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Konflikttreiber Klimawandel

Andy Spyras Fotoprojekt über die Sahelzone

PlayAm Tschadsee
Konflikttreiber Klimawandel - Fotoprojekt über die Sahelzone | Video verfügbar bis 30.08.2021 | Bild: Andy Spyra

Er ist seit Jahren in den Krisenregionen der Welt unterwegs, auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak und in Syrien: der Fotograf Andy Spyra. Seine Schwarz-Weiß-Bilder zeigen eindrucksvoll die Folgen von Gewalt und Terror für den Alltag der Menschen – in Nahaufnahmen und Porträts voller Respekt und Mitgefühl.

In diesem Frühjahr bereiste er als einer der letzten Reporter vor Ausbruch der Corona-Pandemie die Sahelzone, ein krisengeschütteltes Gebiet, das sich südlich der Sahara quer über den afrikanischen Kontinent von West nach Ost erstreckt. Die Region ist seit Jahren heftig umkämpft und von Dürren, Hungersnöten, Armut und Gewalt geprägt. Erst vor wenigen Tagen eskalierte die Situation in Mali. Aufständische Soldaten haben gegen Staatschef Ibrahim Boubacar Keita geputscht und eine Militärregierung eingesetzt.

Für sein aktuelles Langzeitprojekt dokumentiert Andy Spry die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels in der Region. Seine Fotos machen deutlich, wie die globale Erwärmung zum Brandbeschleuniger für islamistischen Terror, ethnische Konflikte und Verteilungskämpfe um Wasser und Land wird, wie Gewalt und Hunger Millionen von Menschen in die Flucht treiben. ttt hat Andy Spyra in seiner Heimatstadt Hagen getroffen.

Langzeitprojekte in Schwarz-Weiß

Der Fotograf Andy Spyra
Der Fotograf Andy Spyra | Bild: WDR

Andy Spyra, 1984 in Hagen geboren, entdeckte seine Liebe zur Fotografie, als er nach dem Abitur durch Mittelamerika und Südost-Asien reiste. Seit 2009 arbeitet er als freier Fotograf unter anderem für "Geo", "Stern", "Time Magazine", "Zeit", "FAZ" und "New Yorker". Mehr durch Zufall – so erzählt er – begann er, sich mit dem Thema Krieg auseinanderzusetzen. Dabei ging es ihm nie um sensationsheischende Bilder vom aktuellen Geschehen an der Front. Statt der "Knalleffekte" zeigt er das Leben im Hinterland. "Mich interessieren die Nebenschauplätze, die Hinterlassenschaften des Krieges."

Bekannt wurde er mit seiner Fotoreportage aus Kaschmir über die Opfer der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan. Für diese Serie erhielt er 2010 den "Leica Oskar Award Newcomer". Eindrucksvoll und tief berührend sind auch seine Bilder aus Nigeria, wo er Frauen und Mädchen porträtierte, die von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram entführt und schwer misshandelt wurden.

Im Grenzgebiet zu Syrien besuchte er Flüchtlingslager und zeigte seine Fotos in einer großen Einzelausstellung auf der Zitadelle der kurdischen Stadt Erbil im Nordirak nahe der Front. Und zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern 2015 reiste er durch Armenien und die Türkei, um den Nachwirkungen eines historischen Verbrechens nachzuspüren. Seine Bilder lassen erkennen, dass die Dämonen noch immer lebendig sind. 

Gefahr für die Stabilität

Mit seinem neuesten Langzeitprojekt hat sich Andy Spyra dem Sahel zugewandt. "Im Sahel leben 80 Millionen Menschen, denen sukzessive im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte die Lebensgrundlage entzogen wird. Die müssen irgendwohin, die Menschen. Die werden irgendwohin gehen. Und die Frage ist halt: wohin."   

Anfang des Jahres ist er in die Region rund um den Tschadsee gereist. Dort hat sich das Ökosystem in den letzten Jahren rasant verändert. Extremwetter nehmen zu. Die Ernten bleiben aus. Große Teile des Sees sind nicht mehr befahrbar. Weil die Natur die Menschen nicht mehr ernähren kann, gibt es Streit um die verbleibenden Ressourcen. "Wir waren in zwei Dörfern, die sich im Krieg gegeneinander befanden. Da ging es um Zugang zu Wasser, Zugang zu Nahrung, auch um Fischereirechte. Die Konflikte werden genauso archaisch ausgetragen, wie die Landschaft ist. Also mit Speeren, mit Pfeil und Bogen, mit ganz archaischen Mitteln. Dort sterben jedes Jahr Hunderte, Tausende von Menschen ."

Kampf um Ressourcen

Fulani-Nomaden
Bei den Fulani-Nomaden | Bild: Andy Spyra

Ähnlich katastrophal sind die Bedingungen in Nigeria. Dort hat er einen Nomadentreck begleitet, der seine Kühe über 100 Kilometer zu den Wasserstellen im Süden treibt. Seit immer mehr Menschen um Wasser und das durch die Erderwärmung immer knapper werdende Weideland konkurrieren, haben sich die Konflikte zwischen den (christlichen) Bauern und den (muslimischen) Nomaden verschärft. Terrorgruppen wie Boko Haram bedrohen die Menschen. In der vergangenen Woche haben islamistische Extremisten ein Dorf überfallen und Hunderte Geiseln in ihre Gewalt gebracht.

Zerfallender Staat

Mopti, Mali
In der Stadt Mopti in Mali | Bild: Andy Spyra

In Mali, Spyras dritter Station auf seiner Sahel-Reise, herrscht seit Jahren Anarchie. Es gibt Kalifate, Milizen, aber keine staatliche Hilfe. Die Bundeswehr ist dort seit Jahren im Einsatz, konnte die Situation aber bisher nicht befrieden. "Wir waren mit dem Premierminister da, mit einer bewaffneten Kolonne von einem Kilometer Länge. Das waren bestimmt hundert Fahrzeuge, die dort gefahren sind, nur um ein Dorf zu besuchen. Und das sagt schon viel aus über die Sicherheitslage vor Ort." Wie es jetzt nach dem Umsturz weitergeht, ist unklar. Nach dem Willen der Putschisten wird es eine Zivilregierung vorerst nicht geben.

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 30.08.2020 15:38 Uhr

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