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Ayad Akhtar

"Homeland Elegien"

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Ayad Akhtar | Video verfügbar bis 18.10.2021 | Bild: hr

New York. Amerika. Sehnsuchtsort, Heimat. Was, wenn man in dieser Heimat plötzlich als Feind gilt? Wenn dieser Sehnsuchtsort beginnt, zu zerfallen.
Davon erzählt der große Roman "Homeland Elegien":  Klagelieder für eine verlorene Heimat. Geschrieben von Ayad Akhtar, weltweit ein gefeierter Theatermacher. Als Ayad Akhtar 2018 mit dem Schreiben beginnt, sprudelt es nur so aus ihm heraus, alles scheint im Niedergang.

"Ungefähr ein Jahr nachdem Trump im Amt war, merkte ich, dass sich in mir etwas zusammenbraute", sagt Ayad Akhtar. "Meine Mutter war gestorben, mein Vater zeigte Zeichen des Verfalls und des schweren Alkoholismus. Trump war unser Präsident. Um mich herum erlebten so viele Freunde und Familienmitglieder schwerwiegende Veränderungen zum Schlechteren und plötzlich kam dieses Gefühl, ich muss ein Buch schreiben, das zeigt, was aus Amerika geworden ist."

Amerikas schuldengetriebener Individualismus

Erzähler des Romans ist er selbst, Ayad Akhtar. Er schreibt von sich, von seinen Eltern, ein Ärzteehepaar, das vor 50 Jahren aus Pakistan einwanderte. Was in diesem Roman allerdings wirkliche Erinnerung ist und was erfunden – das ist nie ganz klar. "Ein Teil dieser Verwirrung ist Absicht", so Akhtar. "Ich versuche eine Form zu finden, die das spiegelt, was wir in diesen Tagen politisch erleben: den Zusammenbruch von Wahrheit in Fiktion." 

Die Mutter hadert mit der neuen Heimat, der Vater aber will nichts mehr als Amerikaner werden. Und er trifft einen, der für ihn Amerika so sehr verkörpert wie kein anderer. Als der Vater Donald Trump in den Neunzigern tatsächlich kennenlernt, ist dieser reicher Unternehmer, der mal pleitegeht, um danach noch reicher zu werden. "Hier kann es jeder schaffen", sagt der Vater. "Hier kann ein Idiot Präsident werden", sagt später der Sohn.

Der Vater ist Herzspezialist, auch er wollte reich werden, probierte es mit riskanten Investitionen und scheiterte. Er wird gerufen, nachdem Trump kollabierte. Danach lässt er den Arzt immer wieder einfliegen. Der ist berauscht von Luxus und Macht seines Patienten, aber auch von Trump selbst. Ayad Akhtar erzählt: "Im Roman verliebt sich mein Vater in eine Vision von Amerika, die von Donald Trump verkörpert wird: ein schuldengetriebener Individualismus, ein 'Ich zuerst und danach die Gemeinschaft!' Mir scheint, dass wir als Amerikaner alle zu Donald Trump geworden sind und ich wollte die wirtschaftlichen Veränderungen beschreiben, die diese Gesellschaftsform hervorgebracht haben. Und ich wollte den Schaden zeigen, der durch sie entstanden ist. Und zwar aus einem persönlichen Blickwinkel, nicht nur aus einem gesellschaftlichen."

Ein "transnationales, totalitäres Konzernsystem"

Der Sohn verzweifelt, weil der Vater nicht versteht, dass das Land, in dem er endlich ankommen will, in Auflösung begriffen ist. Ayad Akhtar beschreibt diese Auflösung: eine Politik, die sich konservative Werte auf die Fahnen schreibt, aber in erster Linie für einen entfesselten Kapitalismus sorgt. Beispiel Ladenketten: Früher wurden oft Fusionen untersagt, ein Marktanteil von acht Prozent galt schon als Monopolisierung. Seit den Achtzigern durften sich die großen Ketten aber grenzenlos Marktanteile einverleiben. Die lokalen Geschäfte gingen darüber kaputt, überall im Land entstanden öde Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung. Die Steuereinnahmen sanken, das Gemeinwesen wurde ausgehöhlt.

 "Diese Veränderungen kommen einem Konzern zugute – auf Kosten einer ganzen Gemeinde, eines ganzen Bundestaates, eines großen Teils des Landes", sagt Ayad Akhtar. "Da haben sie ein Langzeitrezept für eine Katastrophe. Und die Wut, der Zorn und die tiefgreifende Verzweiflung, dieser Wunsch etwas zu zerstören: Das ist der Nährboden von allem, was Donald Trump mächtig gemacht hat. Und warum er für das Bedürfnis steht uns selbst zu zerstören, denn das ist die einzig mögliche Reaktion, die noch bleibt. Es gibt kein ernstzunehmendes Mittel gegen diese Konzernmacht, dieses transnationale, totalitäre Konzernsystem. Wir haben keine Mittel, Einfluss darauf zu nehmen. Es gibt niemanden, den wir wählen könnten, der dieses System begrenzt."

Keine Chance für muslimische Amerikaner nach 9/11

Akhtar spiegelt die Misere eines ganzen Landes in intimen Geschichten. Das macht diesen Roman so packend. Am 11. September 2001 ist der Erzähler auf dem Weg nach Downtown. Noch in der Rauchwolke stellt er sich an, um wie viele andere Blut zu spenden. Aber er wird beschimpft, als "arabischer Moslem". Einer schreit: "Wir wollen dein Scheißblut nicht!" Er nässt sich ein, weint, rennt und gelangt schließlich in einen Laden, wo er eine Kette mit Kreuz stiehlt, die er monatelang tragen wird, um nicht als Moslem identifiziert zu werden.

Eine ganze Generation muslimischer Amerikaner habe seit 9/11 in diesem Land keine Chance mehr, schreibt Ayad Akhtar. Doch meint der Autor das wirklich so drastisch? "Ich kann es nicht glauben", sagt er, "dass wir diese Unterhaltung 19 Jahre nach 9/11 führen. Das passiert schon seit 20 Jahren! Also mich zu fragen, ob das Realität ist, bedeutet, dass man hier grundsätzlich nicht versteht, wie sich die Welt verändert hat, und nicht nur für Moslems, für Alle von uns! Wenn die Weltordnung jetzt kollabiert, wenn überall Kriminelle an die Macht kommen, wenn die Wirtschaftsabkommen der Nachkriegszeit zerbröseln, dann ist ein wesentlicher Grund dafür: Dass die USA die Weltordnung aus Rache für 9/11 zerstört haben. Das ist ein grundlegender Teil dessen, womit wir es jetzt in der Welt zu tun haben. Und irgendwie scheinen wir das immer noch nicht zu sehen."

Wenn der Erzähler nach 9/11 auf weiße Polizisten trifft, verleugnet er lieber die Herkunft seines pakistanischen Namens, denn dieser markiert ihn, als einer von denen, die die Flugzeuge entführten. Dabei ist er nicht mal praktizierender Moslem und er ist in Amerika geboren. Aber die Zuschreibung Amerikaner zu sein, enthält man ihm immer wieder vor. "Es ist sehr schwierig", sagt Akhtar, "in einem Land zu leben, wo du nicht zur dominierenden Mehrheit gehörst, aber von dieser dominierenden Mehrheit immer nach dem schlechtesten Teil deiner Minorität definiert wirst. Und der Roman versucht davon in allen Nuancen zu erzählen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen."

Beitrag: Ulrike Bremer

Ayad Akhtar: "Homeland Elegien"
464 Seiten, 24 Euro
Claassen, Oktober 2020

Stand: 18.10.2020 23:35 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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