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This is not Lebanon

Ein Frankfurter Festival gibt der jungen libanesischen Künstlergeneration eine Plattform

PlayTanzperformance von Ghida Hachicho
This is not Lebanon | Video verfügbar bis 29.08.2022 | Bild: WDR

"This is not Lebanon" – ein Land im freien Fall: Das ist das Thema eines großen Festivals in Frankfurt. Vom 26. August bis zum 12. September stellt es Kunst, Performances, Musik und Gespräche aus und über den Libanon vor. Initiator und Motor ist Matthias Lilienthal. Der langjährige Leiter des Berliner Theaters Hebbel am Ufer und ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele hat wiederholt am Beiruter Kunstzentrum Ashkal Alwan gearbeitet und die lebendige Kulturszene des Landes erlebt. Jetzt hat er gemeinsam mit Rabih Mroué, Anna Wagner vom Christine Thomé das Festival kuratiert und vor allem junge Künstlerinnen und Künstler eingeladen.

"Failed State"

Libanon gilt im Westen seit Jahren als "Failed State", als ein Staat, der implodiert. Korruption, Wirtschaftskrise und politisches Versagen haben das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Immer mehr Menschen fliehen ins Ausland.

Ein Hoffnungsschimmer war bislang die blühende Kunst- und Kulturszene des Landes. Vor allem die libanesische Hauptstadt war Heimat für Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Region. Doch im August 2020 zerstörte eine Bombenexplosion nicht nur den Beiruter Hafen, sondern auch die angrenzenden Szeneviertel mit ihren Theatern, Probebühnen, Ateliers und Treffpunkten.

Mit dem Festival will Lilienthal den Motor wieder in Gang setzen, Raum schaffen für den Austausch über Kunst und Widerstand, Protestformen und Zukunftsperspektiven. Im Oktober wird eine Auswahl der Veranstaltungen in Beirut zu sehen sein.

"Der Tod ist durch uns hindurchgegangen"

Joana Hadjithomas und Khalil Joreige
Joana Hadjithomas und Khalil Joreige | Bild: WDR

Beim Festival mit dabei sind Khalil Joreige und Joana Hadjithomas. Wir treffen das Filmkünstlerpaar in Beirut. Die Explosion im August letzten Jahres hat sie geprägt: "Du glaubst nicht, was du siehst", sagt Joana Hadjithomas. "Der Tod ist durch uns hindurch gegangen. Und für viele, viele Wochen konnte ich die Explosion nicht aus meinem Körper rauskriegen." Und Khalil Joreige ergänzt: "Du verlierst die Verbindung zur Realität. Und du musst versuchen, sie wiederzufinden. Deine Erinnerung, deine Geschichte. Um dich neu zusammenzusetzen." Khalil Joreige und Joana Hadjithomas sind bekannt für ihre Dokumentationen von Spuren des Unsichtbaren. In ihrer neuesten Installation erzählen sie die Geschichte des palästinensischen Flüchtlingslagers Nahr El Bared, dessen Zerstörung im Jahr 2007 30.000 Menschen obdachlos machte. Bei den Wiederaufbauarbeiten wurden Überreste der antiken römischen Stadt Orthosia entdeckt.

"Rote Linie überschritten"

Vor vier Jahren gründeten Studenten die Social-Media-Plattform "Megaphone", die heute zum wichtigsten unabhängigen Diskussionsforum des Landes geworden ist. Beim Aufstand 2019 war sie ein wichtiges Sprachrohr für junge Protestierende. Einer der Initiatoren ist Jean Kassir. "Mit der Explosion ist eine rote Linie überschritten: Unsere Leben sind der Regierung absolut nichts wert. Was mir Hoffnung macht, ist, dass der ganzen Bevölkerung bewusst geworden ist: Reformen innerhalb des herrschenden politischen Systems anzustreben, wird das Land unendlich viel mehr kosten – und das ist jetzt eine Frage von Leben und Tod – als ein radikaler Wechsel der Verhältnisse."

Gruppen und Schwärme

Die Choreografin Ghida Hachicho
Die Choreografin Ghida Hachicho | Bild: WDR

Eine der aufstrebenden jungen Künstlerinnen ist die Choreografin Ghida Hachicho. In ihrer Performance "Studies on the Movement of a Group" spürt sie dem Verhalten von Gruppen und Schwärmen nach. Dafür hat sie u.a. Flamingos beim Paarungstanz beobachtet. "Die Idee zu dieser Performance entstand bei den Protesten 2019. Da gab es auch viele Gruppen, und viele Fragen: Was bringt Menschen zusammen in solchen politisch aufgeladenen Momenten? Wie wird man Teil der Bewegung? Was sind das für Kräfte, die solche Bewegungen entstehen lassen?"

Der Klang der Bedrohung

Abu Hamdan
Abu Hamdan  | Bild: WDR

Der Künstler und Turner-Preisträger Lawrence Abu Hamdan versteht sich als "private ear". Während es im vergangenen Jahr keinen zivilen Flugverkehr gab, zeichnete er für seine audiovisuelle Arbeit "Air Pressure: A Diary of the Sky" den Lärm von Kriegsflugzeugen, Drohnen und Kampfhubschraubern auf. Allein das israelische Militär verletzt bis zu 2000 Mal im Jahr den Luftraum über dem Libanon. "Das verursacht psychosomatische Störungen, Bluthochdruck, alles Mögliche. Manchmal ist die akustische Gewalt spektakulär - Raketen am Himmel, du weißt nicht, was gerade passiert. Manchmal ist die Gewalt Routine. Irgendwo im Hintergrund, du nimmst sie fast nicht wahr. Und das ist letztlich viel beunruhigender."

"This is not Lebanon"Festival for Visual Arts, Performance, Music and Talks
26.08. –12.09.2021

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 29. August ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 29.08.2021 19:35 Uhr

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