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26.000 Schweine am Tag

Der Dokumentarfilm "Regeln am Band" zeigt die Arbeit in der Fleischindustrie

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26.000 Schweine am Tag - Dokumentarfilm zeigt die Arbeit in der Fleischindustrie | Video verfügbar bis 28.06.2021 | Bild: wirFILM

Der Fleischbetrieb Tönnies im Rheda-Wiedenbrück ist der neue Hotspot der Corona-Pandemie. Weit über tausend Mitarbeiter sind infiziert, rund 6.500 Menschen mussten in Quarantäne. In dieser Woche hat die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die Corona-Bestimmungen für den Kreis Gütersloh und den Kreis Warendorf verschärft. Österreich hat gleich ganz NRW zum Risikogebiet erklärt. Bereits Anfang Mai musste die Firma Westfleisch im Kreis Coesfeld vorübergehend schließen, weil mehrere Hundert Mitarbeiter infiziert waren. Und schon stehen weitere Schlachtbetriebe im Visier.

Dass die Fleischindustrie zum Corona-Brennpunkt geworden ist, liegt vermutlich auch an den katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, die überwiegend mit Werkverträgen aus Osteuropa kommen und für einen minimalen Lohn in den Schlachtbetrieben schuften.

Alltag in der Fleischfabrik

Aber wie sieht ihr Alltag tatsächlich aus? Erst jetzt schauen viele Konsumenten genauer hin und reiben sich erschrocken die Augen. Dabei sind die Zustände in den Schlachthöfen seit Langem bekannt. Die Dokumentarfilmerin Yulia Lokshina hat schon vor drei Jahren begonnen, sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Leiharbeiter auseinanderzusetzen. Der Film "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" war ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Beim diesjährigen Max Ophüls Festival wurde er mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Er lenke "unsere Aufmerksamkeit behutsam auf das, was niemand sehen will: Die beklagenswerte Zeitlosigkeit des kapitalistischen Ausbeutungssystems manifestiert sich auch mitten in unserer Gesellschaft", heißt es in der Begründung der Jury.

Film der Stunde

Yulia Lokshina gibt uns mit ihrem Film einen erschreckenden Einblick in den Alltag der Leiharbeiter. Sie kommen für ein paar Wochen, werden schlecht bezahlt und wohnen in elenden Verhältnissen. Sie haben keine Lobby, keine Gewerkschaft, die für sie kämpft. Und niemand fragt nach den Umständen, wenn jemand bei einem Arbeitsunfall sein Leben verliert. So wie im Fall des tödlich verunglückten Polen, dessen Schicksal Yulia Lokshina im Prolog ihres Filmes erzählt.

"Regeln am Band", Filmstill
Besuch auf dem Campingplatz | Bild: wirFILM

Die junge Regisseurin hat mit den Beschäftigten außerhalb der Firma gesprochen. Aufnahmen von ihrer Arbeit an den Bändern gibt es nicht.  Es sei schwierig gewesen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, sagt sie. Zugang fand sie über eine Gruppe von Aktivisten und Aktivistinnen, die sich für ihre Rechte einsetzen. Die Beschäftigten haben ihr erzählt, wie sehr sie unter Druck stehen und dass sie mit Lohnkürzungen bestraft werden, wenn sie nicht mithalten können. "'Schneller, schneller!', sagt mein Chef immer", erzählt eine litauische Arbeiterin, "und ich versuche, schneller zu arbeiten. Aber die anderen kommen trotzdem nicht hinterher. Und dann schreit man mich wieder an. Ich sage den anderen, der Chef will schneller. Das Band ist randvoll. Aber die Neuen wissen noch nicht, wie das geht." Sie lebt mit ihrem Ehemann auf einem Campingplatz. "Die anderen wohnen in Baracken", sagt er. "Sie können sich keine andere Arbeit suchen, weil sie gleich auch ihre Unterkunft verlieren. Dort sollte man einen Film drehen. Aber das ist unmöglich. Keine Chance. Dort würdet ihr sehen, wie die weißen Nigger arbeiten."

"Das Kapital hat den Menschen zu dienen"

Dass es nicht nur "ihr", sondern unser aller Problem ist, macht ein katholischer Priester in seiner Predigt deutlich. "Jede und jeder hat Anspruch auf das Lebensnotwendige", sagt er und findet drastische Worte, um die Ausbeutung der Arbeitsmigranten zu beschreiben. Sie "hausen in slumartigen Verhältnissen", in "verwohnten und verschimmelten Bruchbuden", manchmal sogar in Viehställen. "Das Kapital hat den Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Frieden kann es dauerhaft nur geben mit einer Weltwirtschaftsordnung, die geprägt ist von Gerechtigkeit und Solidarität."

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"Die heilige Johanna der Schlachthöfe" | Bild: wirFILM

Yulia Lokshina hat ihrem Film noch eine andere Ebene hinzugefügt. Während die Aktivistinnen und Aktivisten für die Rechte der Beschäftigten demonstrieren, probt eine Münchner Schulklasse "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", ein Stück, mit dem Bertolt  Brecht schon während der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre das Elend der Fleischindustrie angeprangert hat. Verwoben mit den Gedankengängen der Jugendlichen beschreibt der Film nicht nur die unterschiedlichen Facetten der Leiharbeit, sondern erzählt auch von unserer Verständnislosigkeit und unserer Scham angesichts einer Parallelwelt, die wir nicht kennen, obwohl viele von uns fast täglich beim Einkaufen und Essen mit ihr in Berührung kommen

Autor des TV-Beitrags: Christof Boy

Stand: 29.06.2020 09:09 Uhr

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