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"System Error"

Der Preis des grenzenlosen Wachstums im Kapitalismus

PlayBundesstraße durch Brasilien
"System Error" | Video verfügbar bis 29.04.2019 | Bild: Port au Prince Pictures 2018

Mehr Produktion, mehr Waren, mehr Konsum: Dass Wachstum und Kapitalismus zusammengehören, wusste schon Karl Marx, der am 5. Mai vor 200 Jahren zur Welt kam.

Heute wissen wir aber auch: Wachstum zerstört. Es kann kein grenzenloses "Mehr" und "Weiter" und "Schneller" geben ohne Konsequenzen mit bisweilen katastrophalem Ausmaß. Und doch halten wir unbeirrbar am Wachstum fest – als seien wir in einem Wahn gefangen.

Über diesen Widerspruch hat der zweifache Grimme-Preisträger Florian Opitz einen Dokumentarfilm gedreht. "System Error" entstand in Koproduktion mit dem WDR und dem BR und kommt am 10. Mai in die Kinos. ttt hat mit Regisseur Florian Opitz gesprochen.

Wirtschaftsbosse

Trading Floor bei PIMCO, einer der größten Fondsgesellschaften der Welt
Trading Floor bei einer der größten Fondsgesellschaften der Welt | Bild: Port au Prince Pictures 2018

Spätestens seit den 70er-Jahren, seit der "Club of Rome" die "Grenzen des Wachstums" beschwor, ist klar: Es kann kein endloses "Weiter so" geben. Wir sehen schwindende Regenwälder, schmelzende Gletscher, vermüllte Meere, vergiftete Städte und wissen, dass unser Planet in Gefahr ist. Warum machen wir trotzdem weiter?

Felix Opitz hat für seinen Film Menschen getroffen, die vom Kapitalismus überzeugt sind, bedingungslos und ohne Bedenken: wie den chinesischen Airbus-Manager Eric Chen, der davon träumt, dass bald alle seiner 1,4 Milliarden Landsleute mit dem Flugzeug reisen. Oder den größten brasilianischen Soja-Produzenten, der am liebsten den Regenwald komplett abholzen würde, um neue Anbauflächen zu schaffen.

Mit religiösem Eifer für den Profit

Regisseur Florian Opitz
Regisseur Florian Opitz | Bild: Lennart Brede

"Was diese ganzen Protagonisten meines Films verbindet, ist dass sie quasi mit religiösem Eifer diesem Wachstumstraum nachhängen, ihn nicht in einem größeren Zusammenhang sehen", sagt der Filmemacher. "Es sind erstaunlich simple und einfache Argumente, die diese Leistungsträger des Kapitalismus vortragen."

Florian Opitz aber geht es gerade um die größeren Zusammenhänge. Denn wir alle, Unternehmer, Beschäftigte, Anleger und Verbraucher, halten das System am Laufen. Wir alle haben daran teil, auch wenn nur wenige davon profitieren.

"Solange es Menschen auf diesem Planeten gibt, die Bedürfnisse haben, wird es Wachstum geben. Ich halte das für ähnlich unabänderbar wie die Schwerkraft", meint Markus Kerber, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI).  

Nach uns die Sintflut!

Ökonomisches Wachstum als Naturgesetz! Kein Wunder, dass da kein Platz für Zweifel ist. Auch Andreas Gruber, Chefinvestor der Allianz, sagt voller Überzeugung: "Denken Sie an die 70er-, 80er-, 90er-Jahre, wo man sich wirklich Gedanken gemacht hat, ob das Wachstum ökologisch verkraftbar ist. Ich denke, heute sieht man eindeutig: Ja, es ist ökologisch verkraftbar."

Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz (ehemals: Karl Marx-Stadt)
Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz (ehemals: Karl Marx-Stadt) | Bild: Port au Prince Pictures 2018

Und so lassen sich die Wirtschaftsgrößen, und wir mit ihnen,  nicht beirren – nicht durch Börsencrashs und nicht durch Umweltkatastrophen. Bedenken? Werden auf morgen verschoben. "Jeder Aktienschwindler weiß, dass das Unwetter einmal einschlagen muss", hat Karl Marx schon vor 150 Jahren geschrieben. "Aber jeder hofft, dass es das Haupt seines Nächsten trifft Nach uns die Sintflut, ist der Wahlspruch jedes Kapitalisten."

Vier Jahre lang hat Florian Opitz an seinem Film gearbeitet. Er zeigt, wie absurd wir handeln. Aber eine einfache Lösung hat er nicht parat. Stattdessen fordert er uns alle auf, gemeinsam über Alternativen nachzudenken. "Es ist höchste Zeit. Ich glaube an die Kraft der Veränderung, ich glaube an den Optimismus, ich glaube an den Kampf und ich möchte nicht irgendwie die Flinte ins Korn werfen."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 29.04.2018 17:13 Uhr

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