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Zwischen Science-Fiction und Naturverbundenheit

Warum die afrikanische Architektur so aufregend ist

PlayAfrikanische Architektur: ressourcenschonend und nachhaltig
Afrikanische Architektur: Zwischen Science Fiction und Naturverbundenheit | Video verfügbar bis 28.11.2022 | Bild: hr

So geht das. Stadtplanung, die mit Wind als Kühlung arbeitet. Gebäude, die aus natürlichen Werkstoffen gebaut werden: Holz und Lehm. Eine Lust auf Skulpturen. Wenn wir heute wissen möchten, wie wir morgen bauen wollen, können wir nach Afrika blicken.

"Ressourcenschonung, Energiegerechtigkeit, nachhaltiges Bauen. Das ist in eine Form, wie in Afrika immer schon gebaut wurde und das ist, glaube ich, etwas, wo wir als Europäer, wenn wir in den Süden schauen, einfach mal ein bisschen die Augen öffnen müssen und dort auch erkennen können: Mensch, es geht eben auch anders. Wir können ein Haus auch traditionell bauen mit traditionellen Materialien und wir müssen es nicht vollpfropfen mit Technik. Und ich glaube, das ist ein Punkt, der mir als Architekt auch für meine eigene Arbeit sehr, sehr, sehr geholfen hat", sagt Philipp Meuser.

Das Lycée Schorge in Koudougou, Burkina Faso. Weltberühmt – wie sein Architekt: Francis Kéré. Weil die Philosophie universal ist, könnte das so auch in Europa funktionieren. Wie ein Dorf liegt die Schule da. Leben und Lernen ist auf die Mitte konzentriert.

"Die grundlegende Idee war es, eine Struktur zu schaffen, die wirklich Schutz bietet, wo man dann in der Mitte einen Hof hat, ja, wo die Studenten und das Lehrpersonal vor Unwetter geschützt sind und wirklich lernen oder sich aufhalten können", erzählt Francis Kéré.

Sitzen und reden. 

"Was hier vielleicht so abfällig betrachtet werden kann, hat aber tiefgründige demokratische Prinzipien. Es liegen tiefgründige demokratische Prinzipien vor", sagt Francis Kéré weiter.

Direkter Kontakt als Basis von Demokratie. Lebenswerte Strukturen in schwieriger Umgebung.

Ein Architekturführer über Afrika südlich der Sahara. In sieben Bänden. Die Publikation der Herausgeber Philipp Meuser und Adil Dalbai wird als Pioniertat gefeiert. Kuratiert und geschrieben von den führenden Experten der jeweiligen Länder. 

Philipp Meuser baut Botschaften weltweit, kommt viel herum. Die beste Architektur entdeckt er immer wieder in Afrika. Ein Spaziergang durch Bamako. 

"Ein besonderes Element ist, das afrikanische Kultur etwas Maskenhaftes hat. Also wir sehen hinter uns den 'Tour d’Afrique'. Das sieht fast aus wie eine Elfenbein-Statue, die irgendwo im Schrank stehen könnte. Das hat was ganz, ganz Besonderes. Diese Architektur wirkt fast schon geschnitzt. Man hat das Gefühl, sie wird aus einem Ganzen geschnitzt und wird jetzt nicht in der Konstruktion von unten nach oben aufgebaut. Sondern sie wird aus einem Stück herausgearbeitet. Das ist ein ganz besonderes Element", sagt Architekt Philipp Meuser.

Afrofuturismus. Der "Tour d’Afrique" als Symbol für Selbstermächtigung. Ein neues Selbstbewusstsein. Eine Formensprache fernab kolonialer Einflüsse.

Die Zentralbank in Bamako. Mit 20 Stockwerken das höchste Gebäude Malis. Außergewöhnlich, denn ansonsten wird in Bamako weit in die Fläche gebaut. Zersiedelung.

"Die räumliche Entwicklung ist hier immer noch geprägt durch unsere Art der Landnutzung, denn wir haben die Kultur, eine Parzelle zu bewirtschaften, und wir sind noch nicht in der Kultur des vertikalen Bauens. Das führt dazu, dass die Stadt ständig aggressiv in die Landschaft eingreift", sagt Ousmane Sow, Stadtplaner bei "Grand Bamako".

Vertikales Bauen, das ist eher neu. Das Eastgate-Gebäude in Harare wurde von Mick Pearce so konstruiert, dass es atmet wie ein Termitenbau. Auf eine teure künstliche Klimaanlage konnte so verzichtet werden.

Das Geflüchtetencamp in Bamako. Eine Stadt in der Stadt. Überlebensarchitektur, die an traditionelle Hüttenbauten erinnert. Würde in größter Not. Es gibt Räume zum Wohnen, Kochen, Schlafen.

"Egal, wo man hinkommt, man trifft Menschen und nach wenigen Sätzen fangen sie an, über Architektur zu sprechen oder allgemein über das Bauen", sagt Philipp Meuser. "Ich habe so den Eindruck gewonnen, dass in Afrika die allgemeine Kenntnis über das Bauen: Was ist die beste Baukonstruktion? Wie schütze ich mich am besten mit meinem Haus? Und auch wie schmücke ich mein Haus? Dass das viel stärker in der Kultur und in der eigenen Identität verankert ist. Dass in jeder Familie mindestens ein oder zwei Leute dabei sind, die wissen, wie man eine Hütte baut, wie man ein Haus baut.“

Gewachsenes Wissen aus jahrhundertelanger Erfahrung.

Ganz anders: die futuristisch-brachialen Gebäude, die von den Sowjets finanziert wurden. Etwa der "Pavillon des Sports" in Bamako. Teil eines großen Freizeit- und Sportgeländes.

"Die Sowjets haben hier wirklich ein Meisterwerk der Architektur hinterlassen, was heute noch fast unberührt oder noch im Originalzustand erhalten geblieben ist", sagt Philipp Meuser.

Ausgerechnet diese fremdbestimmte Architektur hat lange Zeit das Aussehen Afrikas geprägt. Kolonialismus mit anderen Mitteln. Ein nordkoreanisches Wandbild in Bamako. Jeder Investor wollte seine Spuren hinterlassen. Vergesst nie von wem ihr abhängig seid! Heute wird Architektur oft von China bezahlt. Der Bahnhof von Nairobi. Die Hauptverwaltung der "African Union" in Addis Abeba.

"Wir müssen uns diese moderne Architektur aneignen, allerdings nach Maßgaben unserer eigenen familiären, kulturellen und wirtschaftlichen Realitäten. (...) Wir alle, die wir in Jugoslawien, China oder den USA studiert haben, müssen, wenn wir nach Hause kommen, bescheiden sein, uns an unsere klimatischen Gegebenheiten anpassen, innovativ sein und vergessen, was wir in den kalten Ländern akademisch gelernt haben", sagt der Architekt Boubacar Mady Diallo.

Die Abhängigkeit von anderen Staaten, heute meistens China, ist nach wie vor ein großes, strukturelles Problem. Architektonisch ist der Kolonialismus vergangener Jahrhunderte nahezu überwunden. Afrika ist mittendrin in der vielleicht spannendsten Phase seiner Architekturgeschichte.


Bericht: Andreas Krieger

"Architectural Guide: Sub-Saharan Africa" von Philipp Meuser und Adil Dalbai.
Sieben Bände, 3.412 Seiten, 148 Euro.
Erscheinungsdatum: 01.12.2021

Stand: 28.11.2021 20:00 Uhr

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