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Die Rückkehr des Faschismus

Paul Mason über die neuen Formen eines alten Schreckens

PlayWirtschaftswissenschaftler, Journalist und Aktivist Paul Mason
Die Rückkehr des Faschismus  | Video verfügbar bis 08.05.2027 | Bild: hr

Nie wieder! Das meinte mal mehr als eine Hoffnung. "Nie wieder" meinte eine Tatsache, denn der Faschismus schien überwunden, als ein historisches Phänomen des 20. Jahrhunderts. Und heute?

"Wir erleben gerade, dass faschistische Ideen den Rechtspopulismus und den Konservatismus beeinflussen", sagt Paul Mason. "Sie wirken wie ein Magnet. Waren sie vor zehn Jahren besorgt wegen Halal Fleisch und Kopftüchern, oder passte ihnen die Hautfarbe von jemandem nicht, sprechen sie heute von einem globalen ethnischen Bürgerkrieg. Sie sprechen vom Tag X, an dem die Welt kollabiert, in ethno-nationalistische Kämpfe. Sie sprechen offen von Genozid."

Wir haben uns geirrt, sagt der britische Journalist und Wirtschaftswissenschaftler Paul Mason.

"Für mich ist inzwischen bewiesen, dass der Faschismus ein wiederkehrendes Phänomen im industriellen Kapitalismus ist. Und selbst wenn wir ihn dieses Mal besiegen, wird er zurückkehren. Wir müssen akzeptieren, dass Faschismus in jeder Gesellschaft entstehen kann, auch im globalen Süden, in Indien, in Brasilien", so Mason.

In Indien haben hindu-nationalistische Gruppen wie der RSS inzwischen Millionen von Mitgliedern. Sie träumen von einem "reinen", hinduistischen Staat. Inzwischen mehren sich die Pogrome gegen die muslimische Bevölkerung. Die Lynchmobs werden gedeckt und durch Propaganda befeuert von der Regierung Narendra Modis – der ist selbst Hindunationalist.

"Am meisten sorge ich mich um Indien", sagt Mason. "Ja, es gibt einen gewählten Regierungschef, eine etablierte Partei. Er ist kein Faschist. Es gibt aber eine faschistische Bewegung und jetzt gibt es tatsächliche Pogrome, eine Völkermord-Rhetorik gegen die muslimische Bevölkerung, 170 Millionen Menschen. Heutige Faschisten denken nicht in sechs Millionen, sie denken in Hunderten von Millionen potenzieller Opfer."

In seinem Buch "Faschismus. Und wie man ihn stoppt", beschreibt Mason, wie gewählte Rechtspopulisten die modernen Faschisten zur Gewalt anstacheln.

Etwa, wenn Trump einen rassistischen Mob dazu aufruft, das Kapitol zu stürmen, um seine Abwahl zu verhindern. Oder: wenn Rechtsextreme in Brasilien den obersten Gerichtshof angreifen (2020).

"Was ist das, wenn eine Gruppe von 300 Menschen den Obersten Gerichtshof in Brasilien angreift, in Brasilia, mit der stillschweigenden Zustimmung des Präsidenten? Das ist keine normale Regierungsform. Wir sehen, wie Autoritäre und Populisten die Straßen gegen die Demokratie mobilisieren", sagt der Autor.

Der Faschismus konnte zurückkehren, weil das System in dem wir leben in die Krise geriet, Es sind aber nicht einfach die Verlierer des Hyper-Kapitalismus, die Opfer wachsender Ungleichheit, die sich jetzt wütend den Faschisten und ihren Wegbereitern zuwenden, sagt Mason. Nein, es seien gerade auch die Gewinner dieses Systems.

"Was wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben, ist eine Pipeline zwischen Ultra-Libertarismus und rechtsextremer Politik", so Mason. "Das ist seltsam, weil die Libertären in Amerika keinen Staat wollen. Sie wollen einen entfesselten Kapitalismus, in dem der talentierte Milliardär weitere Milliarden Dollar verdienen kann. Aber plötzlich wurden sie mit der Realität konfrontiert: Das Finanzsystem wäre beinahe zusammengebrochen. Der Staat musste das Finanzsystem retten."

2008 sind die Verwerfungen der Finanzkrise so groß, dass die Superreichen spüren: Auf einem völlig freien, chaotischen Markt sind selbst sie nicht ausreichend geschützt.

"Dann kam der Aufstieg großer und mächtiger Protestbewegungen, wie Occupy Wall Street, der Arabische Frühling, Black Lives Matter", sagt Mason.

Als Markt und Demokratie ungemütlich werden, wächst im Silicon Valley die Sehnsucht nach einem autoritären Staat und eine royale Führerfigur, die die Milliardäre schützt. Paypal-Gründer Peter Thiel verkündet schon 2009, dass die Demokratie unvereinbar mit der Freiheit sei – seiner Freiheit natürlich.

"Und 2016 erschien dieser Monarch. Donald Trump, der Macht und Geld an ihre Familien verteilte. Und was passierte? Die rechtslibertäre Gruppe im Silicon Valley rannte direkt zum Weißen Haus, um ihm zu gratulieren und Teil seines Projekts zu werden", erzählt Mason. "Was Trump hilft ist, dass sie ihm ihre Algorithmen offengelegten, damit förderten sie die rechtsextreme Desinformation. Ich glaube nicht, dass das eine Verschwörung ist. Es ist ein Impuls innerhalb des Libertarismus, dann zur ultrarechten autoritären Lösung zu wechseln erliegen, wenn ihr System in einer Krise steckt."

Viele Gesellschaften erleben heute vorfaschistische Entwicklungen, die wir jetzt aufhalten müssen, sagt Mason

"Für Menschen wie mich – einen Linken und  25 Prozent meiner DNA sind jüdisch – ist das kein Hobby. Es ist Leben. Überleben. Das gleiche gilt für Roma, für Schwarze, für Muslime. Sie werden uns kriegen jagen", sagt Mason.

Mason auf dem Weg zu einer Demonstration vor der russischen Botschaft in London. Putin habe keine faschistische Bewegung auf der Straße gebraucht, sondern sei schon in einem autokratischen System an die Macht gekommen und habe sich im Amt in Richtung Totalitarismus radikalisiert.

"Das faschistische Element kommt ins Spiel, wenn er sagt, was er den Ukrainern antun wird: ihre Sprache auslöschen, ihre Ethnie , alle Möglichkeiten, ihr Ukrainisch-Sein zu zelebrieren. Und dann fesseln sie die Leute am Boden und schießen ihnen in den Kopf. Im Völkerrecht bedeutet Genozid: Absicht und Handlung", sagt der Autor.

Paul Mason plädiert für Waffenlieferungen in die Ukraine – Demokratien müssten sich wehren können: Auch im Inneren, etwa durch Verbote und stärkere Kontrolle sozialer Netzwerke. In seinem Buch fordert aber vor allem, dass sich Linke und Liberale endlich zusammentun. Es brauche eine antifaschistische Allianz, wie sie in den 1930ern gefehlt habe.

"Der Liberalismus muss entscheiden, was er will", so Mason. "Wenn er seine gesamte Zukunft damit verbringen will, gegen die Linke zu kämpfen, gut. Dann werden wir alle zusammen untergehen. Der Liberalen müssen aber verstehen, dass die Linke ein Verbündeter sein kann und dass all diese störenden Gruppen, diese jungen lästigen Menschen, eigentlich Verbündete im Kampf für die Demokratie und gegen Totalitarismus sind und nichts anderes.

Beitrag: Grete Götze

Paul Mason: "Faschismus. Und wie man ihn stoppt".
443 Seiten, Suhrkamp, 2022. 20 Euro

Stand: 08.05.2022 20:00 Uhr

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