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Sibylle Bergs Mammutroman "RCE"

Ein Versuch, die Welt zu retten

PlaySchriftstellerin Sibylle Berg
Sibylle Bergs Mammutroman "RCE" | Video verfügbar bis 08.05.2027 | Bild: hr

"Sie verstecken ihre Pläne nicht einmal mehr. Weil sie haben keine. Sie haben nur Ideen und Impulse und denen folgen sie. Wer ist eigentlich sie?, fragte Rachel und keiner antwortete. Gegen wen sollte man kämpfen? Wo sich beschweren, wenn scheinbar 90 Prozent der Menschheit am Durchdrehen war und jedes einfach irgendetwas machte?"

In ihrem neuen Roman "RCE" beschreibt Sibylle Berg eine Welt am Abgrund: Eine kleine Minderheit der Superreichen beherrscht die Mehrheit. Ihre Romanwelt ist ein ungemütlicher Ort, wer nicht mithält fliegt raus. Eine Dystopie, die auch im wunderschönen Tessin spielt und die vielleicht gar keine Dystopie ist? Sondern eine ein klein wenig überdrehte Variante unserer nahen Zukunft? Sybille Berg spielt mit vielen realen und einigen erfundenen Fakten.

"Mich interessiert eigentlich – welchen verdichteten Blick kannst du auf den Schlamassel werfen, in dem wir stecken? Wie kannst du den drei Nasen, die noch Bücher lesen, irgendwie ein bisschen gute Laune und ein paar Informationen schenken, die nicht mit Arte zu tun haben", sagt Sibylle Berg.

700 Seiten über fast alle Plagen unserer Welt. Keine leichte Sommerlektüre, sondern Einblick in die Vorhölle: Da verspeist man Insektenburger und der Papst trägt auch Schuld an der Klimakatastrophe. Investmentfirmen haben alles aufgekauft, ihre Algorithmen sortieren aus, was keinen Profit bringt, einschließlich Menschen. Alle fügen sich, weil alle immer noch an das beste aller Systeme glauben.

"Wir fressen die Erde auf, und verpesten sie. Das Klima wird  kippen irgendwie", erzählt Sibylle Berg. "In Deutschland gibt es Prognosen, dass zuallererst das Wasser knapp werden wird…. Jetzt merken wir – uhh, wo kommt denn die schöne Energie eigentlich her, da haben wir ein Problem, jetzt müssen wir frieren, und für den Wohlstand und Frieden frieren wir jetzt. Also es wird ungemütlicher und irgendwie kann man fragen – Ist das wirklich das beste aller Systeme oder gibt es da was anderes? Was benötigt es denn, dass etwas anderes kommt?"

….die Jugend, die aufbegehrt! Natürlich sind das bei Sibylle Berg Aussenseiter, Nerds, die mit ihren Inselbegabungen in der Lage sind, die totale Überwachung überhaupt zu erkennen und das System dann mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. In abhörsicheren Containern planen sie einen Reset der Welt.

"Och guck mal – Jagdflieger", sagt die Autor:in.
Pünktlich zum Interview anhaltendes Flugtraining der Schweizer Armee. Eine Szene, die aus ihrem Buch sein könnte.
"Ich glaube wirklich, wir brauchen mehr Waffen… für den Frieden", sagt Berg.
… mal ironisch, mal todernst.

"Wir merken irgendwie – das, was alles abstrakt war, so abstrakt wie Überwachung, Klimawandel, Reiche werden immer reicher – das kommt jetzt näher. Puh? Was machen wir damit? Das könnte mich betreffen. Weil, es ist schon immer so, dass den Menschen Sachen nur interessieren, wenn es an sein kleines Reich geht- seine Sicht auf die Welt, seine Familie, sein Häuschen. Und man fragt sich irgendwie: Was kann man jetzt tun?", sagt Berg.

Im Buch haben die meisten Menschen längst keine Häuschen mehr. Natur und Idylle wie am Lago Maggiore in der Schweiz, gehört den Reichen, als Zweitwohnsitz. Doch auch die anarchistische Hackergruppe operiert von hier aus.

"Ben liebte die Schweiz. Das Bühnenbild, hinter dem eifrige Regierungsvertreterinnen unermüdlich damit beschäftigt waren, Geldwäschegesetze zu umgehen und immer neue, kulante Steuergesetze zu erlassen. Also für die Milliardäre, die hier lebten. In diesem Labor des Neo-Feudalismus – oder auch: 'Hallo Schweiz, du perfekter Ort für eine ausgelassene Anarchistenparty'", liest Berg aus ihrem Buch vor.

Die Hacker und Nerds sind allesamt Utopisten und Weltverbesserer. Sie haben ihren Unterschlupf in einem abgelegenen Tal – in einem verlassenen Bergdorf.  

"Dass so eine internationaler Hackergruppe irgendwie im Tessin hockt, das fand ich schon als Gag sehr, sehr hübsch", erzählt die Autor:in.

Sibylle Berg ist eine scharfe, pointierte Beobachterin. In ihrem Roman präsentiert sie eine Flut genau recherchierter Fakten und  sie hat sich in die Technologie von Quantencomputern eingefuchst. Das war selbst für sie ziemlich fordernd.

"Ich bin nicht irre schlau", bemerkt Berg. "Das merke ich immer wieder und bin sehr unglücklich darüber. Andererseits denke ich mir – ist ja cool, weil wenn ich richtig schlau wäre, würde ich es auch nicht merken. Dann denke ich auch wieder, ist egal, weil tot ist tot irgendwann."

Sie wird zum Buch eine Filminstallation ins Netz stellen. Als würden die Hacker des Buches in die Wirklichkeit hacken. Mit ihrer "remote code execution", per Fernbedienung die Systeme der Welt löschen um diese zurück auf Null zu setzen.

"Meine Güte – wir haben jetzt wie lange Kapitalismus? Wie lange hatten wir andere Systeme?", fragt Berg. "Wäre nicht mal an der Zeit, dass man etwas Neues erfindet? Weil so diese Behauptung des Kapitalisten ist ja immer, das ist die beste aller Zeiten ... es hat so viel Segen über die Welt gebracht. Jetzt hat es eine Umdrehung erreicht, die sich selber auffrisst."

Und nach dem Reset der Welt heißt es – als letzte Worte im Roman – "Vielleicht wird es dieses Mal besser" – Fortsetzung folgt, hat Sybille Berg versprochen.

Beitrag: Sarah Plass

Sibylle Berg: "RCE". 704 Seiten, 2022.
Kiepenheuer&Witsch, 26 Euro.

Stand: 08.05.2022 20:00 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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