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Wem gehört die Stadt?

Ein Berliner Buchladen kämpft gegen einen milliardenschweren Investmentfond

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Wem gehört die Stadt? | Video verfügbar bis 25.04.2022 | Bild: hr

Es war kein gutes Jahr für Thorsten Willenbrock. Eigentlich ist er ziemlich am Ende. Vor 24 Jahren erfüllte er sich hier seinen Lebenstraum: der Buchladen "Kisch & Co." in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg – sein Kiez.

Jetzt soll er rausgeklagt werden

"Es gibt hier unglaublich viele+ Leute, die das Herz am rechten Flecken haben, die sich für andere Leute einsetzen. Die über den Tellerrand hinausgucken, die nicht nur darauf achten, was für sie wichtig ist, sondern es ist hier eine große Gemeinschaft", sagt der Buchhändler Thorsten Willenbrock.

Seit einem Jahr hat er einen neuen Vermieter. Mal wieder. Mit jedem Verkauf wurde der Stilaltbau teurer. Die Miete: inzwischen unbezahlbar. Jetzt soll er rausgeklagt werden.

"Ich kenne ganz viele Künstler, die weggegangen sind. Es gibt Handwerker, Druckereien und soziale Einrichtungen. Diese soziale Einrichtung, die Kita sollte auch verschwinden da", sagt Thorsten Willenbrock. "Vor 24 Jahren gab es da noch einen Herrenausstatter. Das ist, glaube ich, 15 Jahre her und danach sind dann wechselnde Restaurants da drin gewesen, aber das ist ein typisches Beispiel, wie es vor über zwanzig Jahren noch ausgesehen hat. Ein Herrenausstatter, dahinten noch ein Gemüseladen. Das war ganz anders. Das hier ist das Richies – das war früher mal ein Klamottenladen. Selbst der konnte sich nicht mehr halten."

Leerstand bedeutet: Wertsteigerung

Willenbrock aber will nicht gehen. Auch die Nachbarn fordern: "Kisch & Co." muss bleiben. Immer wieder demonstrieren sie Solidarität. Unter ihnen sind Schauspieler, Musiker, Schriftsteller – und auch Star-Fotograf Wolfgang Tillmans ist Kunde bei "Kisch und Co." Er erlebt seit Jahren, wie in Kreuzberg Kultur verdrängt wird.

"Das sind Arbeitsplätze, Werkstätten, Nachtleben, wo Leute seit Jahren in Stammkneipen sind oder in Musiklokalen seit dreißig Jahren da sind und plötzlich muss halt alles raus, weil Leute dahin wollen, weil es so attraktiv ist – und das ist das Paradoxe an der ganzen Sache", sagt Wolfgang Tillmans.

"Kisch und Co." hat mit 12 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter angefangen. Jetzt werden 40 Euro und mehr verlangt, das Gewerbemietrecht erlaubt das. Alle Mieter des Hauses werden bald draußen sein. Leerstand bedeutet: Wertsteigerung. Schon der letzte Hausbesitzer, die Holding des Milliardärs Nicolas Berggruen, hat mit der Immobilie einen super Schnitt gemacht.

Der neue Eigentümer, ein Immobilienfonds, ist ein Anleger ohne Gesicht

"Er hat das gekauft, irgendwas zwischen 7,2 und 7,8 Millionen, das erinnere ich nicht mehr genau, das hat der Vorbesitzer uns gesagt und hat dann, wie es in der Zeitung stand, für 35,5 Millionen verkauft. Also eine Vervierfachung, Verfünffachung fast", erzählt Thorsten Willenbrock.

Der neue Eigentümer, ein Immobilienfonds, ist ein Anleger ohne Gesicht. Und Willenbrocks Ansprechpartner sind Anwälte. Doch er will mehr erfahren – und bekommt Hilfe von Christoph Trautvetter, ein Steuerspezialist mit langer Erfahrung in Online-Recherche. Er hat die Besitzverhältnisse von vielen Berliner Immobilien aufgedeckt.

"Die wichtigste Erkenntnis über diese Eigentümerstruktur hier in Berlin ist, dass fast die Hälfte der Immobilien in Berlin ganz wenigen tausend Eigentümern gehört, sehr vermögenden Eigentümern, die einen ganz großen Teil der Mietswohnungen hier in Berlin kontrollieren und dass dabei sehr oft Unternehmen und lange Unternehmensketten mit Anonymität eine Rolle spielen", sagt Christoph Trautvetter. "Es fühlt sich tatsächlich an wie ein Puzzle, das sich Teil für Teil zusammensetzt, wie sich das Bild der Eigentümerstruktur in Berlin vervollständigt."

Und wer sind die Anleger, die anonym bleiben wollen?

Trautvetter untersucht den Fonds, der das Haus mit der Buchhandlung gekauft hat: Die "Victoria-Immo-Properties" – eine Muttergesellschaft mit mehreren Töchtern. Drei Anwälte in Liechtenstein arbeiten als Treuhänder für die Anleger. Sie vertreten ein ganzes Geflecht an Fonds und Unternehmen. Briefkastenfirmen, glaubt Trautvetter. Und wer sind die Anleger, die anonym bleiben wollen?

Er ist sich sicher: Die schwedisch-britische Milliardärsfamilie Rausing! Die Erben des Tetrapack-Gründers Ruben Rausing. Seine Enkelin Sigrid Rausing, übrigens Verlägerin und Kultur-Mäzenin, gibt an, nichts mit der Oranienstraße zu tun zu haben. Ihre Schwester Lisbet schweigt, und auch andere Familienmitglieder kann niemand zwingen, Investitionen offenzulegen. Dafür fehlen die Gesetze.

"Ich finde es kurzfristig gedacht, nur das größte Geld rauszuholen"

Fotograf Wolfgang Tillmans habe die Rausings kontaktiert, heißt es in der Straße. Um an ihr soziales Gewissen zu appellieren. Offenbar vergebens. Er selbst redet da nicht drüber. Für Tillmans sind aber nicht ausschließlich Milliardäre das Problem, sondern genauso Kleinanleger: Die vielen, die ihre Rente mit Immobilienfonds aufbessern wollen. Und ein paar Tausend investieren, um auch mal am Boom zu verdienen.

"Bei Chemieunternehmen, da fragt jeder seit zwanzig Jahren: Was für eine schädliche Sache ist dabei? Und bei Immobilien, da müsste man genauso nachfragen: Wo geht ihr damit hin, was macht ihr, also entwohnt ihr Gebäude? Ich finde es kurzfristig gedacht, nur das größte Geld rauszuholen", sagt Wolfgang Tillmans.

Aus für "Kisch und Co." – er muss den Laden räumen!

Die Zukunft der Buchhandlung "Kisch & Co." wird vor Gericht entschieden: Die Verhandlung zur Räumungsklage vor dem Landgericht Berlin am letzten Donnerstag. Ein bisschen Hoffnung bringt Thorsten Willenbrock noch mit. Aber was bleibt ihm auch sonst übrig?

"Wir lesen, wir hängen an den Büchern. Wir hängen an unseren Kunden, wir sind gerne hier.  Das würde tatsächlich bedeuten: Ein großer Teil unseres Lebens würde damit zerstört werden – neben der Arbeitslosigkeit, die dann natürlich auch bevorsteht", sagt Thorsten Willenbrock.

Die Verhandlung ist kurz. Die Anwälte der Kläger sind von Frankfurt zugeschaltet und schnell steht fest: Das Gericht gibt der Klage statt. Thorsten Willenbrock hat verloren! Aus für "Kisch und Co." – er muss den Laden räumen! Die Oranienstraße wird weiter vermessen. Die Bergruen-Holding, die mit dem Verkauft von Willenbrocks Haus 35,5 Millionen gemacht hat, hat nun die zwei Häuser direkt gegenüber gekauft.


Beitrag: Alexander C. Stenzel

Stand: 25.04.2021 23:05 Uhr

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