SENDETERMIN So., 28.06.20 | 23:35 Uhr | WDR Fernsehen

"The Bad and the Beautiful"

Starmodels erinnern sich an den Fotografen Helmut Newton

PlayHelmut Newton, Selbstporträt, Monte Carlo, 1993
Helmut Newton – "The Bad and the Beautiful" | Video verfügbar bis 28.12.2020 | Bild: Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Er war ein Großmeister der Kamera und eine Ikone der Mode- und Aktfotografie: Helmut Newton. Am 31. Oktober wäre er 100 geworden. In seinem Dokumentarfilm "The Bad and the Beautiful" erzählt Gero von Boehm, Autor, Regisseur und Journalist, Newtons Lebensgeschichte und lässt sein nicht unumstrittenes Werk Revue passieren.  Zu Wort kommen Weggefährtinnen, Starmodels und Schauspielerinnen, aber auch Kritikerinnen seines Frauenbildes. Am 9. Juli startet der Film in den Kinos.

Spektakuläre Karriere

Helmut Newton war ein Kosmopolit, in New York, Paris, Rom und Monte Carlo zu Hause. Seine Herzensstadt aber war Berlin. Dort wurde er am 31. Oktober 1920 als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie geboren und genoss, wie er später erzählte, in seiner Kindheit den Glanz der Zwanziger Jahre.

Ende 1938, wenige Wochen nach den Novemberpogromen, floh er vor den Nazis Richtung Singapur. Seine Familie sah er nie wieder. Die Kriegsjahre verbrachte er in Australien. In Melbourne eröffnete er 1945 sein erstes Fotostudio. Drei Jahre später heiratete er die Schauspielerin June Browne. Mit ihr lebte er bis zu seinem tragischen Unfalltod im Jahr 2004 zusammen.

Als er 1956 bei der australischen "Vogue" als Modefotograf einstieg, war das der Beginn seiner internationalen Karriere. Nach und nach erhielt er Aufträge der amerikanischen und der europäischen "Vogue"-Ausgaben. In den 1970er Jahren hatte er es geschafft: Er galt als einer der begehrtesten und teuersten Modefotografen der Welt. Seine Bilder machten Furore. Noch nie hatte man in Glamour- und Mode-Magazinen Frauen in so außergewöhnlichen Posen gesehen: dominant, mal mit Messern und in Männerkleidung, mal cool und aufreizend als Nymphomaninnen. Dafür wurde er als Avantgardist gefeiert, aber auch als Sexist beschimpft. 1976 erschien sein erster Fotoband "White Women". 1982 folgte die Großformat-Serie "Big Nudes". Sie machte ihn zum Kultfotografen.

Gentleman und Anarchist

Helmut Newton. Arena, New York Times
Arena, New York Times  | Bild: Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation / Helmut Newton

"Er war ein Gentleman und gleichzeitig ein Anarchist", sagt Gero von Boehm über Helmut Newton. "Eine seltene Mischung. Aber offenbar für Frauen sehr anziehend." Kennengelernt haben sie sich Ende der 90er Jahre in Paris. "Wir mochten uns, weil wir den gleichen Humor hatten", erinnert er sich. "Er hat Frauen geliebt. Frauen waren eigentlich sein Leben. Und er hat starke Frauen geliebt." 2002 porträtierte Gero von Boehm ihn fürs Fernsehen. "Ich habe sehr viel gedreht mit ihm zu Lebzeiten und ich hatte noch sehr viel Material, was jetzt in den Film eingeflossen ist." Ebenso wie Videoaufnahmen, die June später von ihrem Mann machte, und Archivmaterial aus der Helmut Newton Stiftung.

Der Blick der Frauen

Gero von Boehm mit Isabella Rossellini
Gero von Boehm mit Isabella Rossellini | Bild: LUPA FILM / Pierre Nativel

Ausgangspunkt für den Film war die Idee, nur Frauen über Helmut Newton erzählen zu lassen, vor allem seine Wegbegleiterinnen aus der Film- und Modewelt. "Ich wollte, dass sie sagen, wie die Zusammenarbeit mit Helmut Newton war. Wie sie es empfunden haben, vor ihm nackt zu sein. Frauen, die mit ihm gearbeitet haben und nicht unkritisch sind. Das ist der eigentliche Plot des Films." Es ist eine beeindruckende Frauenriege die er für den Film gewinnen konnte: Charlotte Rampling, Isabella Rossellini, Grace Jones, Anna Wintour, Marianne Faithfull, Hanna Schygulla, Claudia Schiffer, Nadja Auermann, Sylvia Gobbel, Carla Sozzani, Arja Toyryla und nicht zuletzt seine Ehefrau June Newton. Zu Wort kommt aber auch die amerikanische Intellektuelle und Newton-Kritikerin Susan Sontag.

Schönheit oder Perversion

Welches Bild von Weiblichkeit hat Newton nun transportiert? Waren die starken Frauen, die er zeigte, Sex-Objekte oder Sex-Subjekte? Nahm er als Visionär die Selbstbestimmung der Frauen vorweg? Oder war er ein Reaktionär, der die männliche Dominanz überhöhte? Auch schon zu Newtons Lebzeiten wurde über diese Frage gestritten. Heute stehen sie im Zentrum einer Debatte, in der es um die Freiheit der Kunst im Spannungsfeld von Ästhetik und Moral geht.

Gero von Boehm
Der Regisseur Gero von Boehm | Bild: WDR

"Newton hat gesagt: In der Fotografie gibt es zwei Worte, die ich hasse: Kunst und guter Geschmack", erinnert sich Gero von Boehm. "Er hat gerne provoziert und gerne in seinen Fotos Geschichten erzählt." Frauenfeindlich sei er ganz bestimmt nicht gewesen, zeigen seine Bilder doch gerade, wie stark und selbstbewusst Frauen sein können. Seine Fotos im Namen der politischen Korrektheit wegzusperren, davon hält Gero von Boehm nichts. "Ich habe immer Angst vor einem Geschmacksdiktat, vor einer Diktatur. Es gibt immer auch die Möglichkeit, wegzuschauen."

Autor des TV-Beitrags: Tim Lienhard

Stand: 29.06.2020 09:10 Uhr

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