SENDETERMIN So., 27.09.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

Geschlossene Gesellschaft

Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer über "Die Macht der Clans"

PlayRazzia in Duisburg gegen Clankriminalität
Macht der Clans – Geschlossene Gesellschaft | Video verfügbar bis 27.09.2021 | Bild: WDR / dpa

Berlin, Bremen, Dortmund, Essen: In deutschen Großstädten tobt ein Machtkampf. Kriminelle arabisch-stämmige Clans sorgen mit spektakulären Straftaten und der Missachtung des Rechtsstaates für Schlagzeilen. Mitten in Deutschland haben sie eine Parallelwelt geschaffen – jenseits der Kontrolle durch Polizei und Justiz. Jetzt hat der Staat den Kampf aufgenommen. Mit verstärkten Razzien und Überwachungsaktionen geht er gegen die Clankriminalität vor, und er will an das illegal erworbene Vermögen heran.

Claas Meyer-Heuer und Thomas Heise
Claas Meyer-Heuer (li.) und Thomas Heise | Bild: WDR

Die beiden "Spiegel TV"-Journalisten Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer beobachten seit 2003 die Szene. Ihr neues Buch "Die Macht der Clans" gibt einen tiefen Einblick in ihre Strukturen und Machenschaften. Sie trafen Clan-Mitglieder bei Boxabenden und Gerichtsverhandlungen, waren bei Razzien vor Ort, haben mit Ermittlern und Experten gesprochen. Und sie bekamen – als erste Journalisten überhaupt – Einsicht in eine umfangreiche Akte, die die Berliner Staatsanwaltschaft auf der Grundlage von Kronzeugen-Aussagen angelegt hat. ttt hat Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer in Berlin getroffen.

Wer sind die Clans?

Wenn von Clans die Rede ist, sind meist Großfamilien mit arabisch-türkisch-libanesischem Hintergrund gemeint. Viele Clan-Mitglieder sind sogenannte Mhallamiye-­Kurden. Sie stammen überwiegend aus den südostanatolischen Provinzen Batman und Mardin. Ab den 1920er Jahren siedelten sie in den Libanon über. Mit Beginn des Bürgerkrieges in den 1970er Jahren gingen viele in den Westen und suchten Asyl in Deutschland. Obwohl ihre Anträge fast immer abgelehnt wurden, konnten sie nicht ausgewiesen werden, weil sie staatenlos waren oder keine Papiere hatten. Ihr Aufenthaltsstatus war ungeklärt. Eine Arbeitserlaubnis bekamen sie nicht. So wurde für viele die Kriminalität zur Haupteinnahmequelle.

Allein in Berlin soll es zwischen 20 und 30 arabischstämmige Großfamilien geben mit jeweils 500 bis 1000 Familienmitgliedern. Mehr als die Hälfte sind deutsche Staatsbürger. Selbstverständlich sind nicht alle Clan-Angehörige kriminell. Die meisten fühlen sich aber zur Loyalität verpflichtet. Die völlig undurchsichtigen Verknüpfungen, die komplette Abschottung und die Verachtung der Behörden sind für die Ermittler besonders problematisch.

Kriminelle Strukturen

Das Hauptbetätigungsfeld der Clans sind Schutzgelderpressung, Drogenhandel und illegales Glücksspiel. Hinzu kommen Aufsehen erregende Diebstähle und Raubzüge. In einem dreisten Coup erbeuteten sie 2017 eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin. Allein der Materialwert wurde auf 3,7 Millionen Euro geschätzt. Von der Münze fehlt bis heute jede Spur. Anfang 2020 wurden drei Männer zu Haftstrafen verurteilt.

Familienehre und Selbstjustiz

Polizisten kontrollieren Gäste einer Clan-Hochzeit, Dezember 2018
Polizisten kontrollieren Gäste einer Clan-Hochzeit, Dezember 2018 | Bild: WDR / picture alliance/dpa

Die erwirtschafteten Gelder investieren die Clans meist in Immobiliengeschäfte. Vieles spielt sich im Verborgenen ab. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, deren Mitglieder einem rigiden Wertekanon folgen. Ganz oben steht die Ehre der Familie. Streits werden intern durch selbsternannte "Friedensrichter" geregelt. Sie lehnen den Rechtsstaat ab, üben massiv Druck aus, auch auf Kriminal- und Justizbeamte. Immer wieder kommt es zu exzessiven Gewaltausbrüchen, die ein Klima der Angst weit über das Milieu hinaus verbreiten.

Versagen der Politik

Für die unglaubliche "Erfolgsgeschichte" der Clans machen Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer auch die deutsche Politik verantwortlich. Zum einen habe es die "völlig verfehlte Integrationspolitik der Bundesrepublik" den Neuankömmlingen unmöglich gemacht, sich mit geregelter Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zum anderen sei es naiv gewesen, bei der Rechtsprechung auf Erziehung und Förderung anstatt auf Abschreckung und Strafe zu setzen. Die beiden Autoren fordern ein radikales Umdenken und eine Stärkung des Rechtsstaates, der seine Autorität gegenüber den Clans zurückgewinnen müsse. Für sie ist klar: "Ein erneutes Wegschauen wie in der Vergangenheit kann und darf sich niemand erlauben."

Autorin des TV-Beitrags: Hilka Sinning

Buchtipp

Thomas Heise, Claas Meyer-Heuer: Die Macht der Clans.
Arabische Großfamilien und ihre kriminellen Imperien
DVA 2020, Preis: 20 Euro

Stand: 27.09.2020 19:25 Uhr

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