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Das Trauma der Migration

Der neue Roman der ghanaisch-amerikanischen Schriftstellerin Yaa Gyasi

PlayDie Schriftstellerin Yaa Gyasi
Das Trauma der Migration | Video verfügbar bis 29.08.2022 | Bild: WDR

Yaa Gyasi, 1989 in Ghana geboren und im Süden der USA aufgewachsen, ist in ihrer Heimat ein Star der Literaturszene. Nach dem Erfolg ihres Debütromans "Heimkehren" ist jetzt ihr zweites Buch auf Deutsch erschienen. ttt hat die Autorin in New York getroffen, wo sie seit Kurzem lebt.

Drogen, Depression, Rassismus

"Ein erhabenes Königreich" ist die Geschichte einer afrikanischen Einwandererfamilie, die aus Ghana in die USA kommt. Ich-Erzählerin Gifty hat viele Ähnlichkeiten mit der Schriftstellerin Yaa Gyasi. Auch sie verlebt ihre Kindheit in einem weißen evangelikalen Umfeld in Alabama und geht zum Studieren ins liberale Kalifornien.

Nun blickt die erwachsene Gifty auf das Leben ihrer depressiven Mutter, die am Drogentod ihres Sohnes ebenso verzweifelt wie an der Abwesenheit ihres Mannes, der nach Ghana zurückgekehrt ist, weil er den täglichen Rassismus nicht aushielt.

Menschen und Mäuse

Demonstration gegen Polizeigewalt in New York
Black-Lives-Matter-Demonstration gegen Polizeigewalt, Oktober 2017 | Bild: ddp images / Eric McGregor

Gifty ist inzwischen Doktorandin der Neurowissenschaften an der Stanford University und erforscht an Mäusen den Zusammenhang zwischen Belohnungsmechanismen und Sucht. Seit die Mutter aus Alabama zu ihr gekommen ist, geht es mit ihren Studien nur noch langsam voran. In Rückblenden erzählt Gifty die Geschichte ihrer Familie, die mit einer gewonnenen Green Card in die USA kam. Während die Eltern sich mit verschiedenen Jobs durchschlugen, schaffte Gifty den Sprung an die Universität. Nun sucht sie nach einem Weg, ihrer Mutter zu helfen, und schwankt zwischen Religion und Wissenschaft – zwei Königreiche, die nur schwer vereinbar sind. Sie selbst war als Kind Mitglied der frommen Pfingstkirchengemeinde, bevor sie sich für die Neurowissenschaft entschied. Der Konflikt zwischen Glauben und Wissen spiegelt die Brüche wider, die die schwarze Familie in der weißen Umgebung erlebt. Dabei geht es auch um die Erfahrung der Ausgrenzung, den Verlust der Heimat, Sucht und Depression als Kollateralschäden einer rassistischen Gesellschaft.  

Generationenübergreifende Traumata

Schon in ihrem ersten vielfach ausgezeichneten Buch "Heimkehren" hat Yaa Gyasi eindrücklich beschrieben, wie die Taumata der Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirken. "Die Leute haben mich immer wieder gefragt, ob Black Lives Matter einen Einfluss auf mein Buch gehabt hätte", sagt sie. "Aber ich hatte den Roman 'Heimkehren' bereits 2009 angefangen zu schreiben, und das war weit vor der Black-Lives-Matter-Bewegung. Aber es ist doch interessant, weil es zeigt, dass das Problem des Rassismus schon immer da war."

Beide Bücher handeln vom Erbe der Sklaverei in der amerikanischen Gesellschaft, von Gefangenschaft und Folter damals, von Kriminalisierung und Verelendung der Nachfahren heute. Beide Bücher sind auch eng an Gyasis Familiengeschichte gebunden. "Lange Zeit hat mich das geradezu verfolgt: Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich in Ghana geblieben wäre? Ich meine Onkel, Tanten und Cousins um mich herum gehabt hätte? Und so wurde Familie für mich zu einer Art Obsession!"

"Ein erhabenes Königreich" besticht durch die genaue Beschreibung alltäglicher Erfahrungen. Der Text klingt nach in einer Zeit des Umbruchs und der Ungewissheit. "Wie eine Welt ohne Rassismus aussehen würde, das kann ich mir derzeit leider nicht vorstellen. Und das, obwohl ich als Schriftstellerin von meiner Vorstellungskraft lebe!"

Buchtipp

Yaa Gyasi: Ein erhabenes KönigreichDumont Buchverlag 2021, Preis: 22 Euro

Autoren des TV-Beitrags: Brigitte Kleine/Juergen Fraenznick

Die komplette Sendung steht am 29. August ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 29.08.2021 19:37 Uhr

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