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Yvonne Adhiambo Owuor

"Das Meer der Libellen"

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Yvonne Adhiambo Owuor | Video verfügbar bis 18.10.2021 | Bild: hr

"Tag für Tag schlich das Kind zu den Pforten des Meeres, seines Meeres. Wartete."

Die Geschichte beginnt mit einem Mädchen, Aayana, und ihrem Blick in die Ferne. Und wird zum großen Globalisierungs-Roman – einen ganzen Ozean umfassend.

"Mich macht es traurig, dass viele unserer Geschichten unerzählt bleiben", sagt die Autorin Yvonne Adhiambo Owuor. "Daran ist unser Staat schuld, aber auch wir Bürger in Kenia sind verantwortlich, die wir Teil dieses Landes sind. Wir missachten unsere Geschichte, die nur darauf wartet, endlich richtig entdeckt zu werden."

Chinas EInfluss auf dem afrikanischen Kontinent

Nairobi. Hier lebt Yvonne Adhiambo Owuor. Eine weltberühmte, herausragende intellektuelle Stimme ihres Landes. Kenia ist im Aufschwung. Stark unterstützt von China, das hier Brücken, Bahnen, Häfen finanziert als Teil der neuen Seidenstraße. Ein sehr umstrittenes Vorhaben.

"Ich verstehe, dass bestimmte Leute extreme Angst haben vor Chinas Rückkehr auf den afrikanischen Kontinent. Viel mehr als wir Afrikaner selbst. Und sie glauben, dass uns Afrikanern der Himmel auf den Kopf fallen wird. Meine Meinung dazu: Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten. Wirklich! Wir kümmern uns um uns selbst. Ich denke, dass es eine neue Chance ist für den afrikanischen Kontinent und ganz sicher für Kenia. Um zu definieren, welche Rolle wir in der Welt spielen wollen – und mit wem."  

Westliche Festschreibungen, Chinas Vision

Unterwegs nach Pate, einer Insel vor Kenias Küste. Mehr als 500 Kilometer von Nairobi entfernt.

"Die Seele ist nur ein Besucher, ein Fremder." Sagt ein Swahili-Sprichwort.

Pate ist der Fixpunkt, vom dem aus sich der Erzählstrang ihres Romans entwickelt, in dem das Wort "Globalisierung" kein einziges Mal vorkommt, obwohl er 600 Seiten lang davon handelt. "Das Meer der Libellen". Der Titel des Romans ist ihr Name für dieses Gewässer. Indischer Ozean, so nannten es die Europäer. Eine der vielen westlichen Festschreibungen, von denen sich die Autorin loslöst.

"Der Westen hatte diesen Fetisch", sagt Owuor, "diese Fantasie von Afrika: Armut, Mangel. Und sie waren so besessen von unseren Krankheiten. Ihre größte Vision, die sie für uns hatten, waren Moskitonetze. Nun kommt China und sagt, dass die Vision, die sie – mit uns – haben, Straßen, Brücken, Häfen sind. Das ist eine ganz andere Qualität von Vision. Und, ganz ehrlich: Dann nehmen wir lieber das attraktivere Angebot."

Die afrikanische Tragödie

Ins Herz von Pate. Unterwegs zu den Ruinen von Shanga. Hier wurden Überreste einer Moschee aus dem 7. Jahrhundert gefunden, die wohl noch zu Lebzeiten Mohammeds gebaut wurde. Weitere Ruinen aus dem 15. Jahrhundert sind gut erhalten. Schon damals soll es regen Austausch mit China gegeben haben. Aber selbst in Kenia sind diese von britischen Archäologen freigelegten Ruinen weitgehend unbekannt.

"Das ist ein Schatz. Nicht nur für Kenia, sondern für die Welt. Für Afrika", so Owuor. "Aber Europäer kamen hierher und überschrieben den Ort mit ihrer Geschichte. Und dann wächst eine ganze Generation auf, die denkt, dass wir keine Wurzeln in der Geschichte haben. Meine Landsleute sind verwirrt, sie denken, unsere Geschichte begann erst als die Europäer kamen. Und das ist ein Teil der afrikanischen Tragödie und der von Kenia."

Eine Säule aus dem 15. Jahrhundert. Yvonne Adhiambo Owuor erklärt: "Das erste Anzeichen, dass man hier einen sehr ungewöhnlichen Ort betritt, ist das hier: wahrscheinlich ein Grabstein. Hier war Keramik aus China eingefügt. Dieses Ensemble hier ist über 600 Jahre alt." Damals gelang eine der ersten dokumentierten Überquerungen des Indischen Ozeans durch Chinesen. "Und auch das hier zeigt den langen Wiederhall der Geschichte zwischen den Gewässern der Swahili und der restlichen Welt. Ich frage mich, warum wir diese Verbindung zu uns selbst verloren haben."

"Die Angst vor kultureller Verfälschung ist völlig übertrieben. Kultur ist von Natur aus organisch. Und magnetisch. Sie hält Ausschau nach anderen Dingen, um zu wachsen und zu gedeihen. Es gibt keine 'reine Kultur'. So viel Wohlstand, Diversität und Reichtum entspringt dem menschlichen, kulturellen Austausch. Deshalb glaube ich nicht, dass wir davor Angst haben sollten."

Selbstbehauptung und Selbstermächtigung

Die Romanfigur Aayana wird von Pate aus nach China aufbrechen. Unerwartet wird sie den Weg ihrer Vorfahren zurückverfolgen. "Das hier wäre der perfekte Ort, wo sich Aayana verstecken könnte. Ganz am Anfang des Buches", sagt Owuor und blickt auf die kleine Bucht. Ihr Roman ist die Chronik einer Selbstbehauptung und: Selbstermächtigung. Geschrieben in flirrend poetischer Sprache.  

"Unter einem mit dunkelvioletten Wolken verhangenen Himmel an der mangrovengesäumten Südwestküste lebte ein kleines Mädchen. Der Matlai hat sich mit dem Vollmond verschworen, um die Insel und ihre Bewohner zu plagen: Fischer, Propheten, Seemänner, Seefrauen, Schiffsbauer, Träumer, Schneider."

"Die uns dominierende Kraft, der Westen, ist im Niedergang", sagt Owuor. "Der Westen konnte nur groß und reich sein mit den Ressourcen Afrikas." Ist China wirklich ein selbstloser Retter Kenias? In ihrem Roman ist sie skeptischer als im Interview, schreibt von China als einer "Kultur, die sich anschickte, ihren Kontinent zu verschlingen". Und doch: Yvonne Adhiambo Owuor spricht von nicht weniger als einer neuen Weltordnung. Freundlich und leise. Man wird sie hören!

Beitrag: Andreas Krieger

Yvonne Adhiambo Owuor: "Das Meer der Libellen"
608 Seiten, 24 Euro
DuMont Buchverlag, September 2020

Stand: 18.10.2020 23:35 Uhr

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