SENDETERMIN So., 06.06.21 | 23:30 Uhr | Das Erste

Wie werden wir in Zukunft miteinander leben?

Die Architekturbiennale in Venedig und der deutsche Pavillon

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Wie werden wir in Zukunft miteinander leben? | Video verfügbar bis 06.06.2022 | Bild: hr

Venedig. Schönheit und Krise. Ort der Visionen und der Bedrohung. Um zu überleben muss die Stadt sich wieder einmal ganz neu denken.

 "Wie wollen wir zusammen leben?" Kein Ort könnte passender sein für dieses Motto, das Hashim Sarkis der diesjährigen Architekturbiennale gegeben hat. "Architektur kann neue Lebensweisen entwerfen, wie wir zusammenkommen, uns in der Öffentlichkeit begegnen, als Familie leben können", sagt Sarkis. "Architektur hat immer auch schon politische Ideen geliefert, die dann übersetzt wurden in gesellschaftliche Formen. Es ist also nicht neu, dass Architektur die Politik inspiriert. Aber diese Biennale versucht uns das noch mehr bewusst zu machen."

Der deutsche Pavillon: leer. Fast.

Erst kurz vor der Eröffnung entschied sich, dass auch die 17. Architektur-Biennale mit Publikum stattfinden kann. Endlich: Begegnungen, Installationen, Erlebnisse. In den Länderpavillons geht es um Kolonialismus, Migration, Klima: die Krisen unserer Zeit. Im deutschen Pavillon aber sind alle Probleme schon überwunden und es gibt nichts zu sehen…

…Außer: QR-Codes. Hinter denen öffnet sich der Blick in eine goldene Zukunft. Ein Film über die Welt im Jahr 2038: Zwei Teenager besuchen die Giardini, den Ort der Biennale. Umschwirrt von altklugen KIs, künstlichen Intelligenzen, blicken sie zurück.

Expert:innen unterschiedlichster Disziplinen

Die Kids der Zukunft wundern sich, wie wenig in der Welt von 2021 im Sinne des Gemeinwohls gedacht wurde. Das Drehbuch geschrieben hat Leif Randt, Romanautor von "Allegro Pastell", einer der vielen Mitwirkenden des deutschen Pavillons. Ein Schriftsteller? Es sollte doch um Architektur gehen?!

"Das war auf jeden Fall die Grundidee", sagt Leif Randt. "Dass man Architektur jenseits von der puren Konstruktion von Gebäuden denkt. Das ist die Grundlage dieses ganzen Pavillons. Also sozusagen auch ein bisschen zu dieser Hybris von dieser Architektengang, die den Pavillon gestalten durfte, zu sagen: ‚Nein, we‘re architecting society, achitecting reality usw.‘ Das so viel größer zu denken und dementsprechend gar nicht so viel mit anderen Architekten und Architektinnen zusammenzuarbeiten, sondern eben mit Leuten aus allen möglichen Sparten." Die erlebt man hinter weiteren QR-Codes. Ökonomen, Publizistinnen, Internetphilosophen, Stadtplanerinnen beschreiben in Filmen, wie sie sich 2038 vorstellen: eine gemeinwohlorientierte, klimaneutrale, gerechte Utopie.

»Die Entwicklung von Nicht-Märkten, beruhend auf Solidarität.
 Evgeny Morozov«

»Demokratische Teilhabe im großen Stil: Die Bürger sind mit ihrer Erfahrung bei den Entscheidungsfindungen der Rathäuser beteiligt. Das wurde zur Regel bei der Städteplanung.
Francesca Bria«

»Die wahre Macht von künstlicher Intelligenz ist nicht ihre Verselbständigung, sondern, dass sie unseren Verstand erweitert. Unsere eigenen menschlichen Fähigkeiten vergrößert, damit wir effektiver zusammenarbeiten können.
Vint Cerf«

Die Architektur von Gesellschaft und Gemeinschaft

Die KuratorInnen um Arno Brandlhuber nennen ihre Ausstellung "New Serenity".  Eine neue Gelassenheit angesichts all der kommenden positiven Entwicklungen: "Unsere Daten werden uns wieder gehören", sagt Brandlhuber. "Der Grund und Boden – sie können sich das noch nicht vorstellen jetzt – aber da er nicht herstellbar ist, da er nicht als Ware produzierbar ist, wird er auch nicht warenförmig handelbar sein." Angelika Brandlhuber sagt: "Also das Thema Eigentum, Property: Wer kann überhaupt mitsprechen? Wer hat Recht an Teilhabe? Beziehungsweise: Wie können wir uns gesellschaftliche Strategien überlegen, die es möglichst vielen Menschen ermöglichen, teilzuhaben an gestalterischen Inhalten? Also der Architekt oder die Architektin als Enabler, als Möglichmacher für größere gesellschaftliche Prozesse."

Es geht um die Architektur von Gesellschaft und Gemeinschaft.  

"Vielleicht ist das auch eines der Credos", sagt Arno Brandlhuber, "dass wir es nur gesamtheitlich, global in den Griff bekommen. In dem Moment wo wir immer noch glauben, wir könnten unser Wachstum gegen das des Südens, oder des direkten Nachbarn in Stellung bringen, haben wir noch nicht genug Krisen erlebt, um zu einem Besseren zu kommen." Dieser Pavillon, diese Stadt scheinen sagen zu wollen: Utopien sind möglich. Hashim Sarkis: "Bei Architektur geht es doch darum etwas aufzubauen. Es geht darum unterschiedlichste Menschen zusammenzubringen, um etwas zu schaffen. Wenn das kein Optimismus ist, was dann?"

Man kann das alles für Phantasmen halten. Aber auch diese Stadt in einer Lagune zu bauen war mal eine irrwitzige Idee.


Bericht: Ulrike Bremer

Stand: 06.06.2021 23:30 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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