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Realität als Konstrukt

Alicja Kwade in der Neusser Langen Foundation

PlayAlicja Kwade: Die Menge des Moments (2015/2020)
Realität als Konstrukt - Alicja Kwade in der Neusser Langen Foundation | Video verfügbar bis 31.08.2021 | Bild: WDR

Sie zählt zu den wichtigsten und gefragtesten Künstlerinnen ihrer Generation: die 1979 in Katowice geborene und in Berlin lebende Bildhauerin, Sound-, Video- und Installationskünstlerin Alicja Kwade. Ihre Werke wurden in zahlreichen internationalen Gruppen- und Soloausstellungen gezeigt. 2017 war sie bei der Biennale in Venedig dabei. Jetzt bespielt sie das Ausstellungsgebäude der Langen Foundation in Neuss. ttt trifft Alicja Kwade bei den Vorbereitungen ihrer fulminanten Einzelschau "Kausalkonsequenz", die vom 7. September 2020 bis zum 18. April 2021 zu sehen ist.

Innen und Außen

Bei der Konzeption ihrer Ausstellung hat sie sich intensiv mit Architektur und Umgebung der Langen Foundation auseinandergesetzt. Der japanische Stararchitekt und Pritzker-Preisträger Tadao Ando hat das Gebäude – ein Kunstwerk aus Stahl, Beton und Glas – entworfen. Es steht auf einer ehemaligen NATO-Basis am Niederrhein und ist der "Raketenstation Hombroich" angegliedert. "Dieses Gebäude ist unheimlich lang gestreckt. Es verbindet Außen und Innen. Um es zu schaffen, eine zusätzliche Qualität reinzubringen, wollte ich nicht dagegen arbeiten. Ich wollte mit diesem Flow arbeiten und der Geometrie und Bewegung dieses Raumes noch eine Inhaltlichkeit hinzufügen."

Der Moment, an dem es kippt

Alicja Kwade: MatterMotion (2020)
Alicja Kwade: MatterMotion (2020) | Bild: WDR

Alicja Kwade beschäftigt sich in ihren großformatigen, oft archaisch wirkenden Werken mit Identität, Raum und Zeit. Ihre Werke erzählen mit subversiver Ironie von Transformationsprozessen, von Übergängen verschiedener Daseinszustände. Sie machen genau jenen Moment fassbar, in dem sich der Wandel vollzieht, den Augenblick, an dem alles kippt. Es ist ein Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten ein und derselben Realität. "Ich muss eine Logik für mich dahinter haben, ohne die ich nicht weiterkomme. Ich brauche immer so ein paar Linien, die ich aus der Mathematik hole oder aus der Philosophie, dass ich weiß, ich bewege mich auf einer Linie."

Möglichkeitssinn und Paralleluniversen

Für ihre Arbeiten verwendet sie oft reine Materialien wie Gold, Kupfer, Stein, Bronze oder Holz und Alltagsgegenstände wie Uhren, Spiegel und Lampen. Indem sie Bekanntes zu überraschenden Installationen kombiniert, bricht sie die gewohnten Wahrnehmungsmuster auf und irritiert die Betrachter. So ließ sie für ihre Arbeit "Bordsteinjuwelen" Kieselsteine zu Diamanten schleifen. Für "Kohle (Union 666)" hat sie ganz normale Kohlebriketts mit Blattgold überzogen. Und immer wieder taucht das Motiv des Doppelgängers auf: In der Spiegelung entfaltet selbst das Alltägliche seine besondere Magie. Es wird zum anderen, das die Realität hinterfragt und den Blick auf Paralleluniversen eröffnet. "Ich sehe die Realität nicht als etwas Absolutes", sagt sie, "sondern als eine Möglichkeit von vielen."

Leichtigkeit der Schwere

Alicja Kwade
Alicja Kwade | Bild: WDR

Allein im Jahr 2019 hatte sie sechs große Ausstellungen, darunter "Parapivot I und II" auf dem Dach des Metropolitan Museum New York: zwei Installationen aus Stahl und Stein, die mit der Schwerkraft spielen und tonnenschwere Kugeln aus Stein zwischen Stahlrahmen schweben lassen. "Es kommt einem so vor, als wäre es schon wieder Lichtjahre entfernt", sagt sie. Denn im Frühjahr hat Corona sie ausgebremst. Über Monate fielen Ausstellungen und Aufträge aus. Auch Sammler haben bereits zugesagte Aufträge storniert. In dieser Zeit hat sie begonnen, ein Skizzentagebuch des "rasenden Stillstands" zu schreiben: Winzige Uhrzeiger und riesige Abstände symbolisieren, wie sich die Zeit und ihr Leben verlangsamt haben. Nun also endlich wieder eine Ausstellungseröffnung! Alicja Kwade hat es kaum erwarten können. Denn trotz aller digitaler Experimente bedarf Kunst eben doch der physischen Präsenz des Betrachters. 

Autorin des TV-Beitrags: Anke Rebbert

Stand: 31.08.2020 09:03 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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