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Putin, der KGB und die Spaltung des Westens

Das fulminante Buch "Putins Netz" legt ein System frei, das den Atem stocken lässt

PlayWas hat Putin vor?
Putin, der KGB und die Spaltung des Westens  | Video verfügbar bis 20.02.2023 | Bild: HarperCollins

Der Westen hat ihn immer noch nicht verstanden. Putin – das sei nicht einfach nur ein Autokrat. Das sei ein mafiöses System, mit Geheimdienststrukturen, organisierter Kriminalität und gigantischer Geldwäsche. Das hat die Investigativjournalistin Catherine Belton für ihr Buch "Putins Netz" bis ins Kleinste recherchiert.

 "Anfangs wollte ich nur über die Oligarchen schreiben, die Großunternehmer aus dem engen Umkreis von Putin, die sehr mächtig geworden waren und einen Geheimdiensthintergrund hatten. Aber als ich schrieb wurde nach und nach etwas anderes offensichtlich: Die Frage nach der russischen Einflussnahme im Westen", sagt Catherine Belton.

Die Fäden von Putins Netz reichen zurück in die Zeit kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als er KGB-Geheimdienst-Offizier in Dresden war, wo er auch verdeckt Agenten bei der Stasi rekrutierte, die später noch im Westen eine Rolle spielen sollten, wie Belton zeigt.

"Da liegt der Ursprung seiner Weltsicht, seine 'Kalter Krieg Mentalität', in der der Westen als der Widersacher gesehen wird und der KGB muss alles dransetzen, den Westen zu untergraben und zu spalten", sagt Belton. "Unglücklicherweise ist das ein Muster in seinem Denken, das sich nie geändert hat. Und das sehen wir im Moment vorgeführt auf der Weltbühne an der Grenze zur Ukraine."

Nach dem Ende des Sowjetreichs wird er Vize-Bürgermeister von St. Petersburg. Mafia-Clans beherrschen damals die Geschäfte rund um den Hafen. Putin nutzt sie, um Öl- und Gas-Lizenzen an ein Netzwerk von Tarnfirmen im Ausland zu vergeben. Die Milliarden-Gewinne fließen in schwarze Kassen und in geheime KGB-Zellen im Westen.

"So hat Putin Russland im Grunde bis heute regiert. Er verteilt Schlüsselindustrien an seine engsten Freunde, die meisten haben einen KGB-Hintergrund, viele sind aus St. Petersburg. Sie müssen den erworbenen Reichtum mit dem Kreml teilen. Als Putin und seine Männer im eigenen Land genug Macht etabliert hatten, konnte der immense Reichtum, den sie in Steueroasen versteckt hatten, genutzt werden, um westliche Demokratien zu korrumpieren", erklärt Catherine Belton.  

Bestes Beispiel: Großbritannien. Russische Unternehmen gehen gezielt an die Londoner Börse, russische Oligarchen investieren, kaufen, spenden hier. Man nahm lange im Westen an, dass sich so die liberale Marktwirtschaft und vielleicht auch die Demokratie nach Russland exportieren ließen.

Doch stattdessen flutet russisches Schwarzgeld die City und wird dank der laschen britischen Finanzgesetze weißgewaschen. Niemand muss offenlegen, woher das Geld kommt. Belton sagt: Das macht sich Putin zu Nutze.

 "Es ist sicher, dass die meisten dieser Geldwäsche-Projekte von der höchsten Ebene der russischen Sicherheitsbehörden überwacht wurden, dass jeder dieser Banker, die Schwarzgeld-Konten im Ausland führten, von Russland gesteuert wurde", sagt die Autorin.

Auch Roman Abramowitschs Geschäfte folgen Putins Kalkül, sagt Belton. Sein Kauf des Fußballclubs FC Chelsea habe dazu gedient, den Einfluss Russlands in England zu stärken. Abramowitsch sei ein Oligarch von Putins Gnaden, der bei seinen Investitionen den Anweisungen des Kremls folge. Alles andere könnte den Verlust seines Vermögens bedeuten, vielleicht auch seiner Freiheit. Denn wie Putin mit aufmüpfigen Oligarchen umgeht, haben die Fälle Chodorkowski und Berezowski gezeigt.

Der Energiemagnat Chodorkowski, einst der reichste Mann Russlands, war über die Frage der Korruption mit Putin aneinandergeraten. Er wurde wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung angeklagt und zu zehn Jahren Haft verurteilt.

"Der Moment, als er ins Gefängnis musste, war der Wendepunkt, von da an begann der Kreml, das Justizsystem zu untergraben, besonders die Urteile vorzugeben, den Richtern zu sagen, welches Urteil sie im Fall Chodorkowski zu fällen hatten. Und das wurde ganz genau zur Kenntnis genommen von den anderen Oligarchen", sagt Catherine Belton weiter.

Rechtsbeugung. Erpressung. Illegale Konten. Staatliche Machtausübung wie bei der Mafia, wo Abtrünnige bestraft werden. Der Ex-KGB Offizier Alexander Litwinenko wurde mit Polonium vergiftet. Der Agent Sergei Skripal, Informant für westliche Geheimdienste, überlebte nur knapp einen Giftangriff. Wie der Ex-Oligarch Beresowski in London starb, wurde nie geklärt.

"Das ist Teil der KGB-Mentalität! Litwinenko und Skripal wurden liquidiert, weil sie als Verräter angesehen wurden", sagt Belton. "Sie waren in den Westen übergelaufen und hatten Russlands Interessen verraten. Das ist kalte, unbarmherzige Berechnung."

Wie konnte es so weit kommen? Der Westen trägt eine Mitschuld, glaubt Catherine Belton. Lange Zeit schaute man nicht nur im Londoner Bankenviertel bewusst weg, wenn es um russisches Geld und Einflussnahme ging. All das hat längst schon Wirkung gezeigt, um aktiv westliche Politik zu beeinflussen. Auch das belegt Belton detailliert. Die konservativen Tories zum Beispiel, Boris Johnsons Partei, erhalten bis heute großzügige Spenden von Oligarchen. Beträchtliche Summen flossen in Propaganda zugunsten der Brexit-Kampagne, in die Verbreitung von Fake News, nicht nur in Europa.

Schon vor Jahrzehnten konnte in den USA der Unternehmer Donald Trump mehrfach dank russischer Investoren der Pleite entgehen. Russisches Geld spielte wahrscheinlich später auch eine Rolle bei seinem Wahlsieg.

In ihrem Buch folgt Catherine Belton der Spur des Geldes. Dafür wurde sie von gleich vier Oligarchen, darunter Roman Abramowitsch, verklagt. Belastende Passagen sollten wegfallen.

"Zum Glück stärkte mir HarperCollins den Rücken", sagt die Autorin. "Wir erreichten Einigungen in allen Streitfällen. Der Staatskonzern Rosneft musste die Klage sogar zurückziehen, weil die Vorwürfe so lächerlich waren. Ich bekam viel Unterstützung von den Medien und wenn man mich körperlich angreifen würde, würde das wirklich nicht gut für sie aussehen."

"Putins Netz" – Beltons Buch ist eine akribische, furchtlose Recherche. Sie kommt zur richtigen Zeit. 


Beitrag: Hilka Sinning

"Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste" von Catherine Belton, 704 Seiten, HarperCollins, 2022.

Stand: 20.02.2022 19:22 Uhr

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