ahnung als die meisten der Leute, die uns angreifen. Und wir werden es ihnen zeigen."

Amüsiert, manchmal aber auch schockiert ist sie über die Reaktionen, die sie auf ihre Posts bekommt. Bemerkenswert findet sie, wie sehr sich viele darum bemühen, ihre rassistischen Vorurteile zu verschleiern und ins Positive umzudeuten. Zum Beispiel wenn man sie, die promovierte  Linguistin, für ihr ausgezeichnetes Deutsch lobt. "Als Rapperin habe ich meine Wut auf rassistische Erfahrungen einfach umgedreht und gegen die gerichtet, die mich diskriminieren. Das war anfangs eine sehr harte Erfahrung, aber es war auch eine totale Befreiung."

Reden statt schweigen

Hasnain Kazim
Hasnain Kazim

Hasnain Kazim, Journalist und Autor, hat mehrere Bücher über Migration und die Geschichte seiner Familie geschrieben. Der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer ist in Oldenburg geboren. Zuletzt erschien von ihm "Post von Karlheinz". Hasnain Kazim beschreibt darin, wie er auf die vielen Hassmails antwortet, die Tag für Tag sein Postfach fluten. Sie einfach wegzuklicken, ist für ihn keine Option. Denn Schweigen bedeutet, den Hass zu akzeptieren. "Ich kann verstehen, wenn jemand Probleme damit hat, dass viele Menschen aus anderen Kulturen in seine Kleinstadt kommen, mit denen er sich nicht verständigen kann und die Dinge tun, die er nicht kennt. Aber es geht nicht, dass Leute sagen: 'Wir müssen sie alle an der Grenze erschießen oder im Meer ertrinken lassen.' Das steht in den E-Mails, die ich bekommen habe."

Brücken bauen

Jaafar Abdul Karim
Jaafar Abdul Karim  | Bild: WDR

Als Vermittler zwischen zwei Welten, der deutschen und der arabischen Community, versteht sich der TV-Moderator und Journalist Jaafar Abdul Karim. Er ist davon überzeugt, dass fast jeder mit Migrationshintergrund Alltagsrassismus erlebt. "Mich hat der Satz von Mesut Özil 'Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher, wenn wir verlieren, nicht' sehr beschäftigt. Mit diesem Satz haben sich unheimlich viele Menschen in Deutschland identifiziert."

Integration – eine Schimäre?

Max Czollek
Max Czollek | Bild: WDR

Ein anderer Denkanstoß kommt von Max Czollek. Der Lyriker und Essayist hat mit "Desintegriert euch!" eine Streitschrift gegen das "Integrationstheater" geschrieben. "Wir erleben jetzt gerade, dass die etablierten Parteien einen neuen 'Heimat'-Diskurs führen. Aber die Forderung nach Schutz der Heimat, nach Integration ist ein AfD-Konzept: Es gibt ein Zentrum, in das sich alle hineinzubewegen haben, eine Dominanzkultur, die alle anderen marginalisiert. Jetzt wird eine angebliche christlich-jüdische Leitkultur gegen den Islam in Stellung gebracht. Aber eine christlich-jüdische Leitkultur gab es nie. Die Juden in Deutschland haben eine Symbolfunktion, um den Deutschen zu zeigen, dass sie wieder gut sind, dass sie keine Nazis mehr sind. Da mache ich nicht mit. Deshalb ist meine Forderung: Desintegriert euch!"

Buchtipps


Max Czollek: Desintegriert euch!
Hanser Verlag 2018, Preis: 18 Euro

Jaafar Abdul Karim: Fremde oder Freunde?
Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt
Rowohlt 2018, Preis: 9,99 Euro

Hasnain Kazim: Post von Karlheinz.
Wütende Mails von richtigen Deutschen - und was ich ihnen antworte
Penguin Verlag 2018, Preis: 10 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 18.05.2019 08:28 Uhr

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