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Klima, Angst und Wahrheit

Über die Konfliktfelder unserer Gesellschaft und den Netflix-Hit "Don’t Look Up"

PlayLeonardo DiCaprio in dem Netflix-Hit ""Don’t Look Up"
Klima, Angst und Wahrheit  | Video verfügbar bis 20.02.2023 | Bild: Netflix

Da ist etwas – im All. Ein Komet? Ein – sehr großer – Komet. Ein "Planetenkiller". Und er kommt immer näher. Zwei Wissenschaftler:innen haben ihn entdeckt – und wollen die Menschheit aufrütteln, um sie doch noch retten zu können. 

"Ein direkter Einschlag auf der Erde in sechs Monaten und vierzehn Tagen. – Blickt in den Himmel, seht hin!", heißt es in einer Szene.

Doch die Menschen schauen lieber weg.    

"Sie wollen euch eurer Freiheit berauben! … Guckt nicht nach oben, guckt nicht nach oben!"
"Wieso können wir uns nicht darauf einigen, verdammt noch mal, dass ein riesiger Komet keine ungefährliche und gute Sache ist? Was zum Teufel ist denn mit uns passiert?", heißt es in einer anderen Szene.

Das ist die Geschichte von "Don’t Look Up". Dem neuen Film von Adam McKay. Es ist eine Parabel auf uns. Die Erzählung der großen, schmerzhaften Paradoxie unserer Gegenwart.

"Wir wissen genug, um die Klimakrise zu bekämpfen, aber wir handeln nicht entsprechend", sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. "Das Problem ist, dass dieses Wissen, bevor es politikmächtig wird, bevor es handlungsmächtig wird, im Extremfall in einem Schneesturm absurder Behauptungen versinkt."

Auch in der Pandemie könne man das erleben. Für Bernhard Pörksen zeigt die Geschichte des Films vor allem eins: Wie durch gezielte Desinformation Wahrheit immer mehr verdünnt wird. Bis nichts mehr von ihr übrig bleibt. Und wir nicht einmal mehr an das glauben, was direkt vor unseren Augen geschieht.

"Wie funktioniert das eigentlich – also wie verschwindet eine existenzielle Krise in einem medialen Spektakel, wird sie aufgelöst im Gelächter, in der Übertreibung, in der Provokationslust, in der Pseudo-Debatte und der Herstellung von Pseudo-Ungewissheit?", fragt Pörksen.

Wissenschaft, Aufklärung, Fakten: versunken im medialen Dauer-Rauschen. Ein kollektives Versagen, sagt die Publizistin Samira El Ouassil. "Don’t Look Up" überspitze das, zeige aber auch ganz genau, was unser eigentliches Problem ist.

 "Es ist ein Film über die erfolglose Kommunikation zwischen den verschiedenen Systemen, die unsere Gesellschaft ausmachen", sagt Samira El Ouassil. "Nämlich Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Medien, Öffentlichkeit. Und im Versagen der Kommunikation zwischen diesen einzelnen Systemen entsteht eben eine Form von Trägheit – oder: jeder verfolgt seine eigenen Interessen – die dazu führen, dass wir eigentlich das große Problem, was buchstäblich im Himmel zu sehen ist, über den Köpfen der Menschen, verdrängen."

…ignorieren, bagatellisieren, wegschieben. Das fällt leichter bei einer Krise, die immer da ist – aber gleichzeitig nicht "da" ist. Die wir in ihrer Komplexität nie ganz begreifen, nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen können. Die ein Hyperobjekt ist.

So nennt Timothy Morton das. Philosoph:in der Stunde. Mit der Theorie der Hyperobjekte hat Morton dem Allgegenwärtigen, aber auch Unvorstellbaren, einen Namen gegeben. Das Konzept ist längst zentraler Bestandteil des philosophischen und künstlerischen Diskurses.

"Ein Hyperobjekt ist etwas, das in Raum und Zeit so ausgedehnt ist, dass wir nicht mit dem Finger darauf zeigen können. Die Erderwärmung ist so ein Phänomen: Es ist dieses massive Ding und es findet über hunderte und tausende von Jahren statt", sagt Timothy Morton.

Ein gutes Beispiel, um das zu verstehen ist Styropor, auch ein Hyperobjekt. Allgegenwärtig, überall auf der Welt, aber für uns immer nur in Bruchstücken erkennbar.

 "Stellen wir uns alle Styroporbecher der Welt vor", sagt Morton. "Für fünf Minuten war einer davon mein Kaffeebecher. Dann schmeiße ich ihn weg, er kommt auf den Müll und ist dann für viele Jahrhunderte kein Kaffeebecher mehr, sondern dieses … andere Ding."

"Diesem anderen Ding" einen Namen zu geben, macht Unbegreifbares begreifbarer. "Hyperobjekte" so zu verstehen, kann helfen Lösungen zu finden für unsere größten Herausforderungen.

 "Wir haben so etwas wie ein narratives Gehirn, das die ganze Zeit auf der Suche nach Netzwerken, nach Strukturen, nach Mustern ist – aber eben vor allem nach Geschichten, Kausalzusammenhängen", sagt die Publizistin Samira El Ouassil. "Jetzt haben wir ein Problem, das so omnipräsent ist, zeitlich so entgrenzt, örtlich so entgrenzt, überhaupt nicht lokalisierbar, dass wir mit unseren Gehirnen gar nicht in der Lage sind, die Klimakrise als Ganzes zu erfassen. Das bedingt gleichzeitig, dass das Finden von Narrativen für die Klimakrise wahnsinnig schwer ist. Die Narrative müssen aber hinkriegen, dass eine Mobilisierung auf emotionaler Ebene stattfindet. Also das erkannt wird: die Klimakrise hat etwas mit mir zu tun.

…und dafür müssten wir zuallererst unsere Vorstellung von Natur überdenken, meint Timothy Morton: 

"'Natur' ist darin ein kulturelles, religiöses Konstrukt – und zwar ein ziemlich toxisches. Es basiert auf der Idee, dass wir Menschen unabhängig davon existieren. Die Natur ist dort und wir Menschen sind hier. Wir sind der Meister und die Natur ist der Sklave. Aber wir sind nicht der Höhepunkt. Wir sind nicht einmal ein Höhepunkt. Wir sind eine Lebensform neben vielen weiteren Lebensformen."

Eine zufällige Variante der Evolution, die aber die Fähigkeit entwickelt hat, die Biosphäre, dessen Teil sie ist, zu zerstören. Wie können wir zu einer neuen Weltsicht gelangen? Wenn wir es nicht einmal mehr schaffen, uns auf wissenschaftliche Fakten zu einigen. Wir brauchen eine neue Aufklärung, sagt Bernhard Pörksen.

"Es geht nicht ohne klassische Gatekeeper: wissenschaftliche, journalistische Profis, die Information sortieren. Es geht auch nicht ohne Wahrheit im Sinne einer Debatte und eines Ringens um Gewissheit und robustes Wissen", erklärt Pörksen. "Und es geht auch nicht ohne Streit. Also dieses betuliche Diskurs Modell, das Ganze, die ganze Gesellschaft sei so etwas wie ein riesenhafter Stuhlkreis, in dem alle permanent nur wertschätzende Botschaften formulieren. Das scheint mir inzwischen in Kenntnis der Desinformationsmacht einzelner Player vollkommen illusionär."

Keine Toleranz mehr für die Diskreditierung: von Fakten, von Wissenschaft, seriöser Politik und Journalismus.

In "Don't Look Up" scheitert die Menschheit. Der Komet schlägt ein, weil sie sich nicht auf die simple Tatsache einigen konnte, dass er nun mal kommt. Es ist das Ende der Menschheit.

"Ich glaube, der Trick in dem Film ist die Feststellung, dass der Komet keine Metapher für die Klimakrise ist, sondern dass wir der Komet sind, der auf unsere Zivilisation gerade einzuschlagen droht, durch unser Verhalten", Samira El Ouassil.

"Und vielleicht ist die Geschichte von 'Don’t Look Up' nur der erste Teil eines längeren Satzes. Zuerst denken wir: 'Oh mein Gott, das ist furchtbar!' Doch dann muss die Erkenntnis folgen, dass wir etwas dagegen unternehmen können. Also Regel Nummer eins: realisieren, diese Situation ist real. Das hier passiert wirklich. Das ist nicht nur diese Sache, die ich im Fernsehen sehe", sagt Timothy Morton.

Das Ende einer Welt kann der Anfang einer neuen sein, sagt Timothy Morton: Die Menschen – insbesondere die weißen, männlichen – sind nicht länger die Hauptdarsteller auf der großen Bühne namens Biosphäre. Es gibt also noch Hoffnung…


Beitrag: Jella Mehringer

Musik (u.a.): Marko Fürstenberg

Stand: 20.02.2022 19:54 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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