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Die 80er und wie sie unsere Welt bis heute prägen

Jens Balzer schreibt in "High Energy" über ein entscheidendes Jahrzehnt

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"High Energy" von Jens Balzer: Die 80er und wie sie unsere Welt prägen | Video verfügbar bis 06.06.2022 | Bild: hr

Tschernobyl, Anti-Atomkraft-Demos und atomares Wettrüsten. "Es gab schon ein extremes Gefühl der Unsicherheit", sagt Jens Balzer. Die Achtziger Jahre. Ein Jahrzehnt unter Spannung. "High Energy" – so heißt sein neues Buch.

"Jahrzehnt der Angst"

Er beschreibt eine Dekade zwischen Aufbruch und Apokalypse: "Die 80er begannen auf alle Fälle als Jahrzehnt der Angst, also: Die Angst vor dem Atomkrieg. Die Angst vor der Kernenergie, die ja auch trotz der großen Bürgerproteste mit aller Macht durchgepeitscht wurde, von der Regierung, von der Industrie. Es gab dann natürlich Aids, 1984/1985: Die Angst vor der Seuche, auch die neue Angst vor der Sexualität. Das waren alles ganz zentrale Themen und dann noch Tschernobyl…"

Die Reaktorkatastrophe, durch die sich Radioaktivität über die ganze nördliche Halbkugel verbreitet. Spätestens jetzt wird allen klar: Umwelt kennt keine Grenzen – und keine Mauern! Und dann sind da noch Waldsterben, Sommersmog und das Ozonloch. Die Öko-Bewegung und die neue Grüne Partei fordern die "planetare Wende". Jens Balzer: "Also das Gefühl, dass es so mit dem Planeten, mit der Ausbeutung des Planeten und mit der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, nicht so weitergehen kann, dass die Zukunft der gesamten Menschheit in Gefahr ist: Das gibt es heute. Das gab es damals schon genauso."

Ökobewegung und New Wave

Die Ängste und Stimmungen der Zeit prägten auch die Jugend- und Subkulturen. Damals entstanden so viele verschiedene wie nie zuvor - und auch danach nie wieder. "In den Achtzigern differenzierte sich das alles aus", sagt Balzer. "Es gab natürlich immer noch die Hippie- und Ökobewegung, die Strickjackenträger. Der eigentliche popkulturelle Soundtrack war aber natürlich Punk und New Wave. Und da hatte man im Grunde die Zukunft ja schon aufgegeben. Also es war eigentlich klar, dass die Apokalypse bevorsteht."

Jens Balzer beschreibt die Bewegungen der 80er mit Witz und sanftem Spott. Aber auch wie bestimmend sie noch für unsere Gegenwart sind. Die "Grünen": Heute dem Kanzleramt näher als je zuvor. Damals stimmen die meisten Jungwähler noch für die CDU. Und Kanzler Kohl will gewiss keine planetare Öko-Wende, sondern eine ganz andere, sagt Balzer: "Unter Helmut Kohl wird die geistig moralische Wende ausgerufen. Wir wollen zurück zu einer überschaubar geordneten Gesellschaft, in der das Modell der Kleinfamilie außer Frage steht. In der klar ist, dass die Männer zur Arbeit gehen und die Frauen im Zweifelsfall die Kinder erziehen und zu Hause bleiben."

Der Beginn des heutigen Neoliberalismus

Ganz fortschrittlich gibt sich Kohl aber in der Wirtschaftspolitik. Der endgültige Niedergang der Schwerindustrie zwingt zur Neuorientierung. Es folgt: Der Umbau zur "Dienstleistungsgesellschaft". Beschleunigt durch den Beginn der "digitalen Revolution". Erste bezahlbare PCs kommen auf den Markt. Neue Berufsbilder und Fähigkeiten sind jetzt in: "In der Popkultur und auch in den Filmen des deutschen Kinos wird dann so der Werbegrafiker oder Marketingmann zum ersten Mal zum Symbolbild der kommenden Epoche. Es gibt da Filme wie ‚Wall Street‘, die diese neue Yuppie-Kultur beschreiben. Da entsteht etwas völlig Neues, zu dem man gerade auch in Deutschland - die Sozialdemokratie auch erst mal - keinen Anschluss hat. Das ist politisch nicht repräsentiert."

Der Niedergang der SPD beginnt schon damals. Aber auch die konservative "geistig-moralische Wende" bleibt aus. Es wird stattdessen ein Jahrzehnt der "Individualisierung": Der klassischen Familie gegenüber tritt das Ideal des unabhängigen "Erfolgsmenschen". Es ist auch die Epoche des Hedonismus. Und Beginn eines Neoliberalismus, der für Privatisierung und weniger Sozialleistungen steht. Der Kultfilm "Wall Street" zeigt materialistische Egoisten. Cool und mächtig. Jens Balzer: "Das waren gewissermaßen kulturelle Symbolfiguren für diejenige wirtschaftliche Gruppe, deren Geschicke am Ende des Tages unsere wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse bis heute bestimmen. Insofern kann man sagen: Das ist das, was von den 80ern in ganz fundamentaler Weise übriggeblieben ist."

Zwischen Befreiung und Bedrückung

Die Achtziger waren: Befreiung! Sexuelle Selbstbestimmung, verwischende Geschlechterbilder. In der Pop-Kultur sind homosexuelle und androgyne Künstler stilprägend. "Es war völlig selbstverständlich", sagt Balzer, "dass man für die Emanzipation von Schwulen und von ethnischen Minderheiten eintrat – aber gleichzeitig gegen die Gewerkschaften und ihren Einfluss auf die Tarifbildung stritt. 
Und das ist ja im Grunde genau die Konstellation, die wir heute auch sehen: Es ist überhaupt kein Widerspruch, vermeintlich progressive Identitätspolitik zu betreiben und auf der anderen Seite zu einer ausbeuterischen Startup-Kultur des Digitalkapitalismus zu gehören."

 Der Hyperkapitalismus, der uns heute beherrscht, wurde damals tief verankert in der Welt des Westens. Am Ende des Jahrzehnts kam dann – statt der Apokalypse:  eine Wende, mit der niemand gerechnet hat. "Wenn man aus den 80ern irgendwas lernen kann, gerade mit dem Blick auf das Ende des Jahrzehnts: dass die Leute sich eigentlich unablässig irren. Also, es war auch ein Jahrzehnt voller Irrtümer. Und ich glaube, das kann oder sollte einem auch für die Betrachtung der Gegenwart eine Lehre sein", sagt Jens Balzer.

Die Achtziger: ein Jahrzehnt zwischen Befreiung und Bedrückung, zwischen Feminismus, Umweltkollaps, Virus und Kapitalismus. Seltsam gegenwärtig.

Bericht: Alexander C. Stenzel

Jens Balzer "High Energy"
400 Seiten, 28 Euro
Rowohlt Berlin, 15. Juni 2021

Stand: 06.06.2021 23:30 Uhr

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