SENDETERMIN So., 11.07.21 | 23:35 Uhr | Das Erste

Zwischen Weltraum und Tiefsee

Der atemberaubende Dokumentarfilm "WER WIR WAREN"

Play„WER WIR WAREN“
Der Dokumentarfilm "WER WIR WAREN" | Video verfügbar bis 11.07.2022 | Bild: "Wer wir waren" (2021)

Ein filmisches Essay über den Zustand unserer Erde

"Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Auf unserem Überleben bestanden wir nicht. Denn unser Kapitulieren war auch ein Mit-der-Zeit-gehen. Wir hatten unserem Verschwinden nichts entgegen zu setzen."

Mit diesen Worten von Roger Willemsen beginnt "WER WIR WAREN". Ein filmisches Essay über den Zustand unserer Erde. Inspiriert von Willlemsens letztem Buchprojekt vor seinem Tod stellt der Film die Frage: Wer waren wir, als wir die Welt noch hätten retten können? Der Astronaut Alexander Gerst und fünf andere Wissenschaftler:innen nehmen uns mit auf eine Reise.

Wir müssen dieses System schützen, so lange sein Herz noch schlägt

"Wenn ich hier rüber schaue, dann sehe ich den kompletten Amazonas auf einmal", sagt Alexander Gerst. "Und das ist die grüne Lunge von unserem Planeten. Und dann sieht man, wie groß, wie riesig die Areale sind, die schon fehlen, das ist unglaublich, wie diese Rodungsgebiete sich in den Wald fressen. Wir können Kriege von hier oben sehen, man sieht Raketen fliegen. Man sieht Dörfer, Städte, brennen im Krieg. Das wirkt so verrückt von hier oben, weil man die Grenzen nicht sieht. Man sieht nur, dass sich Menschen da unten bekämpfen, die direkt nebeneinander leben und wohnen."

Aus den Höhen des Alls in die Tiefen des Ozeans.
Seit mehr als 65 Jahren erforscht Sylvia Earle den großen Unbekannten unseres Planeten.

"Die Menschen können zum Mond fliegen, Instrumente zum Mars schicken. Aber es ist erstaunlich wie begrenzt unsere Möglichkeiten sind, wenn es um den Zugang zu den Tiefen der Weltmeere geht", sagt Sylvia Earle. "Bislang sind nur drei Personen bis in 11 Kilometer Tiefe vorgedrungen, zum tiefsten Punkt des Ozeans. Dabei waren schon so viele von uns 11 Kilometer weit oben im Himmel. Es ist so unfassbar blau. Unbeschreiblich, wie viele Blautöne das sind. Wir müssen dieses System schützen, so lange sein Herz noch schlägt, so lange es uns noch am Leben erhält. Aber wenn wir so weitermachen wie bisher, dann schlägt es unregelmäßig, wir erleben es ja bereits. Es gibt Todeszonen in den Ozeanen."

Perspektivwechsel tut Not

Der Planet als Todeszone. Das ist die Zukunft, an der wir gerade arbeiten.
"WER WIR WAREN" ist eine Meditation darüber, wie wir sind. Aber auch darüber, wer wir sein könnten. Eine wirkliche Veränderung im Zuschauer zu bewirken, das war die Idee des Filmemachers Marc Bauder. Preisgekrönt für seine Dokumentationen wie "Master of the Universe".

"Wir alle haben es bei uns selbst in der Hand, uns auch einzubringen und nach Veränderung zu suchen. Und natürlich helfen mir, auch als Filmemacher, diese sechs wirklich herausragenden beeindruckten Menschen, auch das Menschsein wieder zu entdecken und die Schönheit auch dieses Planeten und das immer wieder zu wissen, um was es hier eigentlich geht. Hier geht es nicht darum, dass dein Nachbar so und so viel Prozent mehr oder weniger hat, oder dass ich jetzt plötzlich fünf Cent mehr für Benzin bezahlen muss oder so. Unsere Fragen, die wir hier haben, in unserer Blase, sind Teil einer übergeordneten Fragestellung, die die ganze Welt betreffen. Und ich finde, Perspektivwechsel tut Not", sagt Marc Bauder.

Wir waren total verblendet!

Perspektivwechsel. Der Spitzenökonom Dennis Snower. Er berät die G20-Staaten und die deutsche Kanzlerin. 30 Jahre lang glaubte er an den "Homo Oeconomicus". Ein fataler Irrtum, wie er heute sagt, der in den Untergang führen wird.

"Der giftigste Gedanke, den man haben kann, kam von Milton Friedman. Der gesagt hat: Nutzenmaximierung und Rationalität, das ist unsere Aufgabe und mit dem lässt sich alles erklären. Und das war auch eine Geschichte, auf die sind zwei, drei Generationen von Ökonomen reingeflogen", sagt Dennis Snower. "Wir waren total verblendet! Von einem extrem engen Menschenbild, welches nicht einmal dem Menschenbild von der Aufklärung entsprach."

Dionewar, Senegal. Inseln, die im Meer verschwinden. Das "Anthropozän", das menschengemachte Zeitalter, ist auch eines des drohenden Untergehens.

"Es ist ein Okzidentalozän. Kein Anthropozän. Denn es geht um den Okzident, den Westen. Sie wollen die Verantwortung teilen, haben aber die Probleme verursacht", sagt Felwine Sarr. "Der Westen hat die Welt in Natur und Kultur geteilt. Weil sie die Natur als ein Objekt mit Ressourcen ansahen, haben sie sie in Besitz genommen und verändert."

Und die Folgen bekommen sie zuerst hier zu spüren. Die Rettung? Eine echte Gemeinschaft zwischen Europa und Afrika. Daran arbeitet der Ökonom Felwine Sarr.

"Wir sagen 'wir' gegen 'sie', dabei sollten wir ein kollektives 'Wir' schaffen", sagt Felwine Sarr. "Aber wie schaffen wir ein 'Wir' mit Menschen, die das nicht wollen? Denn genau das brauchen wir."

Die Wirtschaft ist unsere Schöpfung, darum müssen wir sie wieder verändern

"WER WIR WAREN" ist ein poetischer Film darüber, dass wir uns stetig überschätzen, indem wir uns über die Natur erheben. Und uns dabei gleichzeitig unterschätzen, weil wir vergessen, was wir wirklich alles ändern können.

"Ich denke, ein Irrtum besteht darin, dass wir so tun, als sei die Wirtschaft der Natur gleichzusetzen,", sagt Dennis Snower. "So wie hier Bäume, Berge und andere Dinge existieren, betrachten wir die Wirtschaft als ein System, das wir einfach hinnehmen müssen. Dabei haben wir vergessen, dass die Wirtschaft dem Wohl der Menschen dienen sollte. Die Wirtschaft ist unsere Schöpfung, darum müssen wir sie wieder verändern."

Es könnte sein, dass wir uns gerade im Auge des Orkans befinden. Es scheint ganz still – während in Wahrheit der Sturm schon tobt. 

"Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns selbst", heißt es im Film.

Bericht: Tanja Küchle

"WER WIR WAREN", Regie: Marc Bauder, X Verleih AG
Jetzt im Kino

Stand: 11.07.2021 20:18 Uhr

10 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 11.07.21 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste