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Amartya Sen

Friedenspreis des deutschen Buchhandels

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Amartya Sen | Video verfügbar bis 18.10.2021 | Bild: imago images/Hindustan Times

Dieser Mann hat die Welt verändert. Doch als erstes will Amartya Sen eines klarstellen: "Ich hab mich nie als außergewöhnlichen Wirtschaftswissenschaftler gesehen. Iich bin, glaube ich, ein ganz normaler Ökonom."

Der "ganz normale" Ökonom hat eine Maßeinheit erfunden, mit der sich die wirtschaftliche Entwicklung eines Staates ehrlicher messen lässt, als mit Prokopfeinkommen oder Bruttoinlandsprodukt. Dafür gab es Ehrungen weltweit, er wurde zur "lebenden Legende" und heute erhielt er in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Der Grundstock von Sens Arbeit

In seinem Heimatland nennt man ihn auch "die Mutter Teresa der Ökonomie". Indien hat er immer wieder analysiert. Sein lebenslanges Nachdenken über Ungleichheit und Ungerechtigkeit begann, als er elf Jahre alt war. In das Haus der begüterten Familie in Kalkutta kommt eines Abends ein muslimischer Tagelöhner mit einem Messer im Rücken. 1944 gibt es Zusammenstöße in Bengalen zwischen Hindus und Moslems.

"Mein Vater fuhr ihn ins Krankenhaus, wo er später dann starb", erzählt Sen. "Doch er hat die ganze Zeit noch zu mir gesprochen. Gesagt, dass seine Frau ihn gewarnt hat, in feindliches Gebiet zu gehen. Aber der einzige Job, den er an dem Tag bekam, war in einer Hindugegend, also ging er hin und wurde niedergestochen. Er hatte nicht die Freiheit, den Job nicht anzunehmen, denn er brauchte dringend Geld für Nahrung."

Dieses Erlebnis wird zum Grundstock seiner Arbeit. Sens Erkenntnis: Die wirtschaftliche Benachteiligung eines Menschen nimmt ihm die Freiheit, auf Möglichkeiten zuzugreifen, die seine Lage verbessern könnten. Bei Bildung, Ernährung und Gesundheitsversorgung bleibt die Verteilung in Indien extrem ungleich, obwohl die Wirtschaft rasant wächst.

Ungleichheit in Sens Wahlheimat USA

Die Erkenntnisse aus Indien übertrug Sen auf die ganze Welt, auch auf seine Wahlheimat USA. Im reichen Amerika entspricht die Lebenserwartung eines Afroamerikaners der eines Einwohners von Puerto Rico, weil sie oft Opfer von Polizeigewalt werden, nicht krankenversichert sind und selbst mit Covid-19 unverhältnismäßig häufiger sterben als Weiße.

Sen sagt: "Wenn Sie meinen, das Gefälle zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika sei nur beim Einkommen sehr groß: Nun, es ist noch viel größer bei den Entwicklungsmöglichkeiten, die die weiße oder die schwarze Bevölkerung perspektivisch haben. Sehr oft haben die Schwarzen auch eine schlechtere Ernährung, sind in der Bildung zurück und benachteiligt bei der Gesundheitsversorgung. Während ich also meinen Blick auf die Ungleichheit richtete, war es unausweichlich und auch folgerichtig, auf die unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten zwischen Schwarzen und Weißen zu schauen."

Amartya Sen hat die Ethik in die Ökonomie gebracht

Das war revolutionär. Nur, wenn alle Bürger eines Staates gleich gute Vorrausetzungen haben, ist das Fortschritt. Das Bruttoinlandsprodukt allein ist nicht aussagekräftig. Seit 1990 benutzt die UN den von Sen entwickelten "Index der menschlichen Entwicklung". "Ich denke nicht, dass ich das Lob einheimsen sollte, das ganze Ding allein erfunden zu haben", sagt er. Doch keine falsche Bescheidenheit: Amartya Sen hat die Ethik in die Ökonomie gebracht.  

Beitrag: Ulrike Bremer

Stand: 18.10.2020 23:35 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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