SENDETERMIN So., 18.10.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Andrea Petković

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Andrea Petković | Video verfügbar bis 18.10.2021 | Bild: hr

Max Moor trifft Tennis-Star Andrea Petković am Rande der Frankfurter Buchmesse in einer Apfelweinwirtschaft. Andrea Petkovic hat mit "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht" gerade ein Buch mit biographisch gefärbten Erzählungen vorgelegt.

Max Moor: Ich bin wahnsinnig froh, Andrea, dass du ein Buch geschrieben hast, weil sonst hätte ich dich nie kennengelernt. Dass ich Andrea Petković mal in der Bowlingbahn treffe, das ist nur möglich, weil du ein Buch geschrieben hast. Und ganz am Anfang deines Buches erfährt man, dass du aus einer Familie der Erzähler kommst. Dein Papa hat gerne erzählt, deine Mama hat gerne erzählt. Das Erzählen scheint dir im Blut zu liegen.

Andrea Petković: Für mich ist erzählen Sachen aus dem Alltag, die jeder kennt, so darzustellen, als wäre es ein Abenteuerlauf durch den Dschungel. Und das haben meine Eltern immer gemacht. Mein Vater hat den gleichen Job seit 25 Jahren, und jeder Tag hat sich angehört wie ein Spießrutenlauf. Meine Mutter ist die meiste Zeit ihres Lebens Hausfrau gewesen. Wenn sie einkaufen war, kam sie zurück und hatte tolle Prinzengeschichten. Das war unsere Art, abends beim Abendbrottisch zu sitzen. Und das habe ich übernommen und es dann auch aufgeschrieben.

Max Moor: Dann hast du ja, bevor du Schriftstellerin wurdest, noch einen kleinen Umweg über Tennis gemacht. Und du beschreibst im Buch, wie unglaublich ehrgeizig du warst. Aber du selbst unterstellst, das war vielleicht gar kein Ehrgeiz, sondern du musstest mit deiner Wut irgendwohin, du warst ein wütendes Kind. Woher kam die Wut?

Andrea Petković: Ich glaube, ich habe ein ganzes Buch geschrieben, um mir das selbst zu erklären: Wo kommt eigentlich diese Wut her? Ich habe es mir so erklärt: Meine Eltern sind aus dem damaligen Jugoslawien geflohen, kurz bevor der Krieg losging. Die meiste Zeit, die sie sich neues Leben in Deutschland aufgebaut haben, war davon geprägt, nicht aufzufallen oder dass keiner merkt, dass wir woanders herkommen. Es war ständig: 'Fassade aufrechterhalten, Fassade aufrechterhalten!' Und Tennis war für mich die perfekte Freiheit. Im Viereck des Tennisplatzes konnte ich alle inneren Konflikte, jegliche Wut, alles, was ich in mir trug, manifestieren in einer gesunden Art und Weise. Denn den Gegner zu besiegen ist ja Triumph und Niederlage – aber am Ende stirbt keiner.

Max Moor: "Es ist in der Tat so, dass viele Spitzensportler begreiflicherweise nur diesen einen kleinen Ausschnitt haben, den sie in Perfektion beherrschen. Du hast dir immer ein Spektrum bewahrt, du hast immer Literatur gemocht. Was bedeuten Bücher für dich?

Andrea Petković: Für mich waren Bücher und Literatur immer die einzige Art, wie ich mich vom Tennis wirklich komplett und mit voller Hingabe ablenken konnte. Immer wenn ich Filme, Serien oder Fernsehen geguckt habe, hat es im Hinterkopf immer gerattert: 'Tennis, Tennis. Morgen muss ich wieder trainieren und funktionieren.' Und immer nur dann, wenn ich ein gutes Buch in der Hand habe oder selbst etwas geschrieben hatte, war für mich das Tennis kurz weg. Das war wie ein Leben bringender Atemzug für eine einzige Sekunde oder eine Minute oder 30 Minuten. Um einfach mal zu mir zu kommen, bevor ich dann wieder in den Abgrund meines Ehrgeizes verschwand.

Beitrag: Sven Waskönig

Stand: 18.10.2020 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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