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"Wir sind noch da!"

Afghanische Frauen nach der Machtübernahme der Taliban

PlayStark und selbstbewusst: afghanische Frauen
Afghanische Frauen nach der Machtübernahme der Taliban | Video verfügbar bis 28.11.2022 | Bild: Fatimah Hossaini

Es ist ihre Heimat. Der Blick auf ihr Land, als es noch eine Zukunft hatte. Als Frauen hier noch Zukunft hatten.

 "Wenn sie auf dich schießen, dann schießen sie hier hin. Wenn sie dir nicht gleich in den Kopf schießen", sagt die Sängerin Aryana Sayeed.

Mit der Machtübernahme der Taliban sind mutige Frauen Afghanistans in große Lebensgefahr geraten.

"Sie haben ihr Zuhause verloren. Sie haben ihr gesamtes Lebenswerk verloren innerhalb von Tagen. Nicht Wochen, nicht Monaten innerhalb von Tagen. Und das empfinden wir als große, als große Schande. Es lässt uns alle sprachlos. Immer noch", erzählt Nahid Shahalimi.

Nahid Shahalimi ist Künstlerin, Filmemacherin, Aktivistin und lebt heute in München. 1985 floh sie als Elfjährige mit ihrer Mutter über Pakistan nach Kanada. Ihre Heimat Afghanistan hatte sie viel bereist, um mutige Frauen zu porträtieren.

Aryana Sayeed zum Beispiel, eine der berühmtesten Popsängerinnen. 2013 wurde eine Fatwa gegen sie ausgesprochen, da sie sich im Fernsehen ohne Kopftuch und tanzend präsentiert hatte. 

"Die Menschen haben genug von alldem, haben genug von Typen, die sie zu irgendetwas zwingen wollen. Von Extremisten. Sie haben genug von Leuten, die die Religion missbrauchen", sagt Aryana Sayeed.

"Die wollten sie töten. Jeden Tag", sagt Nahid Shahalimi. "Aber trotzdem hat sie gegen alle, sogar ihre eigene Familie, ihren Fuß auf dem Boden gestellt und sagte: 'Ich werde diejenige sein, die diesen Weg für andere Mädchen öffnet. Und sie sagt: 'Afghanistan ist mein Land und ich werde nie meine Leute allein lassen'."

"Wir sind noch da!". Es sind die Geschichten von 13 mutigen afghanischen Frauen, die Nahid Shahalimi nach dem Fall Kabuls zusammengetragen und herausgegeben hat. Ein Akt des Widerstands.

"Es gibt mentale Traumata. Viele sprechen von Suizid. Viele werden sich ihr Leben nehmen, weil unter diesem Dach ist es undenkbar zu leben", sagt Nahid Shahalimi.

Frauen wie Fotografin und Model Fatimah Hossaini. Sie musste im August aus Kabul fliehen.

"Fatimah ist faszinierend, weil sie so authentisch die Schönheit von Frauen, von Kultur, von Afghanistan, aber auch die Geschichte von Afghanistan zeigt. Während Bomben hochgegangen sind, ist sie auf die Straßen gegangen und hat das Ganze gefilmt, fotografiert, als Fotojournalistin und hat das rausgebracht", erzählt Nahid Shahalimi.

Fatimah Hossaini fotografierte in ganz Afghanistan selbstbewusste Frauen. Im Zustand zwischen Gefängnis und Befreiung. Nach Übernahme der Taliban sind Fotos wie diese undenkbar geworden.

Nahid Shahalimi unterhält ein dichtes Netzwerk mit afghanischen Frauen weltweit. Die weibliche Intelligenzia Afghanistans lebt jetzt verstreut über viele Länder. Vor der Entwicklung in ihrer Heimat haben sie lange gewarnt.  

So sagte Mariam Safi in ihrer Rede im UN Web TV am 08.03.2018: "Aus sicheren Gegenden wurden Kriegsgebiete. Vom Land bis in die Stadt. Die Taliban, das ihr angeschlossene Haqqani Netzwerk und IS-Kämpfer greifen jetzt Zivilisten an. Frauen und Kinder eingeschlossen."  

Mariam Safi. Ihre Familie floh nach Kanada, als sie fünf war. Sie kehrte nach Kabul zurück, lehrte Politik, verhandelte sogar mit Taliban.

"Mariam Safi ist eine, die nie ihre Emotionen zeigt. Sie ist sehr korrekt. Sie ist sehr konkret, sehr präzise. Zum ersten Mal habe ich Mariam Safi weinen gesehen", sagt Nahid Shahalimi.

"Nun sitze ich wieder hier. Ohne eine Heimat, ohne ein Land. An einem Endpunkt, an dem Millionen von Afghanen mit ihrem Leben und ihren Träumen geopfert wurden", sagte Mariam Safi im UN Web TV am 21.10.2021.

Nahid Shahalimi und Mariam Safi telefonieren regelmäßig:
"Hallo. Hier ist Mariam."
"Wie fühlst du dich nach der Rede? Du warst sehr emotional. Wie fühlst du dich?"
"Gefühle sprechen lauter als Worte. Ich hatte gar nicht vor emotional zu werden, während der Rede."

Mariam Safi wohnt wieder im Keller ihrer Eltern in Kanada. In Sicherheit, fern ihrer Heimat.

Viele afghanische Aktivistinnen konnten ausgeflogen werden, aber hunderte sind noch in Afghanistan und in größter Gefahr. Die Amerikaner sind zu früh gegangen, eine neue Zivilgesellschaft war im Werden. Jetzt stehen die Afghaninnen vor den Trümmern einer 20-jährigen Arbeit.

"Ob Ruhe und Frieden in Afghanistan je kommen werden, ob Frauen das werden machen können, was wir uns vorgestellt haben in den letzten 20 Jahren... Es wird ein noch härterer Kampf sein, aber es ist ein Kampf. Ich persönlich bin dafür bereit. Ich bin dafür bereit und werde alles tun, was in meiner Macht steht. Und ich bin verdammt stolz auf meine Identität. Wir sind noch da. Und wir werden da sein", sagt Shahalimi.

"Hört diesen Frauen zu", schreibt Nahid Shahalimi. "Seht wer sie sind, seht ihren Einsatz für die Freiheit. Sie brauchen Unterstützung und Solidarität." 


Bericht: Andreas Krieger

"Wir sind noch da!" von Nahid Shahalimi, 22 Euro.
Erscheinungstermin: 05.12.2021

Stand: 28.11.2021 20:00 Uhr

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