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Not funny, didn’t laugh!

Humor in woken Zeiten

PlayDave Chappelle in seinem Netflix-Special "The Closer"
Dave Chapelle - Humor in woken Zeiten | Video verfügbar bis 28.11.2022 | Bild: hr

Humor, der tiefe Wunden freilegt – und neue erzeugt?
Dave Chappelle: US-amerikanischer Comedy-Superstar. In seiner neuen Netflix-Show "The Closer" teilt er heftig gegen Minderheiten aus. Besonders auf eine hat er es abgesehen.

"Ich möchte mich zunächst an die LGBTQ-Community wenden. In unserem Land kannst du einen N*** erschießen, aber verletze besser nicht die Gefühle eines Homosexuellen. Schwule Menschen sind Minderheiten – bis sie wieder weiß sein müssen. Ich prügelte die toxische Maskulinität aus dieser B***. Es wird noch viel schlimmer, haltet durch", sagt Dave Chappelle in "The Closer".

"Das ist für mich kein Humor, das ist einfach nur verbale Gewalt. Weil er mit seinen Aussagen überwiegend auf sehr, sehr persönliche körperliche Aspekte eingegangen ist, die ich wirklich extrem schmerzhaft, verletzend und erniedrigend fand", sagt Felicia Ewert, Autorin und trans Aktivistin.

Viele Queers sehen es genauso. Shitstorm, Proteste vor der Netflix-Zentrale – auch von Mitarbeiter:innen. Die Forderung: Chappelle canceln. 

Wer darf über wen Witze machen? Chappelles Methode: Er diskriminiert die Diskriminierten. Spielt Schwarze, Queers, Juden gegeneinander aus. Haut nochmal drauf, auf die großen Schmerzpunkte der Gesellschaft.

"Ich glaube, wir machen einen Fehler, wenn wir sagen: Dieser Witz ist über Juden, über trans Menschen, über schwarze Menschen und deswegen ist er automatisch feindlich. Weil Humor eben zwei Funktionen haben kann und eine davon ist Befreiung. Eine davon ist: Leben ist echt schwer. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und dieses, dass man sozusagen sich von dieser emotionalen Last am Leben zu sein, befreit, indem man sehr schmutzige, schlimme, schreckliche Witze macht, die sagen: und trotzdem!", sagt Nele Pollatschek.

Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit immer wieder mit grenzüberschreitendem Humor. Nele Pollatschek, Selbstbezeichnung: Literaturwissenschaftler und Autor. Außerdem jüdisch.

Monty Python: Für viele eher Götter als nur Komiker. Doch auch sie sind nicht mehr heilig. Mitbegründer Terry Gilliam unterstützte Dave Chappelle auf Twitter. Jetzt hat er seinen eigenen Shitstorm. Ein Theaterstück von ihm: in London abgesagt. Es geht längst nicht mehr nur um Auseinandersetzung und Streit – sondern auch um berufliche Konsequenzen.

Auch er ist Dave Chappelle Fan: Comedian Shahak Shapira.
Mit 14 zog er aus Israel in die deutsche Provinz. Ausgerechnet nach Sachsen-Anhalt.
Er weiß also, was es bedeutet, Minderheit zu sein in einer feindlichen Umgebung – und dass Humor ein Mittel der Befreiung sein kann.

"Ich glaube, Galgenhumor trifft ganz gut das, was ich mache", sagt Shapira. "Ich mache Comedy über Dinge, die, wenn ich sie ernst nehmen würde, ich durchdrehen würde. Comedy ist biographisch. Oft, fast immer. Und daraus schöpfe ich. Und es gibt in meinem Leben so viel Tragisches, aus dem ich was nehmen kann. Ich weiß nicht. Mein Humor blüht in Tragödie auf."

Auch Chappelles Comedy scheint getrieben von biografischem Schmerz. Nämlich dem, dass die Schwarze Bürgerrechtsbewegung seit Jahrzehnten nicht recht vorankommt.

"Wir Schwarzen schauen auf die Gay-Community und sagen: Verdammt, schau, wie gut diese Bewegung läuft! Wenn Sklaven Babyöl und Hotpants gehabt hätten… Wir wären vielleicht schon hundert Jahre früher frei gewesen!", sagt Chappelle in "The Closer".

"Eigentlich ist die Frage nicht, welche Rolle spielt Grenzüberschreitung für den Humor, sondern welche Rolle spielt Humor für Grenzüberschreitung. Weil es natürlich nicht so ist, dass man einen Witz erzählt und damit ist die Grenze futsch, sondern man erzählt den Witz und markiert jedes Mal wieder: hier ist die Grenze", meint Nele Pollatschek.

Autorin und trans Aktivistin Felicia Ewert widerspricht. Für sie markiert dieser Humor keine Grenzen, sondern zerstört sie. Macht Unsagbares sagbar.  
Sie findet: Humor sollte Gefühle von Minderheiten nicht verletzen, egal zu welchem Zweck.

"Ich würde es absolut begrüßen, wenn bestimmte Comedians oder selbsternannte Satiriker:innen gar nicht mehr eingeladen werden würden, ohne dass es ein großes Verbot oder irgendwas geben muss. Sondern wenn es ein gesellschaftliches Bewusstsein darüber gäbe, dass ich bestimmten Leuten einfach keine Bühne mehr gebe", sagt Ewert.

Die Debatte wird hierzulande nicht so scharf geführt wie in Großbritannien und den USA. Doch auch hier gibt es immer mehr Rufe nach politisch korrekter Comedy.

"Oh Gott, fuck off! Ich hasse das. Warum politically correct? Geh zu Politikern, sieh zu, dass die korrekt sind, bevor du mit den Comedians anfängst. Das ist so nervig. Weißt du, ich habe das Gefühl, weil jetzt all die Politiker zu Clowns geworden sind, dass man von Comedians erwartet, dass sie jetzt Politik machen", sagt Shahak Shapira.

"Ich meine, wir sind irgendwelche komischen haarlosen Affen, die sich in der Zivilisation irgendwie benehmen sollen", sagt Nele Pollatschek. "Und wir müssen uns sowieso die ganze Zeit zusammenreißen und man braucht doch auch einfach dieses Moment: So, und jetzt lasse ich alles fallen. Vor einer Million Jahre haben wir alle noch Scheiße geschmissen und wenigstens verbal muss man doch ab und zu diesen tierischen Bedürfnissen nachgehen können – für diese Befreiung."

Ja, Chappelle attackiert und provoziert. Aber er verfolgt damit einen Zweck: Aus der Spirale des Schmerzes schafft er Momente der Verbundenheit.

"Bevor ich etwas über diese Community sage, müsst ihr wissen – und ich hoffe ihr fühlt genauso: Mir ist das Leid anderer NICHT egal", bemerkt Dave Chappelle in "The Closer".

Das letzte Viertel seiner Show widmet Chappelle seiner Freundin und trans Comedian Daphne Dorman. Er erzählt von einem Gespräch zwischen den beiden. Sie lacht über seine Witze. Doch als er ihr sagt, dass er viele Aspekte ihres trans-Seins nicht verstehe, wird sie wütend. 

"Sie sagte: Du musst mich nicht verstehen! Ich sagte: Was? Sie sagte: Du musst mir nur glauben, dass ich eine menschliche Erfahrung mache!!", sagt Dave Chappelle in "The Closer".

Eine menschliche Erfahrung. Darauf läuft bei Chappelle alles hinaus: Wir müssen einander nicht verstehen – aber wir müssen uns in unserer Unterschiedlichkeit anerkennen.

Das Leben kann eine Zumutung sein – Humor manchmal auch.


Bericht: Jella Mehringer

Stand: 28.11.2021 20:00 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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