SENDETERMIN So., 06.06.21 | 23:30 Uhr | Das Erste

Von Robotern und anderen Menschen

Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro über den Kern des Menschlichen

PlayIshiguro
Von Robotern und anderen Menschen | Video verfügbar bis 06.06.2022 | Bild: hr

»Wenn ich das Glück hatte, die Sonne zu sehen, hielt ich ihr das Gesicht entgegen, um viel von ihrer Nahrung aufzunehmen. (...) Managerin erlaubte uns, nach vorn zu gehen, direkt ins Schaufenster. (...) So konnten wir die Außenwelt sehen – die vorbeihastenden Büroarbeiter, die Läufer, die Touristen (...). Josies Blick war auf mich geheftet. Sie war blass und dünn.
Auszug aus: "Klara und die Sonne", Kazuo Ishiguro«

"Als Klara im Laden steht, blickt sie nach draußen auf die Straße, wo sie noch nie war. Sie studiert die Menschen, versucht ihr Verhalten zu verstehen. Wie sie sich bewegen, wie sie sich umarmen und grüßen. Sie sieht dies alles durch die Linse der Einsamkeit."Josie, eine kranke Dreizehnjährige, wählt Klara aus, eine Androidin. Eine Künstliche Intelligenz in Mädchengestalt. Ihre gemeinsame Geschichte wird aus Sicht der künstlichen Freundin erzählt.

"Was bedeutet es ein Mensch zu sein?", fragt Kazuo Ishiguro. "Warum werden Menschen einsam? Und was ist die menschliche Liebe? Diese Fragen tauchen ganz natürlich auf.""Klara und die Sonne"ist der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro. In einfacher, tastender Sprache beschreibt er die Bewusstseinswerdung einer Künstlichen Intelligenz.  

»Die Sonne hatte, erleichtert und glückselig, ihre besondere Nahrung gespendet.«

Die menschliche Seele in einer Welt voller Algorithmen

Klara kommt in das isolierte Haus von Josie und ihrer Mutter. Beide trainieren Klara – mit ganz unterschiedlichen Absichten – wollen ihr "Seele" einhauchen. Ishiguro: "Wir leben in einer Welt, in der Algorithmen und Daten zu täglichen Begleitern unseres Lebens geworden sind. Wird das unseren Glauben beeinflussen, an dem wir uns Jahrhunderte festgehalten haben? Dass jedes Individuum etwas ganz Eigenes im Körper trägt? Dass wir etwas in uns haben, das man nicht sehen, nicht messen kann unter dem Mikroskop oder per Ultraschall? Einen Geist, eine Seele, die tatsächlich uns alle voneinander unterscheidet und die jeden von uns zu etwas sehr, sehr Eigenem macht."

Klara wird die Dienerin der todkranken Josie. Vor einiger Zeit erkrankte auch Josies Schwester und starb. In ihrer Trauer und Verzweiflung entwickelt die Mutter einen monströsen Plan, in dem Klara die zentrale Rolle spielt. Josie, genauer gesagt: die Idee von Josie, soll um jeden Preis weiterleben. "Wie würde das die Natur der menschlichen Liebe verändern?", fragt Ishiguro. "Was wäre tatsächlich möglich, wenn du mit der beängstigenden Aussicht konfrontiert würdest, dass jemand den du liebst, sterben muss? Und wenn du nach irgendeiner Möglichkeit suchen würdest, dem Schmerz zu entkommen? Wäre es dann nicht eine Versuchung, zu denken, dass man die Person einfach kopieren und reproduzieren könnte? Um auf diese Art und Weise diese Person am Leben zu erhalten. Wenigstens für dich selbst."

Lässt sich ein geliebter Mensch durch einen Androiden ersetzen? Was würde das bedeuten? Wen lieben wir dann? Und: wie viel zählen Gefühle und Bewusstsein dieser Maschine? Ein gemachtes Wesen – das wir für unsere Zwecke gebrauchen. Benutzen.  

Ishiguros Texte: feine, schreckliche Kompositionen

Ishiguros Roman ist gleichzeitig auch Nachdenken über das Schreiben an sich. Wie nahe kann uns die Geschichte eines Wesens gehen, das an sich eine pure Konstruktion ist? "Ich bin mir immer sehr bewusst, dass alle fiktionalen Charaktere, zum Beispiel Raskolnikow von Dostojewski oder andere Figuren, künstliche Geschöpfe sind. Sie existieren nicht wirklich. Sie wurden geschaffen mit kleinen Stückchen Schreiberei auf Papier. Natürlich wissen wir das. Wenn wir lesen, wissen wir das die ganze Zeit. Wir reagieren auf eine emotionale Weise auf künstliche Geschöpfe, wenn wir wegen des Schicksals eines fiktionalen Charakters weinen", sagt Kazuo Ishiguro.

In seinem Roman hat der Mensch längst begonnen, auch sich selbst neu zu schaffen, genetisch zu verändern. Was bedeutet Elternliebe, wenn Josies Mutter ihre Tochter optimieren lässt und dafür womöglich den höchsten Preis zahlen muss?

Ishiguros Texte sind feine, schreckliche Kompositionen. Tatsächlich war er früher Songwriter. Er sagt: "Wenn du einen Song schreibst, dann machst du dir viele Gedanken darüber, was mit einer Person passiert, wenn sie aufhört den Song zu hören. Als Songwriter will ich, dass der Song in Herz und Verstand des Hörers bleibt. Dass er Teil des Lebens dieser Person wird. Dass ich diese Person nicht einfach nur die drei Minuten, die ein Song dauert, unterhalte. Und ich habe erkannt, dass ich auch als Roman-Schriftsteller mir viele Gedanken darüber mache, was mit dem Leser passiert, wenn er aufgehört hat, den Roman zu lesen."Noch Wochen nach der Lektüre wird man von Ishiguros Familienaufstellungen verfolgt. Was wollen Eltern wirklich, wenn sie das Beste für ihre Kinder wollen? Und: Wie viel Menschlichkeit kann in einem künstlichen Wesen sein?

»Das Herz des Menschen. (...) Etwas, das jedes Individuum (...) einmalig macht? (...) Das könnte tatsächlich das Schwierigste sein, das ich zu lernen habe.«

 "Ich denke Klara versteht, dass diese Sache, die sich menschliche Liebe nennt, von großer Bedeutung ist", sagt Ishiguro. "Sie versteht, dass es entscheidend damit zu tun hat, wie sich menschliche Wesen zueinander verhalten. Und dass es auch etwas ist, das großen Schmerz mit sich bringt. Als sich die Geschichte entfaltet, verstehen wir, dass Klara eine entscheidende Rolle darin spielt, diese Familie vor Kummer zu bewahren. Es ist eine Untersuchung menschlicher Einsamkeit und Liebe. Durch die Augen einer Außenseiterin." Klara, die Androidin, will schließlich alles tun, um Josie zu retten.  

»Der glutrote Schein (...) war immer noch intensiv, jetzt aber leuchtete er beinahe sanft (...) Und ich spürte genau, dass mir die Sonne freundlich zulächelte, als sie sich zur Ruhe begab.«


Bericht: Andreas Krieger

Kazuo Ishiguro "Klara und die Sonne"
352 Seiten, 24 Euro
Karl Blessing Verlag, 2021

Stand: 06.06.2021 23:30 Uhr

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 06.06.21 | 23:30 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste