SENDETERMIN So., 28.06.20 | 23:35 Uhr | WDR Fernsehen

Die Pandemie im Schlachthof

Ethische Aspekte zu Tierwohl, Fleischkonsum und Naturschutz

PlayFerkel in einer Schweinezuchtanlage
Die Pandemie im Schlachthof - Ethische Aspekte zu Tierwohl, Fleischkonsum und Naturschutz | Video verfügbar bis 28.06.2021 | Bild: WDR / dpa

Die Bilder aus den Schlachthöfen in Coesfeld und Rheda-Wiedenbrück haben schockiert. Überrascht haben sie nicht. Die katastrophalen Bedingungen in der Fleischindustrie, die Ausbeutung der Arbeiter und das Elend der Massentierhaltung sind seit Langem bekannt. Proteste hat es immer wieder gegeben. Geändert hat sich bisher nicht viel.

Diesmal aber scheint es anders zu sein. Liegt es daran, dass Corona die Menschen sensibler gemacht hat? Ist es der eine Skandal zu viel, der die Menschen zum Handeln treibt? Wird in Zukunft das Wohl der Tiere stärker geachtet – zu unser aller Wohl? ttt hat bei Steffen Augsberg, Jurist und Mitglied des Deutschen Ethikrates, Tanja Busse, Journalistin und Autorin, und Bernd Ladwig, Philosophieprofessor an der Freien Universität Berlin, nachgefragt.

Misshandlung der Umwelt

Für den Corona-Ausbruch in einigen der größten deutschen Schlachtbetriebe gibt es viele mögliche Erklärungen. Unbestritten aber ist, dass die Art, wie wir mit den Tieren und der Natur umgehen, ein entscheidender Faktor ist. Covid-19 ist nur ein Beispiel dafür, wie der menschliche Eingriff in die Umwelt, die Störung der Ökosysteme und die Reduktion der Artenvielfalt die Verbreitung von Viruserkrankungen fördern. Die Ausbreitung von Pandemien ist auch die Folge unserer Misshandlung der Umwelt.

"So können wir nicht weitermachen"

Tanja Busse
Die Autorin Tanja Busse | Bild: WDR

"Ich glaube, dass dieses System der Ausbeutung von Landwirten, von Tieren und von Natur zur Produktion von billigen Lebensmitteln, dass dieses System jetzt am Ende ist", sagt Tanja Busse. Die Journalistin, selbst auf einem Bauernhof groß geworden, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen der Ökologie, der Landwirtschaft und der Tierhaltung. Das Wohl der Tiere ist für sie untrennbar mit dem Wohl der Menschen verknüpft. 2015 erschien ihr Buch "Die Wegwerfkuh", im vergangenen Jahr "Das Sterben der anderen" über die Bedrohung der Artenvielfalt. "Wir brauchen ein stabiles Klima, und wir brauchen gesunde Tiere in unserer Umgebung, um selber zu überleben. Ich glaube, das hat uns diese Krise jetzt gezeigt, dass hier ein Punkt ist. So können wir nicht weitermachen."

Politische Verantwortung

Bernd Ladwig
Der Philosoph Bernd Ladwig | Bild: WDR

Wie aber setzen wir einen Neuanfang durch? Ein Wandel im Bewusstsein allein wird nicht reichen. Wir brauchen auch institutionelle Veränderungen, meint der Philosoph Bernd Ladwig. In diesen Tagen erscheint sein Buch die "Politische Philosophie der Tierrechte". "Die Idee ist einfach: Tiere sind flächendeckend über alle möglichen Politikbereiche hinweg von politischen Entscheidungen, die wir verantworten, betroffen. Sie müssen also auch auf allen Entscheidungsebenen Beachtung finden, und das muss institutionalisiert sein." Gefragt sind nicht nur wir als Verbraucher, die wir an der Fleischtheke über Wohl und Wehe der Tiere mitbestimmen. Gefragt sind konkrete politische Entscheidungen. Mit anderen Worten: Wenn sich etwas ändern soll, brauchen wir Regeln und Gesetze. "Tiere können nicht in den politischen Prozess eintreten und dort organisiert ihre Interessen geltend machen." Das müssen wir für sie tun.

Heuchlerische Tierschutzpolitik

Steffen Augsberg
Der Jurist Steffen Augsberg | Bild: WDR

Dabei hält das deutsche Tierschutzrecht, so Steffen Augsberg, wunderbar blumige Formulierungen bereit.  Da werden Tiere "Mitgeschöpfe" genannt und ein "artgemäßer Umgang" gefordert. Doch die Realität sieht anders aus. "Ich kenne kaum ein Rechtsgebiet, in dem der Unterschied zwischen dem, was versprochen wird, was in den gesetzlichen Vorschriften drinsteht, und dem, was dann in der Praxis ankommt, so groß ist." Heuchlerisch kann man das auch nennen. Steffen Augsberg ist Sprecher der Arbeitsgruppe "Tierwohl" im Deutschen Ethikrat und mitverantwortlich für die Stellungnahme "Tierwohlachtung – Zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren", die der Ethikrat am 16. Juni 2020 veröffentlicht hat. Sie fordert die Bundesregierung unmissverständlich zu einer Kehrtwende auf.

Zivilisatorischer Fortschritt

"Ich glaube, dass das ein wirkliches Menschheitsthema ist, wie wir mit Tieren umgehen", sagt Steffen Augsberg. Es sei "im Sinne eines allgemeinen zivilisatorischen Fortschritts", uns "von solcher Misshandlung, von solchen schrecklichen Umgangsformen zu entfernen." Bernd Ladwig nennt es eine "Art kultureller Revolution".

Jetzt ist die Politik am Zug. Allerdings gibt es Zweifel daran, ob das Landwirtschaftsministerium der richtige Ort ist, um einen grundlegenden Wandel anzustoßen und durchzusetzen. Zu offensichtlich sind die Interessenskonflikte. "Ich glaube, die Zeit ist jetzt um", sagt Tanja Busse. "Es wäre sehr, sehr schlau, wenn die Politiker jetzt die Chance nutzen würde, wo alle Leute die Nase voll haben von diesen Zuständen, die Chance, eine große Wende zu starten."

Buchtipps

Tanja Busse: Die Wegwerfkuh.
Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können.
Blessing Verlag 2015, Preis: 16,90 Euro

Tanja Busse: Das Sterben der anderen.
Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können.
Blessing Verlag 2019, Preis: 18 Euro

Bernd Ladwig: Politische Philosophie der Tierrechte.
Suhrkamp Verlag 2020, Preis: 22 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 29.06.2020 09:08 Uhr

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