SENDETERMIN So., 18.10.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Stefanie Sargnagel

Das "It-Girl" des Anti-Establishments in Österreich

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Stefanie Sargnagel | Video verfügbar bis 18.10.2021 | Bild: hr

"So, schauen wir mal!" Filmdreh in Coronazeiten. "Hallo, ich höre sie nur ganz leise... Ah, der Lautsprecher ist aus." Wir in Frankfurt. Sie in Wien.

Stefanie Sargnagel. Bloggerin, Cartoonistin, Schriftstellerin. Ein Star in Österreich: Diese Frau treibt die Rechten zum Wahnsinn. Mit trotzigem, derben Humor, der mit nichts zu vergleichen ist, außer mit ihr selbst. Stefanie Sargnagel: Das Original. Mit heute 34 Jahren schreibt sie jetzt über ihre Teenie-Zeit. "Dicht": Kiffen, Schule schwänzen, in Wien abhängen, schräge Leute treffen. Banaler Kram – eigentlich. Und dennoch erzählt er viel darüber, wie Sargnagel zu Sargnagel wurde.

Widerspruch ist möglich – und macht Spaß

Sie führt uns zu einem früheren Punk-Club. Hier vorm "Flex" hatte sie ihren ersten Job: "Ich hatte damals einen guten Freund, über den schreib ich auch in dem Buch recht viel. Der brachte mich auf die Idee, dass man Bierdosen aus dem Rucksack verkauft. Das war damals in Wien noch nicht so verbreitet. Heute machen das schon sehr viele Leute, aber damals hatte man da quasi ein Monopol. Das habe ich gemacht, und das war ziemlich gutes Geld in kurzer Zeit. Wenn du ein Bier um die 50 Cent kaufst und dann für 1,50 Euro oder 2 Euro weiter verkaufst, dann hat man schon in einer halben Stunde seine 50 Euro beisammen." Aufgewachsen ist sie im geldfernen Wiener Arbeitermilieu. In dem Bewusstsein: Widerspruch ist möglich – und macht Spaß! Damals heißt sie noch Stefanie Sprengnagel.

Durch rausgerotzte Statements in Blogs und Posts wird sie berühmt. Mit ihrem Buch "Statusmeldungen" schlägt sie schließlich auch bei den Rechten ein, wie die sprichwörtliche Bombe! Sie wird zur gehassten linken Autorin. Sargnagel liest aus ihren Hassmails vor: "Boah, du hässliche Kampflesbe. Lieber tot als rot. Du hast dir noch nicht mal eine Kugel verdient. So was Dummes wie du gehört zurück gefickt und abgetrieben, du Dreckmaul."

Ihr großer Spaß ab jetzt: sie führt die Rechten vor! Auch dadurch, dass sie in aller Ruhe Fragen stellt.

Stefanie Sargnagel liest aus ihrem Buch "Statusmeldungen" vor: "Immer wieder lese ich, es wäre unfair und kontraproduktiv, alle FPÖ-Wähler als Nazis zu bezeichnen. Nicht jeder, der einen rechten Bundespräsidenten wählt, nicht jeder, der nicht links wählt, ist automatisch ein Nazi. Das sehe ich ein. Trotzdem bleibt eine Frage offen: warum sind dann alle FPÖ-Wähler solche Nazis?"

Sargnagel spielt sich selbst

Sargnagel ist in ihre Karriere irgendwie so reingerutscht. Sie bringt die Widersprüche ihres Landes, das hier und jetzt, auf den Punkt. Sie ist dabei ganz sie selbst, und dennoch Kunstfigur. Dafür wird sie geliebt. So sehr, dass gerade ein Film über sie gedreht wird: eine Doku-Komödie. Kurzer Set-Besuch. Sargnagel spielt Sargnagel.

"Es ist ja auch ein Film darüber, dass ein Film gemacht wird", sagt Sargnagel. "Ich weiß teilweise nicht mehr, was real ist, was echt ist. Was ich noch privat bin, was nicht. Was jetzt die Kunstfigur ist, die ich selber betreibe und was von den Anderen geschrieben wurde. Das hat sich alles stark vermischt in den letzten Wochen."

Die Kneipe als Freiraum

In ihrem Buch "Dicht" erzählt sie vom Abhängen in Parks mit Assis, Punks, Freaks – und von den geliebten Wiener Kneipen. "Da das Wetter jetzt ein bisschen unwirsch geworden ist, gehen wir jetzt dahin, wo ich mich auch als Jugendliche sehr gern hingeflüchtet habe: ins legendäre Café Stadtbahn!"

Die Kneipe als Freiraum: Sargnagel schmiss die Schule kurz vor dem Abitur hin. Und auch das mit Erfolg. Im Biotop der Durchgeknallten, der Verstrahlten und ihrer Freunde wurde sie zur Künstlerin. Sie sagt: "Ich finde, es ist eine natürliche Gemeinschaft: die Alternativen, die Künstlerischen und die Freaks. Ist ja ein bisschen auch Tradition: alle, die konventionelle Lebensentwürfe entweder nicht hinbekommen oder sich diesen verweigern. Natürlich waren die interessant für mich. Die Freaks, die mich beflügelt haben. Die andere Geschichten über die Welt erzählt haben."

Andere Geschichten: auch die der vermeintlich Verrückten und Freaks. Ein "dichter" – Blick auf die Welt. Humorvoll und weise.

Beitrag: Brigitte Kleine

Stefanie Sargnagel: "Dicht: Aufzeichnungen einer Tagediebin"
256 Seiten, 20 Euro
Rowohlt Buchverlag, Oktober 2020

Stand: 18.10.2020 23:35 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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