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Wie Corona Feindbilder befeuert

Über Verschwörungstheorien und Antisemitismus

PlayBlumen vor der Synagoge in Halle
Verschwörungstheorien und Antisemitismus – Wie Corona Feindbilder befeuert | Video verfügbar bis 28.06.2021 | Bild: WDR/dpa

Sie sind längst keine Einzelfälle mehr: die Angriffe auf Juden, Gewaltdelikte, Beleidigungen, Beschimpfungen und Ausgrenzungen. Für das Jahr 2019 hat die Polizeiliche Kriminalstatistik bundesweit 1.898 antisemitischer Straftaten verzeichnet, ein Anstieg von fast 300 gegenüber dem Vorjahr. Dunkelziffer unbekannt. Hinzu kommt eine steigende Flut judenfeindlicher Hasskommentare im Internet.

Jahrhundertealte Feindbilder

In den letzten Wochen haben Verschwörungstheoretiker die Hetze befeuert. Sie vermuten hinter der Corona-Pandemie einen "großen Plan": den Plan, die "Weltherrschaft" zu übernehmen. Von hier ist es nicht weit zu einem antisemitischen Stereotyp, das seit Jahrhunderten bekannt ist: Hinter dem Plan stecke, so wird geraunt oder auch offen gehetzt, das "Weltjudentum".  

Ronen Steinke
Ronen Steinke | Bild: WDR

"Der Jude als Feindbild ist ein sehr eingeübtes Motiv", sagt der Jurist und Autor Ronen Steinke. "Da kann man auf eine große Tradition aufsetzen. Und es ist auch eine sehr flexible Verschwörungstheorie. Die Juden sind verantwortlich gemacht worden für den Kapitalismus, für den Kommunismus, dafür, dass sie zu arm sind oder zu reich."

Ständiges Gefühl der Bedrohung

Gerade hat er ein Buch darüber geschrieben, wie die antisemitische Gewalt in Deutschland erstarkt. Es gehöre zum jüdischen Alltag, mit Polizeischutz zu leben. Die Bedrohung sei ständig präsent. "Das höre ich auch von vielen anderen Juden und Jüdinnen. Sie sagen, so leben wir seit Jahrzehnten. Wir kennen es gar nicht anders. Ich finde, man darf sich nie dran gewöhnen. Man darf sich niemals einreden, dass das normal ist."

Max Privorozki
Max Privorozki | Bild: WDR

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 hat auf schockierende Weise vor Augen geführt, wie sehr die Gefahr unterschätzt und verharmlost wurde. Max Privorozki, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Halle: "Eine zuständige Behörde bewertet die Sicherheitslage. Und die wurde vor dem Anschlag so bewertet, dass Polizeipräsenz nicht notwendig war. So wurde es mir mehrmals mitgeteilt. Und ich habe aufgehört, jedes Mal zu bitten, dass die Polizei präsent ist."

Antisemitismus in der Gesellschaft

Der Attentäter von Halle muss sich ab dem 21. Juli vor Gericht in Magdeburg verantworten. Für Ronen Steinke aber ist klar, dass es um mehr geht als um die Tat eines Einzelnen. "Das ist ja nicht nur ein Täter. Das ist ein soziales Umfeld, in dem er aufwächst", sagt er. "Da sieht man, was für antisemitische Motive gang und gäbe sind und wie oft er eher bestärkt worden ist über die Jahre, als dass man ihn begrenzt hätte."

Rap als Verstärker

Ben Salomo
Ben Salomo | Bild: WDR

Auf welchen Wegen antisemitische Hetze die Gesellschaft durchdringt, hat Ben Salomo in der Rap-Szene beobachtet. Als Jude hat es der in Israel geborene Musiker selbst immer wieder erlebt.  "Das, was in der Rap-Szene artikuliert wird, das wird da artikuliert, weil es in der Gesellschaft existiert. Die Rapper kommen ja aus bestimmten Teilen der Gesellschaft heraus. Und es gibt welche, die haben wirklich die Überzeugung, dass die Welt beherrscht wird von einer jüdischen Elite. Und dieses reproduzieren sie dann im Endeffekt im Rap. Und dadurch werden sie durch die Reichweite zu so einer Art Verstärker."

Im Kampf gegen den Antisemitismus sieht Ronen Steinke uns alle in der Verantwortung, vor allem aber auch Polizei und Justiz: "Egal was man für eine Haltung hat zu den Dingen, die in Israel oder den Palästinensergebieten geschehen. Das kann keine Legitimation dafür sein, eine Synagoge in Wuppertal oder in Worms oder in Berlin anzugreifen. Wenn da die Justiz nicht ganz klar dahintersteht, dann ermutigt sie eigentlich die Täter nur noch und bestärkt sie in ihrer antisemitischen Argumentation."

Buchtipp

Ronen Steinken: Terror gegen Juden.
Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt.
Berlin Verlag 2020, Preis: 18 Euro
Erscheint am 6. Juli 2020.

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 29.06.2020 09:09 Uhr

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